Unruhe im PEN-Verband nach Yücel-Rücktritt Häme, Grabenkämpfe, »Höllenspektakel«

Nach Deniz Yücels Abgang ist nun das restliche PEN-Präsidium zurückgetreten. Josef Haslinger übernimmt als Interimspräsident. Einige denken über Austritt nach, andere kritisieren »toxische Männlichkeit«.
Erregung im PEN-Verband: PEN-Mitglied Christoph Nix (r.) steht neben dem Ex-Präsidenten des Verbands Deniz Yücel zu Beginn der Mitgliederversammlung in Gotha

Erregung im PEN-Verband: PEN-Mitglied Christoph Nix (r.) steht neben dem Ex-Präsidenten des Verbands Deniz Yücel zu Beginn der Mitgliederversammlung in Gotha

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Martin Schutt / picture alliance/dpa

Nach dem überraschenden Abgang des PEN-Präsidenten Deniz Yücel am Freitag traten nun auch die anderen verbliebenen Präsidiumsmitglieder in Gotha zurück. Ein Notvorstand soll nun bis zur Neuwahl auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die PEN-Geschäfte führen. Der Schriftsteller Josef Haslinger wurde am Samstag mit großer Mehrheit interimsmäßig an die Spitze der Schriftstellervereinigung gewählt. Haslinger, der bereits von 2013 bis 2017 als PEN-Präsident fungierte, soll die Vereinigung bis zur Neuwahl leiten.

Viele Mitglieder haben zudem über einen Austritt aus der Schriftstellervereinigung nachgedacht, wie sie am Samstag bekannten. In der Aussprache war von »toxischer Männlichkeit« und »einer Riege alter westdeutscher Herren« die Rede, die persönliche Eitelkeiten vor die politische Wirksamkeit des Vereins stellten. Sie werteten den gegenseitigen Umgang als unwürdig, beschämend, schäbig und peinlich.

Befremden über Gefechte

Die Schriftstellerinnen Eva Menasse  und Julia Franck äußerten in der Aussprache auf der Mitgliederversammlung in Gotha etwa ihr Befremden über die dort zutage getretene Häme und Grabenkämpfe. Franck sprach von einem »Höllenspektakel« und Gefechten, an denen sie sich nicht beteiligen wolle.

Weitere PEN-Mitglieder forderten eine personelle Verjüngung. Die Schriftstellerin Thea Dorn sagte, für sie mache ein Verbleib im PEN nur Sinn, wenn sich die Vereinigung radikal neu aufstelle. PEN-Mitglied Herbert Wiesner sagte: »Wir brauchen einen Neuanfang mit jüngeren Leuten nach diesem Desaster, wir steuern ins Nirwana.«

Der Journalist Yücel hatte am Freitagabend in Gotha nach einer teils giftig geführten Debatte und einem nur knapp gescheiterten Abwahlantrag sein Präsidentenamt hingeschmissen. Zugleich erklärte der 48-Jährige seinen Austritt aus der »Bratwurstbude« PEN.

Der Führungsstil der erst im Oktober gewählten Spitzenriege hatte zu heftigen internen Querelen und einer tiefen Spaltung der Vereinigung geführt. Dabei geht es unter anderem um Beleidigungen, Mobbingvorwürfe und den Umgangston. Die Vorwürfe beziehen sich auf einen umfassenden Mailwechsel im Präsidium. Der Führungsstil des Präsidiums wurde in Gotha hitzig und in sehr aufgebrachter Stimmung debattiert.

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Bereits im März hatten fünf ehemalige Präsidenten des PEN-Zentrums den Rücktritt Yücels gefordert. In einem Brief an Yücel begründen sie dies damit, dass er sich bei der Eröffnungsveranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne für eine Flugverbotszone in der Ukraine und somit für ein direktes militärisches Eingreifen der Nato ausgesprochen habe. Offenbar hatte Yücel aber bereits zuvor die Unterstützung von Teilen des PEN-Präsidiums verloren. Nach SPIEGEL-Informationen hatte er in einem Schreiben vom 20. Februar 2022 einige Mitglieder darum gebeten, Vorwürfe gegen zwei seiner Gegner zu sammeln.

evh/dpa