Peter Esterházy Friedenspreis für den "Sprengmeister"

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy wurde in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Laudator Michael Naumann nannte ihn einen "Sprengmeister aller Vergangenheitsformen".

Frankfurt am Main - In seiner Dankesrede forderte Péter Esterházy, dass die Vergangenheitsbewältigung zur "europäischen Pflichtarbeit" werden müsse. Deutschland sei bei der "Nationalerinnerung" bereits viel weiter als Ungarn.

Die deutsche Nationalerinnerung nenne "die eigene Verantwortung beim Namen", erklärte der Preisträger. Im Ungarischen gebe es nicht einmal ein Wort dafür. "Die Probleme...kehren wir unter den Teppich, und gleich darauf weisen wir die Unterstellung zurück, etwas unter den Teppich gekehrt zu haben. Was für ein Teppich, wir haben ja gar keinen, behaupten wir, den haben die Kommunisten gestohlen."

Die Deutschen hätten die eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden jedoch nicht, sagte Esterhazy. Es sei eine europäische Angewohnheit, die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken. "Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit", erklärte Esterhazy, durch dessen Rede sich - ironisch - der Begriff "Keule" zog - eine Anspielung auf Martin Walser, der 1998 bei der Entgegennahme des Preises die seiner Ansicht nach weit verbreitete Tendenz, Auschwitz als "Moralkeule" zu instrumentalisieren, kritisiert hatte. Dies hatte damals einen heftige Streit ausgelöst.

Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung, die zum 55. Mal beim Abschluss der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde, zählt zu den bedeutenden Kulturpreisen in Deutschland. Péter Esterházy wurde für die literarische Begleitung des Wandels in Osteuropa ausgezeichnet. Unter den rund 700 Gästen befanden sich Bundespräsident Horst Köhler, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie etliche Minister.

In seiner Rede zeigte Esterhazy die seiner Meinung nach bestehenden Grenzen der Literatur auf: "Die Literatur ist kein Haustier, sie ist nicht gezähmt." Auch als Mittel der Politik tauge sie kaum, betonte der Ungar. Man könne die Literatur nicht einfach unmittelbar benutzen, "obwohl man ständig in Versuchung ist, ...sie sich als eine Brücke zwischen den Völkern und Kulturen vorzustellen, als würden zwei Völker, die auf den Bücherregalen dieselben Bücher haben, einander nicht umbringen". Die Literatur gehöre nicht zur Rechtmäßigkeit oder Toleranz, sondern zur Leidenschaft und zur Liebe. "Die Literatur ist kein Botschafter des Friedens", sagte er.

Der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann würdigte Esterhazy als "schrecklichen Unruhestifter" und "Sprengmeister aller Vergangenheitsformen". "Ihre komödiantische Ruhelosigkeit irritiert den Leser", sagte Naumann.

Als ein "europäisches Zeichen" im Jahr der EU-Osterweiterung hatte zuvor Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die Vergabe des Friedenspreises an Esterházy bezeichnet. Esterházy verkörpere "eine Unbeugsamkeit, die Zeichens setzt, Hoffnung stiftet und Phantasien entzündet", sagte Schormann.

Esterházy ist der 55. Träger des Friedenspreises, der seit 1950 vom Börsenverein verliehen wird. Zu den Geehrten zählen Schriftsteller wie Politiker, Intellektuelle wie Wissenschaftler. Unter den Preisträgern waren unter anderen Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Carl Friedrich von Weizsäcker (1963), Astrid Lindgren (1978), Yehudi Menuhin (1979), Vaclav Havel (1989), Martin Walser (1998) und Assia Djebar (2000). Im vergangenen Jahr wurde die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag ausgezeichnet.

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