Trinkerbeichte "Schluckspecht" Die Sucht ist eine strenge Mutter

Im Reich der Narkosen: In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek die Geschichte einer Alkoholsucht vom ersten Rausch bis zum Fencheltee unter Ex-Prostituierten - verzettelt sich dabei aber ziemlich.
Von Wolf Reiser

Dem Autor Peter Wawerzinek geht voraus, dass er ohne Eltern, in Heimen und Anstalten und bei wechselnden Pflegeeltern aufwuchs - und das alles auch noch im deutschen Nachkriegs-Osten. Allemal scheint er damit auf ein grundsätzliches Thema geworfen: die verstörende Heimatlosigkeit, das Grauen der Ghetto-Stille, die Abwesenheit als Urerfahrung der Leere. Und Leere schreit nach Fülle, das weiß jedes Regal.

In "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek, 58, von seinem sich erfüllenden Knabenleben bei Tante und Onkel, einem schrulligen Pärchen auf dem Land - man möchte sich so gerne Jean Gabin und die Signoret vorstellen - wo gerne mal geraucht und gebechert wird, gesungen und gestritten. Hier könnte eine Geschichte voller Wehmut, Komik und Absurdität entstehen. Doch leider hat man als Leser so nach und nach das Gefühl, einem zweiten oder dritten Aufguss im Sinne eines Destillations-Experiments beizuwohnen.

Damit aber diese heilige Trinkerbeichte nicht den Anschein des rein therapeutischen Erlösungs-Schreibens erweckt, hat der Verfasser des immerhin 457 Seiten langen Textes einige seltsame, strukturgebende Eingriffe vorgenommen. Seine Kapitelüberschriften wie Die Wandlung, Reifung, Dichterhaus, Absturz erinnern an ein lutherisches Tarotkartenspiel, helfen aber keinem Menschen in dieser Welt im Wesentlichen voran.

Flutungen der Subkultur

Als weiteres Stilmittel dienen im Übermaß verwendete Sinnsprüche, Redensarten, Bockbierreime und Neo-Dada-Psalmen wie: "Steter Tropfen höhlt jedes Hirn," "Arbeiten und Singen sich einander bedingen", "Der Suff reibt den Menschen uff", sowie dem gezielt übersäuerten Mostkopf geschuldete Halluzinationen der Sorte "Österreich-Österarm" oder "Elvis Freesley". "Da lacht der Berliner", hieß mal eine beliebte Kolumne in der "BZ". Während man allmählich eine leichte Migräne spürt, keimt die Frage auf, ob Peter Wawerzinek seine Schimären bewusst oder gar selbstironisch über den Parcours drischt. Denn als echtes Hindernis erweisen sich auch die unzähligen und akribisch deplatzierten Dreiersatz-Kolonnen, die eventuell ein homerisches Vorbild haben oder ganz simpel für pure Prenzlauer Avantgarde stehen - sich aber leider stets so lesen:

War immer so klein.

Groß sein, kann jeder Große.

Klein sein, können nur wir Kleinen.

Klein und fragil-idyllisch gestaltet sich der Heranwuchs des Junghelden zwischen Räucheraal, Heringssalat, Einweckaprikosen, Spreegurken, Gartenzwergen, Werftengehämmer und Möwengepicke. Ein täglicher Höhepunkt ist die Visite des radelnden Briefträgers, die mit einem selbstgebrannten Obstler nebst Fruchtbowle ihr Ritual findet. Heimischer Bierdunst, Keller-Gelächter und Onkels Beschwichtigungen - so die Sorte: zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils - machen dem in seiner Identität verunsicherten Buben den Einstieg in Reich der Narkosen leicht.

Hochprozentiger Crossover-Cocktail

Alles läuft in etwa so ab, wie sich Amelie Fried die männliche Schiefebene ausmalt: Vollrausch, Kippen, Kater, Filmrisse, saufende Kumpels, keine Frau weit und breit, Flipperautomaten, neonmatte Broilerimbisse, und das Frühstück für harte Männer besteht aus der Ampel, einem mehrfarbigen hochprozentigen Crossover-Cocktail. Aus den Boxen scheppert der Soundtrack der späten Siebziger und die kreativen Flutungen der Subkultur entlang der angelsächsischen Küsten geben dem Schluckspecht so etwas wie prominenten Flankenschutz. Mehr Zappa als Abba hört man, Dylans "Rainy Day Woman", Joplins "Bobby Mc Gee" und immer wieder die nervigen Doors, bis hin zum wirren "Mother, I Want to....-"Schrei aus "The End."

Doch in diesem Buch gibt es keine leibhaftige Mutter, sondern höchstens eine abwesende, und dieses gähnende Loch verlangt dem ertrinkenden Ich ab, endlich die Wende zu schaffen, dem Ampel-Irrsinn zu entkommen, dem sinnlosen Leben eine Art von Sinn zu geben, eine Richtung, einen Halt. Wie wir aber von Jack London, Fitzgerald und Hemingway wissen, hat man beim Verlassen der Stammkneipe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der schenkt einfach nach.

In bester Bukowski-Manier also wechselt unser Held den Schauplatz, zieht in die Megacity und arbeitet dort als Hausmeister, Tischler, Totengräber und Mitropaschaffner. Die Sucht ist wie eine strenge Mutter, und nur aus reiner Liebe verlangt sie nach Gehorsam, Disziplin und täglichem Rapport. Hier nimmt das Buch, dessen Lektüre sich lange so zäh gestaltet wie das Öffnen einer fest verkorkten Weinflasche mit dem Zeigefinger, endlich Fahrt auf und kommt so einem Erzählmotiv nahe.

Doch kaum beginnt man den Protagonisten und sein Milieu zu mögen, geht es wieder aufs Land, zur Buße, zur Heilung, zur, ja in Gottes Namen, Erlösung. Ein mit allen Wassern gewaschener Country-Doktor macht seinem neuen Lieblingspatienten zügig klar, dass sich ein leckes Schiff nicht von alleine repariert. Umgeben von freilaufenden Junkies, Ex-Nutten, Dummschwätzern, Gruppensitzungssüchtigen und skorbutbefallenen Halbirren betritt die Hauptfigur einen auf fünf Jahre terminierten Trimm-dich-Pfad - mit Fencheltee, Diätkeksen und Holundersäften, langen Wattwanderungen, Kirchenbesichtigungen und erquicklichen Radausflügen.

Auf diesem Kalvarienweg der Klausur entdeckt er erwartungsgemäß den Künstler in sich sowie sein jahrzehntelang zugeschüttetes und in Spiritus eingelegtes wahres Ich. Und jene dieserart wiedergewonnene Hirnmasse erst ermöglichte den nun erschienenen Schluckauf-Bericht. Irgendwo darin liest sich Wawerzineks Navigationshilfe: "..der kurze Film darüber, wie schön die Jugend ist und wie schnell man ins Abseits gerät und wie respektlos das Leben dann mit einem umgeht."

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