Paulo Coelho Ein unmoralisches Angebot

In "Der Dämon und Fräulein Pyrm" versuchen böse Mächte eine Unschuld zu verführen. Durch die Anschläge in den USA erscheint das jüngste Buch von Bestsellerautor Paulo Coelho, 54, in neuem Licht.

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Paulo Coelho mit einem Preis, der ihm 1999 beim Weltwirtschaftsforum in Davos verliehen wurde
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Paulo Coelho mit einem Preis, der ihm 1999 beim Weltwirtschaftsforum in Davos verliehen wurde

Paulo Coelho ("Der Alchimist", "Veronika beschließt zu sterben") gehört zu den Autoren, die weltweit am meisten Bücher verkauft haben: Mehr als 27 Millionen Exemplare sollen es inzwischen sein. Lediglich der amerikanische Vielschreiber John Grisham kann das noch toppen, hatte eine Erhebung der französischen Zeitschrift "Lire" ergeben. Doch was ist das Erfolgsgeheimnis des Brasilianers? Coelhos Bücher sind einfach gestrickt: Die Weisheiten, die er den Lesern präsentiert, bieten keine Überraschungen, die moralschwangeren Geschichten sind in leichtverständlicher Sprache erzählt, und die Bücher sind dünn. Mehr als 200 Seiten braucht der Autor in der Regel nicht, um seine Botschaft in ausgewählte Worte zu fassen. In einem Interview sagte Coelho einmal, er schreibe seine Bücher in zwei bis vier Wochen, allerdings brauche er für die Vorbereitung bis zu zwei Jahre.

Paulo Coelho: "Der Dämon und Fräulein Prym"

Paulo Coelho: "Der Dämon und Fräulein Prym"

Der neueste Roman "Der Dämon und Fräulein Prym" wurde bereits im vergangenem Jahr in Coelhos Heimat Brasilien veröffentlicht - ein weiteres, wie immer leicht esoterisch angehauchtes, etwas schwülstiges Werk des Bestsellerautors. Durch die jüngsten Terroranschläge in den USA erscheint das Buch jedoch in einem völlig neuen Licht. Seit dem 11. September 2001 geht das Thema plötzlich alle an: Der Kampf zwischen guten und bösen Mächten. In einem gottverlassenen Kaff in den Pyrenäen plätschert das Leben friedlich, aber langweilig vor sich hin. Kinder gibt es unter den 281 Einwohnern nicht, denn wer kann, hat das Dorf bereits Richtung Stadt verlassen. Das ist auch das Ziel der Chantal Prym, der einzigen Kellnerin der einzigen Kneipe - doch was kann sie schon tun, allein als Frau, ohne Geld? Fest entschlossen der Heimat den Rücken zu kehren, will sie dem ersten Mann, der sie mit fort nimmt, folgen.

Der Fremde, der eines Tages in dem Nest auftaucht, macht Fräulein Prym tatsächlich ein unmoralisches Angebot - doch nicht in der Art, wie sie es sich gewünscht hätte: Von den finsteren Geistern der Vergangenheit getrieben - bei einer Entführung hatten Terroristen die Familie des Waffenfabrikanten erschossen - will es der verbitterte Mann wissen: Wie weit gehen Menschen, wenn sie nur gut genug dafür bezahlt werden? Töten sie für Gold? Getrieben von guten Engeln und bösen Dämonen müssen Fräulein Prym und die Einwohnergemeinschaft entscheiden, ob jemand - und wer - aus ihrer Mitte weniger wert ist als ein Sack voller Goldbarren. So wird nicht nur eine junge Frau sondern gleich das ganze Dorf in Versuchung geführt. Inspiriert von Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame", löst sich der Plot - typisch Coelho - in einfachster Weise. Wie Fräulein Prym sagt: "Es war alles nur eine Frage der Selbstkontrolle. Und eine Frage, wie man sich entscheidet."

Der Autor selbst war von den Terroranschlägen in den USA so geschockt, dass er seine Lesereise durch Deutschland abbrach und sich in den spanischen Pilgerort Santiago de Compostela zurückzog.

Paulo Coelho: "Der Dämon und Fräulein Prym". Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes Verlag, Zürich, 200 Seiten; 34,90 Mark, ab 1.1.2002 17,90 Euro.



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