Neue Biografien über den Philosophen Hans Blumenberg Der Umweg als Ziel

Hans Blumenberg, vor 100 Jahren geboren, war ein kultisch verehrter Philosoph und ein Einzelgänger, im Leben wie im Denken. Zwei neue Biografien zeigen einen Mann, der in keine Schablone passte.
Philosoph Hans Blumenberg: Lesezeit als Lebenszeit

Philosoph Hans Blumenberg: Lesezeit als Lebenszeit

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Privatsammlung Bettina Blumenberg/ Suhrkamp

Philosophie sollte Klarheit schaffen, meinen die einen. Sie sollte Erkenntnisse ermöglichen, die das Denken gewissermaßen in Ordnung bringen, und am Ende das Handeln oder sogar das Leben erleichtern. Für diese Gruppe von Lesern ist der Philosoph Hans Blumenberg, vor 100 Jahren in Lübeck geboren und nun in gleich zwei Biografien gewürdigt, keine gute Adresse. Wer dessen Bücher liest, kann kaum etwas davon nach Hause tragen. Stattdessen macht er die Erfahrung, dass die Lesezeit als Lebenszeit verstanden werden kann, die man mit Staunen und Vergnügen verbringt, die sich aber kaum verwerten lässt. Das Rätsel, das ihre Titel schon in sich tragen - "Schiffbruch mit Zuschauer", "Die Sorge geht über den Fluss" - wird niemals gelöst. Eher breitet es sich aus. Auch die "Arbeit am Mythos", wie ein 1979 erschienenes Hauptwerk heißt, trug diesen nicht ab. Sie schuf eher einen neuen, nämlich den Autor Hans Blumenberg.

Wer war dieser Mann, der in keine Schablone passte und auch keine hinterließ? Der Kollege Odo Marquard, wie Blumenberg ein begnadeter Aphoristiker, charakterisierte Blumenbergs Bücher als "dickleibige Problemkrimis". Das grundsätzliche Problem: die Bedingtheit des Denkens. Anschaulich gemacht: Wieso halten wir es inzwischen mehrheitlich für selbstverständlich, dass nicht ein zürnender Gott uns das Coronavirus als Strafe für sorglosen Lebenswandel schickt? Dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht? Oder, dass die Neugier etwas Produktives und grundsätzlich Gutes ist? Wie lösen sich Paradigmen des Denkens und Mentalitäten ab - und wie kann man dennoch Autoren lesen, die ihr Selbst- und Weltverständnis vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gebildet haben, unter einem buchstäblich anders bevölkerten Himmel?

In problemgeschichtlicher Nachbarschaft

Diese Fragen sind einerseits philosophiegeschichtliche, doch geht Blumenberg nicht vor wie ein Historiker, sondern eher wie der Essayist Michel de Montaigne. Dieser hatte Zitate seiner geliebten Autoren in die Balken seiner Denkwerkstatt schnitzen lassen; Blumenberg verfügte über Zettelkästen, die um die 30.000 Exzerpte wie eigene Notizen versammelten. Unbefangen gegenüber jeder Chronologie bringt er Autoren wie Jean Paul, Arthur Schopenhauer und den Apostel Johannes miteinander ins Gespräch, "in problemgeschichtlicher Nachbarschaft", wie sein Biograf Jürgen Goldstein es nennt.

Goldsteins "philosophisches Portrait" - so der Untertitel des Buches - ist eine ausgezeichnete Einführung in Blumenbergs Werk, der das Unmögliche gelingt: eine unaufhörliche Bewegung gewissermaßen still zu stellen, ohne ihr das Lebendige zu nehmen. Denken hieß für Blumenberg: Umwege nehmen. Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten scheint die sinnvollste Art, ans Ziel zu gelangen. Doch was ist dabei gewonnen, beziehungsweise: Was hat man auf diesem Weg alles nicht gesehen?

Goldstein hat seinen Helden noch gekannt. Er war studentische Hilfskraft in Münster, wo Blumenberg seine letzte Professur innehatte. In seinem Porträt scheint der Respekt vor dem Unnahbarkeitsgebot des Philosophen auf, der sich persönlichen Begegnungen, je älter er wurde, immer unnachgiebiger entzog. In einer Anekdote des 2015 verstorbenen Odo Marquard , die Goldstein weitergibt, ist das auf die Situation gebracht: Bei einem Telefontermin zu festgesetzter Stunde ließ Marquard, nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Höflichkeit, fünf Minuten verstreichen, "gleichsam ein kleines akademisches Viertel", bevor er bei dem emeritierten Kollegen anklingelte. Um dann den Bescheid von einem der Söhne Blumenbergs zu erhalten, der Termin sei hiermit verstrichen, der Vater habe nun keine Zeit mehr.

Dass die akademische Freundschaft daran nicht zerbrach, spricht für die bewundernde Langmut Marquards, aber auch für die Aura Blumenbergs, der Unduldsamkeit und Spröde offenbar eher genutzt als geschadet haben.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass der Biograf Rüdiger Zill, der Blumenberg nie begegnet ist, sich dem vor 24 Jahren Verstorbenen mit weniger Skrupeln nähert. Aus seiner Forschung, die Briefe und Dokumente aus dem Nachlass einbezieht, entsteht das Bild eines Denkers, der die letzte Schaffensperiode in "heiterer Verbitterung" absolvierte; hoch konzentriert, weltabgewandt und zugleich hellwach in Fragen der Bedeutsamkeit des eigenen Tuns.

"Mir ist dieses Land unheimlich geblieben"

Ein Brief an seinen Verleger Joachim Unseld zeigt das Selbstbewusstsein des Autors und wie er parierte, was er für unzumutbar hielt: "Lieber Herr Unseld", heißt es hier, "für das mir gewährte Tischgespräch möchte ich Ihnen danken. Ich höre Ihnen immer gern zu, welche Wendungen Sie auch jeweils einschlagen. Nun haben Sie sich entschlossen, mich "empfindlich" zu finden, nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt "geldgierig" war - gerade so lange, wie es dafür ein Publikum gab. Mit dem Vorhalt der Empfindlichkeit ist wieder entschieden, wer schuld sein muss, wenn es nicht gut geht."

Dabei ist es keineswegs Zills Projekt, den Unnahbaren als die "Mimose" nahbar zu machen, für die er manchen Kollegen galt. Im Gegenteil gehört zu den eindrücklichsten Aspekten seiner geschliffen formulierten Studie, wie er das Schicksal des Deutschen Blumenberg beschreibt - und dessen mögliche Folgen.

Der "Halbjude" Hans Blumenberg überlebte die letzten Wochen bis Kriegsende in einem Versteck, nachdem er vorher Zwangsarbeit im Lager Zerbst in Sachsen-Anhalt hatte leisten müssen. Drei seiner Tanten wurden im Vernichtungslager ermordet. "Mir ist dieses Land unheimlich geblieben", sagte er 1968, als die Frage, wer auf welcher Seite stand - und 30 Jahre zuvor gestanden hatte - gesellschaftlichen Druck erzeugte. Wem was zu verzeihen war, würde er zeitlebens selbst bestimmen. "Ich wollte nicht sein, was ich nicht zu sein brauchte: das Weltgericht."  

Auch nach der Lektüre beider Bücher bleibt Blumenberg ein produktives Rätsel. Nicht dennoch, sondern auch deshalb ist es ein unerhörter Gewinn an Lebenszeit, sie zu lesen.

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