Von der Pariser Kommune ins hypermediale Tokio, vom Kugelmenschen bis zur Kosmografie: Philipp Weiss' fünfbändiges Romandebüt will die Totalität unseres Daseins einfangen. Kann das gelingen?
Mehr als 1000 Seiten - das ist ein schweres Argument. Wahrscheinlich, verehrte Leserinnen und Leser, werden bereits jetzt einige von Ihnen abspringen. Und spätestens wenn Sie erfahren, dass sich Philipp Weiss' Debüt "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" aus fünf unterschiedlichen Textsorten - vom Tagebuch bis zum Comic - zusammensetzt, werden die übrigen von Ihnen möglicherweise sehr in Zweifel geraten.
Aber genug der Abschreckung. Denn dieses Opus magnum besitzt eine Schubkraft und wirbelt seine Rezipienten durch die Geistesgeschichte und überhaupt quer über die Landkarte. Obgleich es unmöglich anmutet, diesen gewaltigen Wörterberg nur irgendwie zusammenzufassen, versuchen wir uns an einem Sprint entlang der wichtigsten Stationen.
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Weiss, Philipp
Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen: Roman
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Den Auftakt übernehmen die "Enzyklopädien eines Ichs", die den Emanzipationskampf der jungen Paulette Blanchard aus dem familiären Normkorsett des 19. Jahrhunderts schildern, vor dem sie sich in die 1870 gegründete Pariser Kommune flüchtet. Später wird sie als große Japanreisende zu Ruhm gelangen.
In den Nullerjahren des neuen Jahrtausends verschlägt es ihre depressive und von unbändigem Wissensdrang besessene Ururenkelin und Klimaforscherin Chantal nach Japan. Statt allerdings aus ihren fragmentarischen Sammlungen naturwissenschaftlicher und philosophischer Quellen eine stimmige Welttheorie zu entwickeln, verfasst sie ein Pamphlet über das produktive Prinzip der Zerstörung. Das Universum, die Erde - alles entstand aus dem Nichts, sukzessive verliert sie sich in den zahllosen Theorien.
Derweil hat sich ihr ehemaliger Geliebter Jona Jonas bereits auf die Suche nach ihr begeben. Schließlich erweitert Weiss das Tableau noch um Aiko Ito. Aus der Sicht dieses kindlichen Erzählers vergegenwärtigt sich uns noch einmal die Reaktorkatastrophe in Fukushima, bevor das Mammutwerk - atemlos - mit einer wirren Comic-Traumreise der einsamen Abra Aoki durch das hypermediale Tokio der Spätmoderne endet.
Ein intellektueller Jongleur
Also tausend Seiten Abenteuer und Zeitreise, tausend Seiten voller Zäsuren in der jüngeren Geschichte der Menschheit. Was der Autor in seinem an den Film "Cloud Atlas" erinnernden literarischen Großprojekt sucht, ist die Antwort auf die faustische Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Weiss zeigt sich als Hochbelesener, als intellektueller Jongleur, der leichtfüßig Evolution, Eschatologie, Quantenmechanik, Keplers Kosmografie und Gustav-Klimt-Anspielungen durcheinanderwirbelt.
Seine Figuren wie auch deren Bemühungen, das irdische Chaos zu ordnen und sich darin selbst zu finden, sind mal subtil, mal offensichtlicher miteinander verbunden, über Verwandtschaftsverhältnisse oder ähnliche Denkstrukturen. Um ihre Verzweiflung zu überwinden, müssen sie sich ständig neu entdecken. "Eben dieses Fallen ist es aber, was unsere Wirklichkeit bestimmt. Der Sturz allerdings wird allein möglich aufgrund einer fundamentalen Verwandlung" - so Chantal. Die Metamorphose also als das bestimmende Grundelement allen Lebens wie auch dieses gigantischen Textes.
Lob gebührt dem 1982 in Wien geborenen Schriftsteller schon allein aufgrund seiner eigenen Wandlungsfähigkeit. Jedes Teilbuch stellt sich einem neuen Genre, basiert auf ganz eigenem Stil und Tempo.
Es geht um alles und alles und nochmal alles
Richtet man bei aller Bewunderung für dieses chamäleonartige Schreiben den Blick auf die sprachlichen Mikrostrukturen, so findet man aber auch reichlich Metaphernschrott: Innere Zerrissenheit wird mit einem Sturm assoziiert, Musik entfaltet eine beflügelnde Wirkung und Träume ermöglichen einen Ritt durch die ferne Prärie. Schwerer als solcherlei altbackene Analogien und Bilder wiegt allerdings die mangelnde Konzentration. Von Aristophanes' Kugelmenschen, der Islamkritik bis hin zur Op-Art versammelt "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" nahezu alles, was jemals begründet und weitertradiert wurde. Oft sind die Zusammenhänge unklar oder allzu künstlich hergestellt.
Hier will sich offensichtlich ein zweifelsohne mutiger Autor mit Dantes Vermessung von Himmel, Erde und Hölle messen und überdies der conditio humana mit aller Kraft auf den Grund gehen. Obschon dieses Werk dabei aus all seinen Nähten platzt und uns permanent überfordert, versetzt es seine Leserinnen und Leser in einen gewaltigen Bewusstseinsrausch. Groteske und Epiphanie liegen hier eng beieinander.
Kurzum: es geht um alles und alles und nochmals alles. Wer das antike Epos für tot hält, kann sich nun eines Besseren belehren lassen. Philipp Weiss strebt dessen Renaissance an. Der Totalitätsanspruch von Literatur wird durchaus wieder vernehmbar.
Philipp Weiss ist bei Harbour-Front-Festival für den Debütantenpreis nominiert und liest in diesem Rahmen am 15.9. in Hamburg. Weitere Lesungen am 20.9. in Berlin, 27.9. in Wien, 9.10. in Darmstadt und 3.11. in Braunschweig