Science-Fiction-Vordenker William Gibson Drogen aus dem 3D-Drucker

Er erfand den Cyberspace, doch schnell holte die Wirklichkeit seine Visionen ein. In seinem neuen Roman "Peripherie" erzählt William Gibson wieder von der Zukunft - so fantasievoll und klug, dass einem schwindelig wird.
Buchautor Gibson

Buchautor Gibson

Foto: imago/ ZUMA Press

William Gibson hat die Regeln geändert in den frühen Achtzigern, vor mehr als 30 Jahren. Damals knallte sein Romandebüt "Neuromancer" in den Markt - und in der Science-Fiction war nichts mehr, wie es vorher war. Mit Cyberpunk war schnell ein Name gefunden für die rotzfreche und realistische Genre-Spielart. Autoren wie Gibson remixten William S. Burroughs, Philip K. Dick und Raymond Chandler, verschnitten sie mit postmoderner Theorie, popkulturellen Referenzen und Outlaw-Romantik und destillierten knallharte, dystopische Zukunfts-Thriller daraus. Ohne "Neuromancer" hätte es "Matrix" nie gegeben.

Cyberpunk erzählte von dem, was uns unmittelbar bevorstehen würde. Nicht von der Besiedelung ferner Planeten, Weltraumschlachten oder postapokalyptischer Neo-Barbarei, die Anfang der Achtziger ziemlich angesagt war. Wohin führen radikale Technisierung, Globalisierung, Urbanisierung und immer größere, immer einflussreichere Konzerne, deren Macht Politiker fast schon obsolet macht? Darüber schrieb Gibson. Und über die Verlierer dieser Entwicklung, die versuchen, irgendwie zu überleben in einer Welt, die sie ausgespuckt hat - und die sich ihren Platz schaffen, Stichwort: Subkultur.

Gibson, der Visionär, der den Begriff Cyberspace erfunden hatte, als das Internet noch ein obskures Spielzeug für Wissenschaftler und Militärs war, wurde davon überrascht, wie schnell die Welt sich in die Richtung entwickelte, die er in seinen Romanen skizziert hatte - und siedelte spätere Romane wie "Mustererkennung" konsequent in der Gegenwart an. Einer Gegenwart allerdings, die verfremdet, unwirklich wirkt, als wären die Menschen, die in ihr leben, noch nicht wirklich angekommen.

Mit "Peripherie" kehrt Gibson zurück in die Zukunft. Inzwischen ohne den revolutionären Impetus seines Frühwerks, aber mit genügend Ideen, dass andere Sci-Fi-Autoren gleich eine zehnteilige Serie daraus gemacht hätten. Und er schreibt uns schwindelig, schmeißt uns mittenrein in die Action, führt alle paar Seiten neue Figuren ein, wechselt die Schauplätze im Takt der kurzen Kapitel, erklärt nichts, ordnet nichts ein. Und so braucht es eine Weile, bis man warm wird mit dem Roman und seinen Figuren. Bis man sortiert hat, was was und wer wer ist. Und vor allem: Wer oder was real und wer oder was virtuell ist.

Denn, und das ist die erste von vielen gelungenen Pointen, die Gibson sich für "Peripherie" einfallen ließ: Die angebliche Beta-Version des Onlinespiels, für das Flynn Fischer, die semiprofessionelle Gamerin, als Testpilotin engagiert ist, entpuppt sich als wirkliche Welt - in der Zukunft. Und, noch heftiger zu verdauen: Flynn selbst ist es, die Teil eines Games ist, das ein paar Superreiche im London des beginnenden 22. Jahrhunderts spielen. Nur dass die Spielfiguren eben nicht aus Pixeln, sondern aus Fleisch und Blut sind.

In Buttholeville ist die Zukunft so trostlos wie die Gegenwart

Klingt kompliziert? Keine Sorge: Gibsons Fokus liegt auf Fiction, nicht auf Science. Man braucht kein abgeschlossenes MIT-Studium, um folgen zu können - nur ein hohes Aufmerksamkeitslevel und ein bisschen Geduld. Irgendwann erschließt sich, was gemeint ist, wenn die "Haptics glitchen", "Sigils blinken" und "Waffen gefabbt" werden, was "Kontinua-Enthusiasten" sind und was "Peripherals".

Der Roman spielt gleich auf zwei Zeitebenen und an zwei Orten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Flynn lebt in den USA, etwa Mitte des 21. Jahrhunderts. Irgendwo auf dem Land, in einer Buttholeville genannten Kleinstadt - auf die Ähnlichkeiten zur Hillbilly-Trostlosigkeit der Daniel-Woodrell-Verfilmung "Winter's Bone" hat Gibson selbst hingewiesen. Geschlossene Geschäfte, Krankheiten, Resignation. Wer überleben will, handelt mit Stoff oder geht zur Army. Großartig anders als die Gegenwart klingt das nicht, außer dass die Drogen aus 3D-Druckern stammen, pausenlos Drohnen durch die Luft schwirren und die meisten Menschen eine Art Weiterentwicklung von Google Glasses tragen.

Google Glass

Google Glass

Foto: Stephen Lam/ Getty Images

Während die Armen in der näheren Zukunft noch ärmer sein werden, sind die Reichen noch einmal 70 Jahre später noch reicher - und weitgehend unter sich. 80 Prozent der Weltbevölkerung wurde durch etwas ausgelöscht, das die Überlebenden zynisch als "Jackpot" bezeichnen. Die wähnen sich im Paradies - bis ein Mord geschieht, der nicht zuletzt deshalb für Unruhe sorgt, weil die Technologie des 22. Jahrhunderts Morde eigentlich fast unmöglich macht. Die einzige Zeugin ist eben Flynn, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in einem Game wähnt. Bis jemand aus dem London der Zukunft Kontakt mit ihr aufnimmt und sie um ihre Hilfe bei der Aufklärung des Attentats bittet.

Die räumliche und zeitliche Distanz? Kein Problem, eine chinesische Servertechnologie macht Reisen durch Raum und Zeit möglich - mit gewissen Einschränkungen. Mehr zu verraten über den Plot, würde Gibsons Erzählstrategie unterwandern - der Roman lebt davon, dass der Leser sich, ähnlich wie Flynn, zu orientieren versucht in einer Welt, in der sich so ziemlich alle Regeln geändert haben.

"Peripherie" funktioniert ganz fantastisch als Sci-Fi-Thriller, als Whodunnit im Technogewand, als dunkel schillernde Vision der möglichen Zukunft. Aber für Gibsons neuen Roman gilt, was bereits für seine früheren Werke galt: Sie haben uns vor allem etwas über die Gegenwart zu erzählen. Und so muss man "Peripherie" auch als Warnung lesen und als Aufforderung, etwas zu tun gegen die Fehlentwicklungen unserer Zeit. Sonst steuern wir, wie Gibson eine seiner Figuren reflektieren lässt, geradewegs "in die große anthropogene, systemische, multifaktorielle Scheiße".

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William Gibson:
Peripherie

Übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann

Tropen; 616 Seiten; 24,95 Euro.

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