Philipp Winklers neuer Roman »Creep« Suche nach Erlösung im Darknet

Außenseiter reizen Philipp Winkler, das zeigte er schon in »Hool«. In seinem neuen Buch schleichen sich die beiden Protagonisten auf ganz unterschiedliche Weise in das Leben anderer Menschen.
Von Stella Teige
Verstörende Einblicke in den Alltag der anderen: »Alles, was ihr jemals etwas bedeutet hat, existiert in digitaler Form«

Verstörende Einblicke in den Alltag der anderen: »Alles, was ihr jemals etwas bedeutet hat, existiert in digitaler Form«

Foto: Luis Julien / EyeEm / Getty Images

Zwei Monitore leuchten vor Fannis Augen. Ekstatisch beobachtet sie einen Einbruch und fiebert mit, als der maskierte Täter zum ersten Schlag auf sein Opfer ausholt. Auf einem anderen Bildschirm sieht sie einer Familie beim Abendessen zu. Es ist diese Sucht nach Grenzüberschreitung, der Philipp Winkler in seinem neuen Roman »Creep« nachgeht. Ihr stellt er den tief verwurzelten Wunsch nach Kontrolle in einer hypermodernen Welt gegenüber – und entlarvt ihn als illusorisch.

Der Niedersachse schreibt nicht das erste Mal über Außenseiter. Bereits in seinem gelungenen Debüt »Hool« waren seine Figuren, die der gewaltbereiten Fußballszene angehörten, wütend und fühlten sich ausgegrenzt. Seinen Hang zu literarischen Extremsituationen beweist Winkler nun ein weiteres Mal. In seinem neuen Buch zeichnet er das Bild einer digitalen Zukunft mit apokalyptischen Zügen: Menschen stehen dort unter permanenter Beobachtung, Datenschutz existiert nicht mehr. »Creep« hat zwei Protagonisten, die sich im Laufe der Geschichte nie begegnen: Fanni in Deutschland und Junya in Japan. Beide fremdeln mit der Realität – und suchen nach der Erlösung im Darknet.

Autor Philipp Winkler

Autor Philipp Winkler

Foto:

Katrin Ribbe / Aufbau

»Alles, was ihr jemals etwas bedeutet hat, existiert in digitaler Form«, erfahren die Lesenden über Fanni, die als Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma »BELL« Tag für Tag intimes Videomaterial von Kundinnen und Kunden auswertet. Für das Gefühl von Sicherheit tauschten diese ihre Privatsphäre ein und ließen in ihren Häusern Überwachungskameras anbringen. Fanni sieht auf diesen Aufnahmen alles: »Kund_innen, die sich vor dem Flurspiegel einen Pickel ausdrücken und das Herausgespritzte probieren […], masturbierende Kund_innen, fremdgehende Kund_innen, generell Sex habende Kund_innen.«

Stalking am Abendbrottisch

Für eine ganz bestimmte Familie entwickelt sie jedoch eine geheime Obsession. Versammelt sich Familie Naumann um den Abendbrottisch, so ist sie es gewohnt, ihnen digitale Gesellschaft zu leisten. »Jetzt wird geschmaust«, flüstert sie, sobald sie in den Firmenräumen allein vor ihrem Computer sitzt und sich der Observierung ihrer Lieblingsfamilie ungestört hingeben kann. Schon in ihrer Kindheit konsumiert sie verstörende Videos im Internet und wird nun von einem Sensationsdurst vereinnahmt, den sie mithilfe von Aufnahmen anderer Menschen stillt: »Wann immer sie in einem Bauloch offen liegende Leitungen sieht, muss sie an verkohlte Leichen denken. Immer sind ihre Gedanken im Internet.«

In Japan hegt Junya derweil Rachegefühle. Rückblicke in seine Schulzeit offenbaren alte Schmerzen, die er durch physische Gewalt zu lindern hofft. Sein sehnlichster Wunsch ist, kein Opfer mehr zu sein. Um ihn zu erfüllen, ist ihm jedes Mittel recht. Junya gibt dem Buchtitel damit seine Bedeutung: Er ist ein wahrer »Creep«, der in fremde Häuser einsteigt und Menschen beim Schlafen zuguckt. Menschen, von denen er denkt, dass sie auch Schmerzen verdienen. Seine ganze Schulzeit lang leidet Junya unter der Schikane von Klassenkameraden, was ihm heute eine »Schatzkiste an demütigenden Erinnerungen« beschert. Abhilfe verschafft nur der Einbruch – beim Aufsperren eines Türschlosses empfindet er »Befriedigung«.

Es ist eine Lebensgeschichte, die, durchzogen von Depressionen und Angst, vor allem traurig ist: »Sie nannte mich einen herausstehenden Nagel, und dass man mich einschlagen müsse, damit ich passe«, erinnert sich Junya einmal an die Worte seiner Mutter. Die Schicksale von Fanni und Junya sind sich so ähnlich, dass während der Lektüre die Erwartung entsteht, ihre Wege würden sich noch kreuzen – doch bis zum Schluss verlaufen sie nur parallel zueinander.

Sog ins Unerträgliche

Winkler schafft es erneut, mit seinen Worten zu erschüttern. Bei aller Brutalität, die von seinen beiden Figuren ausgeht, stellt er ihre tragischen Erniedrigungserfahrungen so geschickt in den Mittelpunkt, dass für ihre Gräueltaten beinahe Empathie aufkommt. Das kurzweilige Buch überrascht auch mit ironischen Passagen: etwa, wenn Fanni ihre ehemalige Schulfreundin wiedertrifft und sie wegen einer Nichtigkeit als »grenzstumm« bezeichnet. Während der übermäßige Einsatz von Anglizismen noch zur Glaubwürdigkeit eines hypermodernen Zeitalters beitragen kann, stolpert man beim Lesen allerdings ohne Affinität zu Computertechnik oder dem IT-Jargon bisweilen über sprachliche Hindernisse.

Trotzdem entwickelt das Buch eine Sogwirkung. Die perfiden Stalkingszenen sind fast unerträglich. Winkler schildert das verzweifelte Leben seiner Protagonisten aber so eindringlich, dass man sich ihnen gern aussetzt. Sein Talent, Lesende ins Innerste seiner Charaktere blicken zu lassen, wird auf jeder Seite deutlich. Nicht zuletzt an Sätzen wie diesem: Junya »schlich zurück in sein Zimmer, schlüpfte unter die Decke und fuhr damit fort, sich selbst zu verabscheuen.«