Schwierige Geschwisterliebe Happy End trotz Loch im Kopf

Modern, lustig, dramatisch: Die britische Erfolgsautorin Candice Carty-Williams legt ihren zweiten Roman vor. Obwohl es manchmal an der Konstruktion hapert, funktioniert »People Person«, weil die Autorin etwas zu sagen hat.
Autorin Candice Carty-Williams

Autorin Candice Carty-Williams

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Simone Padovani / Awakening / Getty Images

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Cyrill Pennington, geboren in Jamaika, mit 15 nach London gekommen, ist ein fast immer gut gelaunter Filou. Er hat fünf Kinder mit vier Frauen, die schon lange nicht mehr auf seinen Charme hereinfallen. Geld hat er keines; die Kinder – zwei Jungs, drei Mädchen – sieht er kaum, untereinander kennen sie sich eher vom Hörensagen. Eines Tages beschließt Cyrill, alle miteinander bekannt zu machen. Seine Erklärung für die überraschende Familienzusammenführung: »Das hier ist nur, damit keiner von euch jemals auf der Straße was mit einem der anderen anfängt und sich verliebt oder Sex hat oder so was.«

So weit, so lustig beginnt der neue Roman »People Person« der britischen Autorin Candice Carty-Williams, die mit ihrem Debüt »Queenie« 2019 die Literaturszene aufmischte. Ihr Erstling sei ein Buch gewesen, in dem es um schwarze Identität im Gegensatz zur weißen gehe, sagte die 33-jährige Londonerin mit jamaikanischen Vorfahren dem »Guardian«. Jetzt sei es an der Zeit gewesen, »ein Buch nur über Schwarze« zu schreiben. Dabei stellt sie wie nebenbei auch universelle Fragen zur Diskussion: Was bedeutet Familie? Und warum wollen wir unseren Eltern gefallen, sogar, wenn sie abwesend sind?

Die fünf Halbgeschwister kommen erst 16 Jahre nach dem absurden Treffen wieder zusammen. Dimple, inzwischen 30 Jahre alt, ruft ihre älteste Schwester Nikisha zu Hilfe: In ihrer Wohnung liegt ihr gewalttätiger Ex-Freund mit einem Loch im Kopf und rührt sich nicht mehr. Der Körper muss entsorgt werden, beschließen die Geschwister, die auf Nikishas Ruf hin alle herbeigeeilt sind, mitten in der Nacht. Eine dramatische, manchmal auch komische Geschichte nimmt ihren Lauf.

Literatur muss nicht realistisch sein, doch die Motivation literarischer Figuren darf nachvollziehbar bleiben. Hier beruht sie vor allem auf Blutsverwandtschaft, die Menschen unter allen Umständen einander näherbringt, für jeden über allem steht – und ein Happy End garantiert. Nun ja.

Dass der Roman trotz dieser Konstruktion lesenswert bleibt, liegt daran, dass die Autorin etwas zu sagen hat, das über das Loblied auf Familiengefühle hinausgeht. Polizeigewalt und Sexismus, Rassismus, aber auch Wohnungsnot, die Schattenseiten von Social Media und psychische Probleme – Carty-Williams beschäftigt sich in »People Person« mit jeder Menge relevanter Themen. Sie tut das in einer klaren, modernen Sprache und mit lebendigen Dialogen, die Dank ihrer einfühlsamen Übersetzerin Henriette Zeltner-Shane auch auf Deutsch funktionieren.

Und so befremdlich die Blut-ist-dicker-als-Wasser-Romantik beim Lesen sein kann, so überzeugend sind die Einblicke, die Carty-Williams in die Gegenwart der britischen Black Community gewährt. In wenigen Sätzen erklärt sie zum Beispiel den Entschluss, die Polizei nicht zu rufen, obwohl das Ganze ein Unfall war, schlüssig – und erschütternd, denn es gab »eine obszön lange Liste von Gründen«, die Sache selbst zu regeln: »Jede einzelne Begegnung, die sie bisher mit der Polizei gehabt hatte, war traumatisierend gewesen. Daher fürchtete Dimple die Polizei mehr als alles andere.« Ihren Geschwistern muss sie das nicht erklären – jeder Schwarze versteht genau, was gemeint ist. Und jede Weiße kann versuchen, zu verstehen.

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