Kontroverse über Literaturnobelpreis Nobelpreis-Juroren verteidigen Entscheidung für Peter Handke

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke wird scharf kritisiert. Jetzt äußern sich Mitglieder des Nobelpreiskomitees - und verteidigen ihre Wahl. Lesen Sie exklusiv die Stellungnahme eines Jurors.

Schwedische Akademie: Juroren Olsson, Wastberg, Karde, Blomqvist und Petersen (v.l.) verkünden die Literaturnobelpreisträger 2019
Karin Wesslen/ TT News Agenc/ AFP

Schwedische Akademie: Juroren Olsson, Wastberg, Karde, Blomqvist und Petersen (v.l.) verkünden die Literaturnobelpreisträger 2019


Im Gegensatz zu vielen, die sich in den vergangenen Tagen über Peter Handke geäußert haben, wolle man sich auf der Suche nach Antworten nun seinen Texten zuwenden. Denn darin werde man die antifaschistische Haltung entdecken, die sein gesamtes ŒŒuvre durchziehe, da ist sich Henrik Petersen sicher. Der schwedische Übersetzer ist ein externes Mitglied des Nobelpreis-Komitees für Literatur. In einer Stellungnahme, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, äußerte er sich am Donnerstag erstmals zur umstrittenen Vergabe des Preises an Handke - ein im diskreten Verfahren der Nobelpreisvergabe höchst ungewöhnlicher Vorgang,

Lesen Sie hier die komplette Stellungnahme von Henrik Petersen im Wortlaut.

"Schon früh in seinem Schaffen sprach Handke sich unmissverständlich für Frieden und nicht für Krieg aus, und er vertritt einen grundlegend antinationalistischen Standpunkt", heißt es in der Stellungnahme. Handke sei ein radikal unpolitischer Autor, schreibt Petersen weiter. Sein Werk präge eine ideologiekritische, ethisch fragende Haltung, ein politisches Programm werde dabei nicht propagiert. Dieser Ansatz werde Handke häufig als subjektive Träumerei angekreidet - aber genauso lasse sich das als radikale, ideologiekritische Poetik lesen.

Einige von Handkes Manövern ließen sich nicht verteidigen

In Bezug auf den Jugoslawienkrieg heißt es: "In der Balkanfrage vollführte Handke eine Art politisches Kamikazemanöver, vermutlich in vollem Bewusstsein über die Risiken." Für Petersen sei dabei entscheidend, dass Handke den Krieg bedauert und eine friedliche Lösung der Konflikte bevorzugt habe. Handkes Grundthese sei gewesen, dass die serbische Seite in der deutschen und österreichischen Berichterstattung über die Jugoslawienkriege nicht zu Wort gekommen sei.

"Die Art und Weise, wie Handke seine Kritik artikulierte, war prekär, plump und führte bisweilen zu regelrecht widersinnigen Vergleichen", befindet Petersen. Obwohl Handke geradezu reflexartig gegen alles zu schießen scheine, was er als unerschütterlichen Konsens auffasse, ließen sich einige dieser Manöver schlichtweg nicht verteidigen. "Aber ein Kriegshetzer ist Peter Handke deshalb nicht", schreibt er: Eine harte Welt brauche Schriftsteller, die es mit ihr aufnehmen können. "Große Literatur muss belohnt werden", so Petersen. In 50 Jahren werde Handke zu den selbstverständlichsten Preisträgern gehören, die die Schwedische Akademie je ausgezeichnet hat.

"Kein Angriff auf die Menschlichkeit oder Zivilgesellschaft"

Auch Mats Malm, der Ständige Sekretär und Sprecher der Schwedischen Akademie, verteidigte zusammen mit dem Juristen Eric M. Runesson, ebenfalls ein Akademiemitglied, in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" die Preisvergabe an Handke. Dieser habe "provokante, unangemessene und unklare Aussagen in politischen Dingen geäußert". Doch das sei kein Angriff auf die Menschlichkeit oder Zivilgesellschaft gewesen. Man finde auch keinen Beleg für die Behauptung, dass Handke Blutvergießen und die Verneinung von Kriegsverbrechen gelobt habe, als er an der Beerdigung von Slobodan Milosevic teilnahm.

Dass der Schriftsteller eine Grabrede für den wegen Völkermords vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagten serbischen Politiker gehalten habe, war in den vergangenen Tagen ein zentraler Kritikpunkt an der Auszeichnung Handkes gewesen. Dessen Parteinahme für die Serben während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien hatte eine Kontroverse im Literaturbetrieb und in den Feuilletons angestoßen.

Der Buchpreis-Gewinner Sasa Stanisic etwa sagte am Montag in seiner Rede, Handke habe ihm "die Freude am eigenen Preis vermiest". Er beklagte die Nobelpreis-Vergabe an Handke, "weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt". Während des Bosnienkrieges hatten in Stanisic' Heimatstadt Visegrad serbische Milizen Massaker an Zivilisten verübt, es gab ethnische Säuberungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen.

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, reagierte Handke am Dienstag ungehalten gegenüber Journalisten: "Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, und lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen!"

evh

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