Peter Handke Die besten Romane und Erzählungen des Nobelpreisträgers

Bei einem umfangreichen Werk, wie es Peter Handke in mehr als vier Jahrzehnten abgeliefert hat, tut Orientierung Not. Hier eine subjektive Auswahl der stärksten Bücher des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers.

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1. "Der kurze Brief zum langen Abschied", 1972

Bekannt geworden ist Peter Handke 1970 mit "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" über einen psychotischen Einzelgänger - wenn der Titel auch jahrelang für Sportlerscherze herhalten musste, das entscheidende Buch aus Handkes Frühphase ist es nicht. Zu seinem Stil gefunden hat er erst mit dem darauffolgenden: "Der kurze Brief zum langen Abschied". Eine melancholische Trennungsgeschichte, der leise, mitreißende Bericht einer Fahrt quer durch die USA, eine Art Roadmovie, fast schon ein Western. Am Ende trifft der Protagonist auf den Filmregisseur John Ford. Den hat Handke immer bewundert.

2. "Wunschloses Unglück", 1972

In der Nacht zum 20. November 1971 nahm sich Maria Handke, die Mutter des Schriftstellers, das Leben. Jahrelang hatte sie unter schweren Depressionen gelitten. Innerhalb weniger Wochen verfasste ihr Sohn diese schmale Geschichte ihres Lebens und ihrer Lebenskatastrophen. Man liest sie mit angehaltenem Atem.

3. "Die linkshändige Frau", 1976

In den Siebzigerjahren war Peter Handke ein literarischer Star, seine Bücher waren Bestseller. Die sogenannte Neue Innerlichkeit hatte die gesellschaftskritische Literatur der Jahre um 1968 abgelöst. Handke zog sich nach Kronberg im Taunus zurück und schrieb dort diese knappe Geschichte einer Beziehungskrise, schwebend und märchenhaft im Ton - ein Widerspruch? Nein, Peter Handke.

4. "Nachmittag eines Schriftstellers", 1987

Nach einer Reihe literarisch ambitionierter, für den Leser nicht immer erquicklicher Werke fand Peter Handke Mitte der Achtzigerjahre mit diesem selbst für seine Verhältnisse schmalen (91 Seiten, großzügig gesetzt) Band zurück zur Form früherer Tage. Um was es geht? Steht im Titel.

5. "Versuch über die Jukebox", 1990

Zu einer Zeit, als es noch kaum deutschsprachige Popliteratur gab und Dichtung als hehre Angelegenheit galt, war Handke der Rockfan unter den Schreibern. In diesem Buch kommt er darauf zurück. Sein Musikgeschmack hat sich seit den Siebzigern nicht sonderlich geändert: Er hört noch immer am liebsten Creedence Clearwater Revival. Bei einer langen Wanderung (auch so ein klassisches Handke-Thema) geht es in Spanien von Jukebox zu Jukebox. Entsprechend war "Versuch über die Jukebox" auch sein Comeback beim breiten Publikum, die späte Hitsingle sozusagen.

6. "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus", 1999

Der frisch gekürte Nobelpreisträger, wenn er diesen Text denn lesen würde, wäre zornig, dass sein Tausendseitenwerk "Mein Jahr in der Niemandsbucht" hier nicht auftaucht. Warum auch? Handke ist immer dann am besten, wenn er nicht auf den ganz großen Wurf aus ist. So wie in diesem Buch: Abermals fasst der Titel den Inhalt kongenial zusammen. Handke, der eindeutig zu viel im "Parzival" von Wolfram von Eschenbach gelesen hat, erzählt hier im Aufbau und Tempo einer mittelalterlichen Aventüre und ohne sich um die Konventionen des bürgerlichen Romans zu kümmern (sei es Dramaturgie, Handlung oder gar Dialog). So schafft er eine eigene, ziemlich zeitlose und zeitferne Kunstform.

Leider hat er diese Kunstform im Großteil seiner nach diesem Buch erschienenen Romane nur noch weiterbewirtschaftet: Egal ob "Morawische Nacht" (2008) oder "Obstdiebin" (2017) - das meiste von dem, was Handke seitdem schrieb, würde vor Gericht als Selbstplagiat durchgehen - oder, literarisch formuliert, als Variation.

7. "Don Juan (von ihm selbst erzählt)", 2004

Der späte Höhepunkt von Handkes Werk. Ein hochsommerliche, lässige Geschichte mit Don Juan, dem ewigen Verführer. Weil sie, wie die meisten von Handkes Büchern seit den Neunzigern, im Umland von Paris spielt (dort lebt er), kommt der Erzähler auch am Schlösschen von Rambouillet vorbei. Dort war 1999 ein Friedensvertrag für den Kosovokonflikt ausgehandelt worden. Der Umstand, dass dieser Vertrag eben nicht ratifiziert wurde, führte schließlich zum Nato-Angriff auf Jugoslawien. Anspielung!

Seit Handke 1995 den Essay "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" veröffentlicht hatte, galt er in der Öffentlichkeit als politisch irrlichternder Diktatorenfreund. So einfach ist es nicht. Handkes Blick auf den Jugoslawienkonflikt mag romantisierend gewesen sein und ist bis heute umstritten - es war der Blick eines Schriftstellers, nicht der eines Kriegsreporters. Die Frage, ob er mit der Beschreibung des scheinbar Alltäglichen, Nebensächlichen (die berühmten "andersgelben" Nudeln auf einem serbischen Markt) die Verbrechen auf dem Balkan zumindest indirekt verharmlost hat, dürfte noch viele Literaturwissenschaftler beschäftigen. Gerade nach dem Nobelpreis.



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