Paul Austers "Winterjournal" Biografie des eigenen Körpers

Zwischen Kopfverletzungen und Panikattacken: In "Winterjournal" erzählt Paul Auster die Geschichte seines Körpers. Er vermerkt Schokoriegel und Panikattacken, Autounfälle und Liebesnächte - und erschließt sich so die Welt.

Schriftsteller Paul Auster: "Der Winter deines Lebens hat begonnen"
Beowulf Sheehan

Schriftsteller Paul Auster: "Der Winter deines Lebens hat begonnen"

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Wer es noch nicht wusste: Paul Auster wird alt. Sein Rücken. Seine Augen. Der nächtliche Husten. Wohl auch, weil sich sein Körper, je älter er wird, umso deutlicher zu Wort meldet, hat der amerikanische Schriftsteller ihm jetzt ein ganzes Buch gewidmet: "Winterjournal" ist eine Art Körperbiografie.

Man kann nicht sagen, dass sich das Thema in seinen Romanen nicht angekündigt hätte. In "Mann im Dunkel" schrieb Auster über einen alten Schriftsteller und Kritiker, der in einem, nun ja, dunklen Raum vor sich hin dämmert und sich wegträumt, in "Reisen im Skriptorium" findet sich wieder ein Alter im abgedunkelten Zimmer, noch gebrechlicher, immobil, auf seine Körperlichkeit reduziert.

Und nun also die autobiografische Reise durch seinen eigenen Körper. Auster hangelt sich von den Hunderten Schokoriegeln und den alarmrot blutenden Kopfverletzungen seiner Kindheit über die überfallartig lähmenden Panikattacken, die ihn psychosomatisch heimsuchen, wenn irgendetwas in seinem Leben schiefgeht, bis zu den norwegisch kargen Weihnachtsessen in der Großfamilie seiner Frau Siri Hustvedt. Und eben zu jenen Morgenstunden in denen er, 64 Jahre alt, barfuß über den kalten Holzboden zum Fenster geht, das trübe Grau draußen sieht und denkt: "Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten."

Doch so depressiv wie der letzte Satz des Textes, der dem Buch dann auch seinen programmatisch nach Lebensende klingenden Titel gegeben hat, ist "Winterjournal" nicht. Indem Auster mit geradezu obsessiver Freude seinen Gliedmaßen und Sinneswahrnehmungen nachspürt, schafft er immerhin, dass die komplette Gattung Autobiografie ausgesprochen jung wirkt. Die ewige kulturgeschichtliche Debatte um die Vormacht von Raum oder Zeit löst er dialektisch auf: Raum im Laufe der Zeit.

Vor dem Erstickungstod gerettet

Großartig ist die buchhalterische Art, mit der er die 21 Wohnungen und Häuser auflistet, in denen er sein Leben bislang verbrachte: Adresse, Größe, Einrichtung, Mietkosten, mit welcher Freundin er wann wo geschlafen hat, mit welcher Nachbarin er während seiner Zeit in Paris wieso Streit hatte, wie das Licht wo durch welches Fenster fiel und natürlich, immer am Rande, was er wo schrieb.

Das ganze Buch ist ein einziger Bewusstseinsstrom, der einen mitreißt: Auster dehnt über Seiten aus, wie er vor einem grätenbedingten Erstickungstod gerettet wurde, kondensiert anderes in Aufzählungen, die herrliche Volten schlagen: "Dein Körper in kleinen Räumen und großen Räumen, dein Körper, der Treppen hinauf- und hinuntergeht, dein Körper, der in Teichen, Seen, Flüssen und Meeren schwimmt, [...], Synagogen und Kirchen betritt, sich in Schlafzimmern, Hotelzimmern und Umkleidekabinen aus- und anzieht, auf Rolltreppen steht, in Krankenhausbetten liegt, bei Ärzten auf Untersuchungstischen sitzt, auf Friseurstühlen und Zahnarztstühlen sitzt, im Gras Purzelbäume schlägt, in Swimmingpools springt [...] ", die Liste ist endlos und amüsant.

Weil da ein weltberühmter Schriftsteller, der mittlerweile ein Dauerabonnement als Nobelpreiskandidat hat, scheinbar längst der Welt der Durchschnittsbürger entrückt, eben nur das ist: ein Typ, der pupst, seine Frau umarmt, sich verschluckt, Autounfälle baut. Dass er auch schon eine Liebesgeschichte an seine Schreibmaschine verfasst hat, an dieses analoge Ding, das so viel Körpereinsatz braucht, überrascht da keinen mehr.

Nicht zuletzt deswegen fällt einem beim Lesen immer wieder die Raum- und Dingbesessenheit des deutschen Oberflaneurs Siegfried Kracauer ein, der in seinen soziologischen Feuilletonbeobachtungen Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Straßen lief und genau das tat: sich die Welt körperlich erschließen. Denn etwas zu verstehen, heißt immer zuallererst, sich in Bezug zu seiner räumlichen Umgebung zu setzen, sich zu einem Gegenüber zu verhalten, die Hand ausstrecken, etwas anfassen, hören, riechen, schmecken.

Auster wirkt wie ein Wiedergänger: "Um das zu tun, was du tust, musst du gehen", schreibt er. "Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst. Einen Fuß nach vorn, dann den andern nach vorn, der Doppelschlag deines Herzens. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße." Und dann: "Schreiben beginnt im Körper, es ist die Musik des Körpers."

Dass er sich im Text duzt, ist der perfekte erzählerische Kniff: Er schafft sich ein dreidimensionales Gegenüber. Der Zwischenraum, der so zwischen den beiden Pauls entsteht, ist Auster-Lesern nicht unbekannt - diese Vexierspiele mit Erzählerpositionen sind schließlich fester Bestandteil seiner Romane.

Auster hat seine Körpertour noch nicht auserzählt. Es gibt eine Art Fortsetzung, einen Schritt zur Seite: Im seinem nächsten autobiografischen Werk, das Anfang November auf Englisch erscheint, schaut er nicht nach draußen - sondern nach innen. "Report from the Interior" ist eine Reise durch seinen Kopf.

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