Zum Tode von Philip Roth Die Potenz war enorm

Er war ein genialer Chronist der USA am Abgrund. Aber es war eben auch ein Amerika, das stets über alternde, weiße Männer erzählt wurde. Frauen spielten bei Philip Roth vor allem eine Rolle: das Objekt der Begierde.

"Als sei es meine offenkundige Bestimmung, ein Mädchen aus jedem der achtundvierzig Bundesstaaten zu verführen", sagt der sexbesessene Alex Portnoy, und: "Ich will damit sagen, Doktor, dass ich meinen Schwanz nicht so sehr in diese Mädchen selbst als vielmehr in ihre Herkunft zu stecken scheine - als ob ich durchs Vögeln Amerika entdecke."

Sexualität und nationale Identität: Die beiden gehörten in Philip Roths Werken von Anfang bis Ende zusammen. "Portnoys Beschwerden " über einen jungen Kerl aus Newark, der versucht, Sozialisierung und Schicksal als schuldbeladener amerikanischer Jude wegzuvögeln und anzukommen, als freier Mensch in den liberalen USA, sorgte 1969 für einen Aufschrei: zu freizügig, zu sexuell, zu - alles.

In seiner Serie kurzer Romane, die letzten, "Jedermann", "Empörung", "Die Demütigung", "Nemesis", erschienen 2006 bis 2010, porträtierte er den physischen Niedergang seiner Männer: Herz-OP, krümmende Rückenbeschwerden, sodass sein 65-Jähriger Held (in "Die Demütigung") der jüngeren Geliebten neue Stellungen abverlangen muss ("Reite mich wie ein Pferd!"). Und dann auch noch die Prostata!

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Die Potenz von Roths Schreibdrang dagegen war enorm, zehn Bücher in zwölf Jahren, mitten in seinen Siebzigern, das muss man erst einmal schaffen. Auch wenn Kollegen wie Paul Auster und J.M. Coetzee in ihrem veröffentlichten Briefwechsel unlängst ätzten, der wiederhole sich doch dauernd.

Umwerfend als Dokument einer Ära

Roth, der schon 2012 verkündete, dass er "fertig" sei und die Schriftstellerei an den Nagel hänge, hat nun endgültig aufgehört: Der US-Autor, dem viele seit Jahren den Nobelpreis gönnten, ist tot, 85, Herzversagen. Was bleibt, ist sein panoptisches Porträt des weißen, jüdischen Amerika: Mit seinen Geschichten machte er sich zum Chronisten. Er entwarf Figuren, um die er jahrzehntelang Romanserien aufbaute und so nicht nur die Initiation, sondern vor allem auch den Lebensweg bergab nachzeichnete.

Allen voran die neun Teile über Nathan Zuckerman, dazu die Reihe über David Kepesh, den er 1972 Gregor-Samsa-mäßig eines Morgens als Brust aufwachen ließ, was eher schwiemelig-obsessiv daherkommt denn als Woody-Allen-selbstironisch , und den er in "Das sterbende Tier" 2001 als, nun ja, geifernden alten Literaturprofessor wiederbelebt.

Daneben seine "Amerika-Trilogie", die unter anderem zeigt, wie Terrorismus und Rassismus im Privaten verhandelt werden - etwa, als sich in "Der menschliche Makel" ein Altphilologe mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, er habe sich rassistisch geäußert. Während parallel das Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten läuft. So weit, so überzeitlich, nicht nur wegen der Political Correctness.

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Philip Roth: "Der größte Schriftsteller unserer Zeit"

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Weit spannt er das Spiegelbild eines sich befreienden, zögernden, potenzbesessenen, hadernden, weißen, männlichen Amerikas auf. Es ist fraglos umwerfend als Dokument einer Ära und in diesem Umfang eine Seltenheit in der Literatur - von John Updikes weitaus selbstironischerer "Rabbit"-Reihe mal abgesehen.

Auf welchem Podest Roth in den USA thront, wird wohl am ehesten deutlich in dem Umstand, dass er der einzige Schriftsteller des Landes ist, dem die Library of America zu Lebzeiten eine Gesamtausgabe seiner Werke widmete. Die zahllosen PEN- und National-Book-Award-Preise und den Pulitzerpreis für "Amerikanisches Idyll" 1998 nicht mitgerechnet.

Die Selbstdefinition: vor allem sexuell

Dass Roth derzeit quasi als eine Art Wahrsager der Gezeiten herhalten muss, liegt unter anderem an "Verschwörung gegen Amerika" von 2004, in dem er ausgerechnet den schillernden Überflieger Charles Lindbergh zum megalomanischen US-Präsidenten macht. Die Parallelen zu Donald Trump seien unübersehbar, befanden viele politische Kommentatoren nach der letzten US-Wahl.

Doch: "Keiner, den ich kenne, hat das Amerika vorhergesehen, in dem wir jetzt leben", sagte Roth Anfang des Jahres in seinem letzten großen Interview mit der "New York Times ". "Keiner hätte sich vorstellen können, dass die Katastrophe des 21. Jahrhunderts die USA treffen würde." Er sei ganz schön naiv gewesen, die USA der Sechzigerjahre für absurd zu halten.

Ja, Roth formuliert die Selbstzweifel seiner Figuren, verankert sie auf schwankendem amerikanisch-politischen Grund, dokumentiert ihr Bemühen, den moralischen Kompass in dieser von Kriegen, Terror, Spaltung gebeutelten Gesellschaft nicht zu verlieren. Aber das Problem ist, dass seine Protagonisten letztlich immer felsenfest sicher sind, dass sie ein Recht auf ihren moralischen Kompass haben: Und der sitzt in ihrem Schwanz. Die Selbstdefinition seiner Männer ist vor allem sexuell.

Es ist naheliegend, die Inkontinenzprobleme und die Impotenz von Nathan Zuckerman in seinem letzten Auftritt in "Exit Ghost" in den Nachwehen von 9/11 als nationale Metapher zu lesen. Und ihn zu bedauern. Aber: Er habe nun einmal versucht, seine Männer immer kompromisslos in ihrem Wollen, ihrer "fleischlichen Lust" zu zeigen, sagte Roth in jenem Interview noch, als etwas brüchige Antwort auf die Frage, wie er seine Figuren denn nun sehe, im Lichte der anhaltenden #MeToo-Diskussion.

Aber die Frauen, die in seinen Romane auftauchen, sind nun einmal immer wie auf dem Silbertablett arrangiert. Zur Ergötzung des männlichen Blicks. Der sabbernde Ton des Erzählers, der alle paar Seiten das Dekolleté, die geöffneten Blusenknöpfe, die Brustformen betrachtet, dann wieder sanft geschwungene Hüften, gespreizte Beine, untermalt von softpornoeskem Atmen, all das ist in der Gesamtheit des Schaffens fast unerträglich geworden. Lesen Sie an dieser Stelle ruhig noch einmal die Einstiegszeilen über Portnoys Vögelei.

Aber auch damit ist Roths Oeuvre ein Sittengemälde - es ist normal . Gewesen. Die Körperpolitik der Gesellschaft wird gerade umdefiniert. Die Ära dieser Generation männlicher Schriftsteller geht zu Ende.

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