Philosoph Habermas lehnt Buchpreis ab Der 91-Jährige, der beweglich blieb und Nein sagte

Ein Kommentar von Dietmar Pieper
Nach einem kritischen SPIEGEL-Artikel hat Jürgen Habermas eine souveräne Entscheidung getroffen: Er lehnt den mit 225.000 Euro dotierten Buchpreis aus Abu Dhabi ab – und entgeht der Gefahr, eine Trophäe des Regimes zu werden.
Philosoph Habermas: »Auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes«

Philosoph Habermas: »Auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes«

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa

Dass begründete Kritik eine Form von Respekt ist, dieser Gedanke dürfte Jürgen Habermas nicht fremd sein. Mit einer deutlich und respektvoll vorgetragenen Kritik des SPIEGEL hat er sich heute auf eine Weise auseinandergesetzt, die ihn ehrt.

Der »Sheikh Zayed Book Award« in der Kategorie »kulturelle Persönlichkeit des Jahres« wird nun doch nicht an Habermas gehen. Er hat seinen Entschluss überdacht, den mit 225.000 Euro dotierten Preis anzunehmen, und entscheidet sich nun dagegen. Indem er sich korrigiert, bleibt der Philosoph der kommunikativen Aufklärung und seinen wichtigsten Werten treu.

»Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.«

Jürgen Habermas

Die Absage ist eine souveräne Entscheidung und verdient Beifall. Denn welchen Druck hätte ein einzelner Artikel auf der SPIEGEL-Webseite erzeugen können? Für sein beherztes Umsteuern gibt es eine bessere Erklärung: Habermas hat sich für neue Informationen und Argumente offen gezeigt – etwas, das vielen Menschen schwerfällt. Bei einem 91-Jährigen, der ein monumentales Lebenswerk geschaffen hat, erscheint diese unverminderte geistige Beweglichkeit sensationell.

In seiner kurzen Begründung teilt Habermas mit, dass er »eine falsche Entscheidung« getroffen habe, als er den »Sheikh Zayed Book Award« zunächst akzeptierte. »Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.«

Das System ist eines der Unfreiheit und systematischen Unterdrückung demokratischer Ansprüche. Oppositionelle landen leicht im Gefängnis. Wahlen, die den Namen verdienen, gibt es nicht. Die herrschende Elite lebt in einer Welt der Sonderrechte.

Buchpreis-Schirmherr Mohamed bin Zayed: Den schönen Worten folgen keine Taten

Buchpreis-Schirmherr Mohamed bin Zayed: Den schönen Worten folgen keine Taten

Foto: ROSLAN RAHMAN / AFP

Westliche Besucher bekommen davon gewöhnlich kaum etwas mit. Sie erleben eine genau dosierte Toleranz, staunen über architektonische Superlative, bewundern die erlesene Kultur, treffen auf hoch gebildete Gesprächspartner. Vieles davon muss als Propaganda eingestuft werden – jedenfalls, solange den schönen Worten keine Taten folgen. Etwas anderes wäre es, wenn sich zumindest eine Entwicklung hin zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit abzeichnen würde. Doch davon kann in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit ihrer Hauptstadt Abu Dhabi bisher keine Rede sein.

Darum war das Risiko groß, dass der Preisträger Habermas unter der Schirmherrschaft des emiratischen Machthabers Mohamed bin Zayed bloß eine weitere Trophäe gewesen wäre, eine Facette im propagandistischen Blendwerk. Etwas anderes galt es nach der Nominierung dagegen abzuwägen: die für Habermas verlockende Aussicht, mit seinen Werken noch breiter durchzudringen als bisher. Jetzt besteht kein Zweifel mehr, wie er diese grundlegenden Fragen einschätzt.

Wer gewinnt, wenn Geist und Macht aufeinandertreffen?

Dass sein Entschluss auch mit intellektuellen Schmerzen verbunden ist, lässt sich gut verstehen. In seiner Erklärung greift Habermas den letzten Satz des SPIEGEL-Artikels wörtlich auf, er lautet: »Gewöhnlich gewinnt, wenn Geist und Macht aufeinandertreffen, die Macht.« Dies möchte der leidenschaftliche Aufklärer nicht auf sich sitzen lassen und schreibt: »Kurzfristig ja; aber auf längere Fristen glaube ich an die aufklärende Macht des kritischen Wortes, wenn es nur ans Licht der politischen Öffentlichkeit dringt. Dafür genügen auch meine dankenswerterweise ins Arabische übersetzten Bücher.«

Was Worte bewegen können, zeigt sich häufig erst im Nachhinein. Bei einem Denker wie Habermas ist es nahe liegend, das Zeitalter der historischen Aufklärung wenigstens zu streifen: Geist und Macht, wie war das damals?

Das Bild, das uns das 18. Jahrhundert zeigt, ist gemischt. Da gibt es auf der einen Seite die Erfahrungen des französischen Enzyklopädisten Denis Diderot, den Katharina die Große an den russischen Zarenhof einlud, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Diderots Hoffnung, durch seinen intellektuellen Einfluss würde sich im Herrschaftssystem etwas zum Besseren wenden, blieb allerdings unerfüllt. »Ich habe mir mit Vergnügen alles angehört, was Ihnen Ihr glänzender Verstand eingibt«, schmeichelte ihm Katharina zwar in einem Brief. Aber das war’s dann auch. Für ihren Regierungsalltag befand die Zarin eisig, mit Diderots Ideen ließen sich zwar »gut Bücher füllen, aber schlecht nach ihnen handeln«.

Zu Diderots Lebzeiten war die Grenze der Aufklärung damit erreicht. Doch fünf Jahre nach seinem Tod begann die Französische Revolution, in der die aufklärerischen Ideen politisch wirksam wurden. Die damalige »Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte« wäre ohne die Bücher der Philosophen nicht möglich gewesen. Sie wurde zum wichtigsten Vorbild der heutigen Uno-Menschenrechtserklärung und hat viele demokratische Verfassungen inspiriert.

Es ist diese Tradition, an die Habermas immer wieder anknüpft. Die Nähe zu den Mächtigen kann allerdings unnütz oder sogar kontraproduktiv sein. Darum ist es klug, dass er sich dem Angebot aus Abu Dhabi nun doch verweigert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.