Fußball-Krimi von Philip Kerr Das Milliardengeschäft

In "Wintertransfer" stänkert Philip Kerr pointensicher gegen die Auswüchse des Profifußballs. Ein satirischer Krimi aus der Schattenwelt der Spielerberater.
Premier-League-Spieler: Ein Milliardengeschäft wie in "Wintertransfer"

Premier-League-Spieler: Ein Milliardengeschäft wie in "Wintertransfer"

Foto: DARREN STAPLES/ REUTERS

Philip Kerr legt los wie der FC Arsenal in seinen besten Zeiten. Kriminalliteratur als One-Touch-Football. Schnell, elegant, unwiderstehlich. Hier eine Spitze gegen das Transfersystem, da ein Tiefschlag für die Fifa, dazu eine Anspielung auf reiche Osteuropäer, die sich zum Zeitvertreib ein Fußballteam leisten.

Und die Spieler, die sich auf ihren mindestens 100.000 Pfund die Woche ausruhen, kriegen auch ihr Fett weg: "Manche Jungs tauchen heute mit mehr Cremes und Haarprodukten in ihren Louis-Vuitton-Kulturtäschchen auf, als meine erste Frau auf ihrem Schminktisch stehen hatte."

Scott Manson, Ich-Erzähler und Co-Trainer des fiktiven Premier-League-Klubs London City, landet zum Auftakt von "Der Wintertransfer" Treffer um Treffer, stänkert pointensicher gegen die Auswüchse des Profifußballs. Schade nur, dass Philip Kerr dem hohen Anfangstempo Tribut zollen muss: Am Ende langt es nur für einen knappen Arbeitssieg.

Ein Multimilliarden-Business mit dunklen Seiten

Kerr beschäftigt sich in seinen Romanen in der Regel mit der Vergangenheit oder der Zukunft. Während seine größtenteils während der NS-Zeit angesiedelte und inzwischen auf zehn Bände angewachsene Reihe um den Polizisten Bernie Gunther zum Besten gehört, das die aktuelle Produktion von Spannungsliteratur zu bieten hat, sind seine sonstigen Thriller von erstaunlich unsteter Qualität. Auf blitzgescheite Meisterwerke wie "Das Wittgenstein-Programm" folgen geistlose Rohrkrepierer wie "Game Over", die an die Reißbrett-Bestseller eines Michael Crichton erinnern.

In "Der Wintertransfer", Auftakt einer dreiteiligen Krimiserie, erzählt Philip Kerr eine absolut zeitgemäße Geschichte - und das eigentlich Bemerkenswerte daran ist, dass vor dem Schotten noch niemand auf die Idee gekommen ist, sich dieses Themas anzunehmen. Was könnte einen stimmigeren Hintergrund für einen Kriminalroman abgeben als der moderne Fußball, dieses Multimilliarden-Business mit all seinem Glanz, aber auch mit den vielen dunklen Seiten wie den dubiosen Machenschaften von Blatters Fifa und der Schattenwelt der Spielerberater?

Keine Liga ist so geeignet für eine Sex-and-Crime-Story wie die englische Premier League, wo Koks- und Sexskandale regelmäßig für Schlagzeilen sorgen - und so das Interesse der Fans noch zusätzlich anheizen. Nur folgerichtig, dass diese Glamour-Liga sich bestens vermarkten lässt, was dazu führt, dass zum Beispiel Manchester City in der Lage ist, für einen Spieler wie Kevin de Bruyne eben mal die Wahnsinnssumme von knapp 80 Millionen Euro springen zu lassen.

Kerrs Roman hat seine Stärken in der fast schon satirischen Aufarbeitung dieser überhitzten Szene, wo Milliardäre Spieler wie Schachfiguren hin- und herschieben, Fußballer sich wie Popstars verhalten und selbst diejenigen, die eigentlich den Fußball alter Schule lieben, sich von Eitelkeiten nicht frei machen können. Hier ist das Buch schön bösartig, und mit das größte Vergnügen bereitet es zu erraten, welche echten Menschen sich hinter den Figuren verbergen.

Leicht macht Kerr es uns mit João Zarco, London Citys Trainer, der nicht nur Portugiese ist und ein genialer Stratege, sondern mit Chelseas José Mourinho auch den Hang zur Überheblichkeit und Bösartigkeit teilt. Als Zarco im Stadion ermordet aufgefunden wird, herrscht folglich kein Mangel an Verdächtigen. Allen voran der oft antriebslose, aufbrausende Stürmerstar Ayrton Taylor (die Ähnlichkeit mit Wayne Rooney ist bestimmt kein Zufall), primäres Ziel von Zarcos letzter Motivationsrede: "Du bist noch fauler als die anderen. Faul mit Ball und faul ohne. Du spielst wie ein Kleinkind, nicht wie ein Mann. Du bist ein Arschloch, das nicht mal zum Scheißen taugt."

"Mein Leben hat in einer Vagina angefangen, wissen Sie?"

Nach dem Mord ist vor dem Spiel: Scott Manson hat alle Hände voll damit zu tun, sein Team für das nächste Match wieder aufzurichten. Doch sein Boss, ein ukrainischer Oligarch, hat noch einen Extra-Auftrag für ihn: Er soll herausfinden, wer Zarco ermordet hat. Und das möglichst schnell. Als Belohnung lockt der Trainerposten. Eine herrlich absurde Idee, die Kerr aber zu ernst nimmt. Und so steht die letztlich recht konventionelle Mördersuche dem Schlüsselroman über die Auswüchse des modernen Fußballgeschäfts im Weg.

Vielleicht hätte Kerr sich ein anderes Opfer suchen sollen. Von Zarco und seinen verbalen Exzessen hätte man gern noch mehr gehört. Sein ruppiger Kommentar zur WM-Vergabe nach Katar: "Alles daran ist falsch. Man weiß doch, dass Frauen es nicht leicht haben in einem arabischen Land. Da ist es ja schon ein Glück, dass das größte Stadion in Katar wie eine riesige Vagina aussieht. Was für eine Ironie, dass die größte Vagina der Welt jetzt in Katar ist. Ich mag Vaginas ja sehr. Mein Leben hat in einer angefangen, wissen Sie?"

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Philip Kerr:
Der Wintertransfer

Tropen Verlag;
425 Seiten; 14,95 Euro.

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