Kontroverse um Peter Handke Stellungnahme von Henrik Petersen, Mitglied des Nobelpreiskomitees


Es sind Fragen aufgekommen, wie die Schwedische Akademie und das Nobelkomitee über den Fall Peter Handke und das Verhältnis von Literatur und Politik denken. Ich werde Handkes heftig debattierte Haltung zu den Jugoslawienkriegen kommentieren, aber auch darauf eingehen, ob Handke ein ideologischer Autor ist. Der Deutlichkeit halber: Ich tue dies in meiner Funktion als einzelnes Mitglied des externen Nobelkomitees und nicht als offizieller Sprecher der Schwedischen Akademie.

Ist Handkes Auseinandersetzung mit dem faschistischen Deutschland seiner Elterngeneration in Büchern wie Langsame Heimkehr, Die Lehre der Sainte-Victoire, Der Chinese des Schmerzes und Die Wiederholung "politisch"? Viele würden diese Frage mit Ja beantworten. Es werden Themen wie Erinnerung, Gewissen, Trauer und Zorn verhandelt, und zwar von einem Schriftsteller, der nicht nur deutschsprachiger Österreicher, sondern auch Mitglied einer Familie ist, die zur slowenischen Minderheit in Österreich gehört. Meines Erachtens ist es sinnvoll, eine klare Grenze zwischen einem politischen, ideologiekritischen, ethisch suchenden Diskurs und der Beschreibung und Gestaltung einer persönlichen Erfahrung zu ziehen. Zumal der Begriff "Politik" im gegenwärtigen literarischen Kontext häufig unpräzise und abstrakt verwendet wird.

Lassen Sie mich mit einigen persönlichen Anmerkungen beginnen. Für mich ist entscheidend, dass Handke den Jugoslawienkrieg bedauert hat, dass er eine friedliche Lösung der Konflikte bevorzugt hätte. So etwas ist schnell dahingesagt, aber ebendieser Umstand führt uns zu einer ungemein wichtigen Diskussion: Hätte der Krieg verhindert werden können, wenn ja, wie, und warum ist stattdessen das genaue Gegenteil eingetroffen? In gewisser Weise lässt sich damit auch Handkes Haltung zu Serbien im Balkankonflikt erklären, die für jeden, der nicht im Thema ist, schwer greifbar zu sein scheint. Allein die Tatsache, dass Handke slowenische Wurzeln hat und dennoch für die Serben Partei ergriffen haben soll, dürfte vielen Kopfschmerzen bereiten, ebenso wie die dem Balkankonflikt zugrundeliegende zersplitterte Rechts-Links-Skala. Slowenien, das Land, zu dem er eine starke persönliche Verbindung hatte, befand sich während der dem Konflikt vorausgegangenen Krise in einer wirtschaftlich deutlich günstigeren Lage als Serbien, so Handke am 17. Juni 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung. In dem Interview erklärt er außerdem, der Bruch mit der Föderation sei in der damaligen Situation unsolidarisch gewesen. Er machte deutlich, dass er sich eine Vermeidung des Bürgerkriegs gewünscht hätte. Wie schnell die EU Slowenien und Kroatien als selbständige Staaten anerkannte, sah Handke äußerst kritisch. Sein Standpunkt ist mit dem vergleichbar, den heute viele zum Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens einnehmen; zumal Handke Katalonien andeutungsweise als Referenz in Mein Jahr in der Niemandsbucht anführt, wenn im Hintergrund der Erzählung ein fiktiver deutscher Bürgerkrieg stattfindet. Kurzum - schon früh in seinem Schaffen sprach Handke sich unmissverständlich für Frieden und nicht für Krieg aus, und er vertritt einen grundlegend antinationalistischen Standpunkt.

Diskutiert man seine Haltung, ist es noch viel wichtiger, sich in Erinnerung zu rufen, welch entscheidendes Symbol Jugoslawien für ihn auf persönlicher Ebene geworden war. Dieser Umstand spiegelt sich auch in seinem Werk wider. Dieses Thema ist für viele problematisch, da es mit einer starken Idealisierung einhergeht: Kritiker unterstellen Handke oft, Slowenien und Jugoslawien zu verklären, und dabei als Österreicher und nicht als Slowene zu sprechen. Aber wir können uns dem Thema auch von einer anderen Seite nähern, nämlich, indem wir Handkes Bücher lesen und ihn als Schriftsteller kennenlernen.

Im Gegensatz zu vielen, die sich in den letzten Tagen über ihn geäußert haben, wollen wir uns auf der Suche nach Antworten seinen Texten zuwenden - und dort werden wir die antifaschistische Haltung entdecken, die sein gesamtes Œuvre durchzieht. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus. Hier können wir Parallelen zu anderen deutschsprachigen Schriftstellern ziehen; auf eine Weise zu Thomas Bernhard, auf eine andere zu Paul Celan. Das Besondere bei Handke ist der introspektive Gewissensdiskurs in Büchern wie Langsame Heimkehr, Die Lehre der Sainte-Victoire oder Der Chinese des Schmerzes: Selbstkritisch setzt der Autor sich mit der Idee auseinander, dass geerbte Ideologien in seine Sprache und seine Sicht auf die Welt eingeschrieben sind. Richten wir unseren lesenden Blick anschließend auf das Schlüsselwerk Die Wiederholung, erkennen wir, wie viel emotionales Kapital Handke in den Befreiungskrieg Jugoslawiens gegen die nationalsozialistischen Besatzungsmächte investiert hat. Das ist der persönliche Hintergrund, vor dem Handke erklärt hat, die Regionen hätten wie Geschwistervölker zusammenhalten müssen, Seite an Seite.

In Die Wiederholung diente ein Onkel mütterlicherseits diente als Vorbild für den Bruder, nach dem sich der Erzähler auf die Suche begibt und die ihn bis in den Karst in Slowenien führt. In der Familie heißt es, der Bruder sei aus der deutschen Armee desertiert und habe sich den jugoslawischen Partisanen angeschlossen, um für die Befreiung von den Nazis zu kämpfen. Außerdem ist in den familiären Hintergrund - des fiktiven Erzählers - die Verwandtschaft mit einer führenden politischen Figur des achtzehnten Jahrhunderts eingewoben, die einen Bauernaufstand gegen den Kaiser von Österreich angeführt haben soll und denselben Namen wie der Erzähler trägt. In Wirklichkeit fiel der Onkel an der Ostfront, wo er gezwungen wurde, für ein Nazideutschland zu kämpfen, mit dem er sich - nicht zuletzt aufgrund seiner slowenischen Herkunft - nie identifiziert hatte. Darüber schreibt Handke in seinem wohl biographischsten Werk Wunschloses Unglück, dem liebevollen Portrait seiner Mutter, die sich selbst das Leben genommen hat. Die fiktive Geschichte des gegen die Nazis kämpfenden Onkels findet sich auch im Traumspiel Immer noch Sturm. Ein weiteres zentrales Motiv ist Slowenien gegen die deutschsprachige Herrschaft, das auch Handkes Reflexionen über die slowenische Sprache in Die Wiederholung begleitet. Vor dem Hintergrund, dass Slowenien historisch von größeren Reichen beherrscht wurde und machtlos war, zeichnet Handke ein Bild politischer "Unschuld"; ein nicht ganz unproblematisches Thema, das jedoch an Klarheit gewinnt, wenn wir mit der Lektüre fortfahren.

Das Thema Sprachkritik durchzieht Handkes gesamtes Œuvre. Langsame Heimkehr und Die Lehre der Sainte-Victoire, in denen er sich mit der deutschen Sprache und ideologischem Ballast auseinandersetzt, habe ich bereits erwähnt. Ferner finden sich in den Texten Spuren von Handkes vielschichtiger Faszination für den Philosophen Martin Heidegger - ein weiterer Anlass, ihn mit dem rumänisch-jüdischen Lyriker Paul Celan zu vergleichen. Aber ist das Thema "politisch"? Eine Definitionsfrage. Ich selbst vertrete die gegenteilige Meinung: Handke ist ein radikal unpolitischer Autor, was sich am deutlichsten am Motiv der Sprachkritik belegen lässt. Handkes Werk prägt eine ideologiekritische, ethisch fragende Haltung, ein politisches Programm wird dabei nicht propagiert. In vielen Texten versucht das erzählende Ich, sich aktiv vom Ideologischen, von der Welt der Werte, tradierten symbolischen Ordnungen und "der Welt der Namen" (wie es in Langsame Heimkehr heißt) zu distanzieren, um in der Literatur neue private, subjektive oder mythische Ordnungen zu schaffen. Dieser Ansatz wird Handke häufig als subjektive Träumerei angekreidet - aber genauso lässt er sich als radikale, ideologiekritische Poetik lesen.

Ausschlaggebend war Handkes Begegnung mit dem französischen Maler Paul Cézanne. Dieser stellte in seiner späten Landschaftsmalerei auf kritische - und Handke zufolge äußerst gegenwartsrelevante - Weise sämtliche vorgefassten Meinungen darüber auf den Prüfstand, was sich hinter den Begriffen "Natur" und "Landschaft" verbirgt. Und so sind wir abermals an einem Punkt angelangt, der politisch gelesen werden kann, ausgehend von gegenwärtigen paradigmatischen Definitionen des Wortes im Verhältnis zur Literatur. Dabei berührt es doch eine noch viel tiefere, fundamental menschliche Dimension: Zum einen geht es darum, wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmungen und Sinneseindrücke erleben, zum anderen darum, wie wir diese Eindrücke - freiwillig oder unfreiwillig - durch Sprache bewerten. Mittels einer für ihn typischen Hyperbel beschreibt Handke, wie Cézanne ihm "als ein Menschheitslehrer - ich wage das Wort: als der Menschheitslehrer der Jetztzeit" erscheint. In seinen eigenen Landschaftsbeschreibungen wiederum sucht Handke, die Gleichrichtungen der Sprache und der gesamten symbolischen Ordnung zu unterlaufen - von Geschichtsdarstellungen und Städtemythen bis hin zu jeglichen vorgefertigten Erklärungsmodellen zum Verständnis der Welt. Handke ist der große Antitourist der Literatur. Und auch vor dem Hintergrund der Globalisierung hat das Thema keineswegs an Bedeutung eingebüßt; es kehrt in Handkes späterem großem Epos Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos wieder.

Wer den sprachkritischen Handke trotzdem politischen lesen will, findet genau hier - in seinem Unwillen, ideologisch zu sein - eine Stärke. Ein Beispiel: Handkes Landschaftsbeschreibungen in Langsame Heimkehr und nicht zuletzt in Mein Jahr in der Niemandsbucht ließen sich durchaus als neue Tradition des Nature Writing lesen und sich in diesem Kontext politisch deuten oder anwenden. Doch politische Propaganda kommt in den Texten nirgends vor.

In der Balkanfrage vollführte Handke eine Art politisches Kamikazemanöver, vermutlich in vollem Bewusstsein über die Risiken. Seine Grundthese war, in der deutschen und österreichischen Berichterstattung über die Jugoslawienkriege komme die serbische Seite nicht zu Wort. Die Art und Weise, wie Handke seine Kritik artikulierte, war prekär, plump und führte bisweilen zu regelrecht widersinnigen Vergleichen. Diese Texte sind in mehrerlei Hinsicht problematisch und nur bedingt zitierbar, da sämtliche Aussagen eng mit Argumentationen verknüpft sind, von denen Handke hofft, dass sie als Gesamtheit gedeutet werden.

In ihrem Artikel Justice for Peter Handke? von 2013 analysiert Dr. Karoline von Oppen, Senior Lecturer in Politics, Languages & International Studies an der University of Bath einen Essay, der in politischen Handke-Diskussionen häufig zitiert wird. Die Rede ist von Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Dieser Text wurde im Januar 1996 an zwei aufeinanderfolgenden Sonntagen in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht und immer wieder als - skandalöse - Parteinahme für Serbien im Bosnienkrieg gedeutet. Von Oppen setzt in ihrer Analyse an, dass der Essay nach Kriegsende veröffentlich wurde und seine literarischen Mittel im deutsch-österreichischen Kontext und vor dem Hintergrund einer Mitte der neunziger Jahre in Deutschland aktuellen Debatte als polemisch und provokativ zu lesen sind. Kurzum, der Essay ist in einem spezifischen Zusammenhang verfasst worden und erhält eine völlig andere Bedeutung, wenn er davon losgelöst diskutiert wird.

2007 gewann Handke eine Klage gegen die französische Zeitung Le Nouvel Observateur, die ihm nach seinem Besuch der Trauerfeier für Slobodan Miloševi die Billigung ("approuver") eines Genozids unterstellt hatte. Doch dies hat die schwedische Zeitung Dagens Nyheter keineswegs davon abgehalten, vor ein paar Tagen einen Artikel zu veröffentlichen, in dem der dänische Schriftsteller Carsten Jensen Handke als "offenen Fürsprecher von Völkermord und Säuberungen" bezeichnet. Weiterhin befürworte Handke "Blutvergießen", so Jensen, der im Übrigen damit prahlt, keines von Handkes Büchern je gelesen zu haben. Der Artikel ist nichts anderes als Kolportage. In den letzten Tagen wurde Handke vielfach verurteilt und als Ideologe und Kriegshetzer dargestellt.

Es ist ganz offensichtlich, dass Handke in einigen Artikeln über die Jugoslawienkriege gar nicht erst versucht, als glaubwürdiger politischer Kommentator aufzutreten. Und obwohl er geradezu reflexartig gegen alles zu schießen scheint, was er als unerschütterlichen Konsens auffasst, lassen sich einige dieser Manöver schlichtweg nicht verteidigen. Aber ein Kriegshetzer ist Peter Handke deshalb nicht. Er ist kein Ezra Pound.

Wer mehr darüber erfahren möchte, was Handke tatsächlich über Jugoslawien gesagt hat, dem empfehle ich Lothar Strucks Ausführungen in "Der mit seinem Jugoslawien". Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik von 2013 und weitere Artikel des deutschen Literaturwissenschaftlers.

So wie von Olga Tokarczuk liegen auch von Handke Essays vor, die das Nobelkomitee zwar gelesen und kommentiert hat, die jedoch in den eingehenden Werkdiskussionen keine Rolle gespielt haben. Dort standen andere Einzeltexte im Vordergrund. Auch in den zentralen Werken - einige habe ich angeführt -, die die Grundlage der Diskussionen bildeten, thematisiert Handke schwere Themen wie Geschichte und Gewalt. Und zwar auf literarisch grandiose Weise. Eine harte Welt braucht Schriftsteller, die es mit ihr aufnehmen können. Große Literatur muss belohnt werden.

Am Tag der Verkündung sagte Ulrika Milles im öffentlich-rechtlichen Schwedischen Fernsehen, in Zeiten der Desinformation sei es eine Schande, Peter Handke den Literaturnobelpreis zu verleihen. Meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall; gerade in einer von Desinformation geprägten Zeit hat sich der Nobelpreis an Peter Handke als überaus zeitgemäße Wahl erwiesen. Eines Tages werden die Reaktionen auf Handkes Nobelpreis Gegenstand einer historischen Abhandlung sein.

Vor einigen Wochen war ich in der Galerie im Börshuset, wo die Portraits aller Literaturnobelpreisträger hängen, und hielt unwillkürlich vor dem Portrait von Samuel Beckett inne. Mir fiel auf, dass Beckett vor genau einem halben Jahrhundert, 1969, den Nobelpreis bekommen hat. In fünfzig Jahren, wenn jemand in derselben Galerie vor Handkes Bild steht, wird Handke - genau wie Beckett - zu den selbstverständlichsten Preisträgern gehören, die die Schwedische Akademie je ausgezeichnet hat. Davon bin ich überzeugt.

Henrik Petersen

Lesen Sie hier alle aktuellen Entwicklungen zum Fall Peter Handke

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde Henrik Petersen als Mitglied der Schwedischen Akademie eingeführt. Er gehört dem Nobelpreiskomitee für Literatur aber als externer Experte an. Wir haben das korrigiert.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.