"Philosophie des Humors" Nachgedacht und mitgelacht

Schon komisch, dass Theorie und Humor als Feinde gelten, dachte sich Manfred Geier. Und schrieb mit "Worüber kluge Menschen lachen" eine spannende Ideengeschichte des Witzes von Platon bis Karl Valentin.
Von Gabriele Meierding

Das Vorwort zu seiner kleinen Philosophie des Humors schrieb er am 11.11., die Verabredung zum Interview erfolgte am 1. April. Hat man es bei Manfred Geier also mit einem Scherzbold zu tun? Im Gegenteil: Der Autor nimmt sein Thema ernst, als Philosoph und als Sprachwissenschaftler. Unter anderem gilt es, den Humor als Medium der Aufklärung zu verteidigen. Gegen den Geistestyrannen Platon, der das Lachen bekämpft hatte. Und immer wieder gegen die Autorität von Staat und Kirche, die in finsteren Zeiten das Lachen nur zu den Oster- und Weihnachtsfeiertagen erlaubte.

Braucht man Humor für die Lektüre dieses Buches? "Man muss nur lesen können und auch ein wenig für philosophische Fragestellungen interessieren", beantwortet Geier die erste Frage diplomatisch. Um so ein Buch zu schreiben, brauche man ihn schon. "Der Humor spielt auch bei mir als Mentalität eine Rolle. Wenn man die Frage Was ist der Mensch? ernst nimmt, muss man auf den Humor und das Lachen kommen. Denn schließlich sagte schon Aristoteles, der Mensch ist das einzige Wesen, das lacht."

Geiers Kulturgeschichte des Lachens beginnt in der Antike. Der Kyniker Diogenes verhöhnt mit derben Scherzen das Establishment und zerlegt die hohe Theorie des Philosophenkönigs Platon. Dem Respektlosen, der nahezu zwei Jahrtausende vor Nietzsche die Umwertung der Werte betrieben hatte, widmet der Autor ein respektvolles Kapitel.

Demokrit ridens, Heraklit flens

Doch seine Zuneigung gilt vor alle dem "lachenden Philosophen" Demokrit, der nicht nur Titel-, sondern auch Leitfigur dieses Buches ist. Der heitere Demokrit und der schwermütige, Heraklit bilden ein perfektes Gegensatzpaar für die Auseinandersetzung um philosophische Grundhaltungen: Demokrit ridens (lacht), Heraklit flens (weint). In der Folge wird von Demokrits froher Gelassenheit über den philosophischen Satiriker Christoph Martin Wieland ein direkter Weg zu Kant führen.

Demokrit stammte aus Abdera, wo man den Weisen für verrückt hielt. Dazu muss man wissen, dass sich ein abderitischer Selbstmörder den Kopf verarzten ließ, nachdem das Seil gerissen war - um sich danach erneut die Schlinge zu knüpfen. So lernen wir en passant die Abderiten als Vorfahren der Schildbürger und Ostfriesen kennen.

Dass sich "jede Kultur ihre Dummen sucht", wie Geier lächeln erklärt, ist die populäre Essenz der Superioritätsthese, der Theorie vom überlegenen Lachen. Auch hier taucht der philosophische Running Gag von der thrakischen Magd auf, der nicht die Urszene eines Blondinenwitzes, aber die des Philosophenstreits über das Wesen des Humors ist. Lachte sie aus Dummheit oder aus Weisheit, als der Weise Thales in den Brunnen fiel, weil er den Kopf in den Wolken hatte? Geiers Position ist klar: "Philosophieren heißt ja auch, geistig tätig sein zu dürfen, ohne dass darüber das Leben verarmt."

Aufklärung? Wäre doch gelacht

Es mag absurd erscheinen, wenn Philosophen über etwas streiten, was einem die Natur mitgegeben hat oder eben nicht. Humor leitet sich schließlich von den humores, den Körpersäften, ab. Die wiederum begründeten im Zeitalter der Aufklärung eine Lehre über die Befindlichkeiten des Menschen und seine Launen. "Gute Laune hat derjenige, der die Widersprüchlichkeiten der Welt mit einer gewissen Gelassenheit nimmt", erklärt Geier. "Und die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit zu sehen und Wege zu finden, wie man damit umgehen kann, ist ein typisch aufklärerischer Gedanke." Damit wären wir bei der Inkongruenztheorie angekommen, dem Lachen über Ungereimtheiten - und endlich auch bei Kant.

Nachdem Geier in "Kants Welt" den Königsberger Gelehrten vom Image des verknöcherten Denkers befreite, entdeckt er uns nun seinen Humor. "Bei Kant spielt das Lachen zwischen geistiger Feinheit, geistigen Witzen und körperlichen Aktivitäten. Der Witz ist immer ein Teil der intellektuellen Arbeit. Jemand, der Witz hat, ist jemand, der über das Nachdenken zum Lachen gerät."

Der Witz der Philosophen wirkt seit jeher überzeugender, wenn er sich nicht mit dem Humor, sondern mit der Macht auseinandersetzt. Ein Satz bleibt hängen, den der von Zeitgenossen wie Goethe und Kant verehrte Wieland in seinem Diogenes-Buch schrieb: "Religions-Schwärmerey und politische Schwärmerey, diese Ungeheuer, welche die schrecklichsten Katastrofen zu verursachen fähig sind, finden bei einem fröhlichem Volke keinen Zugang offen, oder verlieren bey ihm alle Macht zu schaden."

Traumhaft komisch

Dies wäre ein guter Schlusssatz, hätte Geier am Ende nicht auch den Königsweg der Psychoanalyse, die Traumdeutung, als Witz enttarnt: "Die Träume, sagte Freud, sind widersinnig, zum Teil unsinnig oder sogar schwachsinnig. Auf jeden Fall haben sie immer einen bestimmten Aspekt, der den Analytiker zum Lachen bringt. Deswegen wahrscheinlich sitzt er in der psychoanalytischen Situation immer hinter der Couch."

Worüber kluge Menschen vielleicht nicht einhellig lachen können, ist das spekulative Geschütz, mit dem der Autor dem klapperdürren Karl Valentin zu Leibe rückte. Aber auch in diesem Fall übernimmt Geier bereitwillig die Aufgabe, den Witz zu erklären: "Wenn ich Karl-Valentin-Dialoge mit einer Überlegung von Sartre über das Nichts, Hegelscher Dialektik und einer linguistischen Analyse dessen, was da stattfindet, verbinde - dann ist das für mich ein Witz. Das ist Inkongruenz."

So sind wir gerüstet für "Das Endspiel der Metaphysik". Mit einem "kleinen philosophischen Narrenstück", klingt die Philosophie des Humors aus. Es treten auf: Max Horkheimer, Martin Heidegger, Rudolf Carnap. Im fiktiven Kammerspiel mit den Repräsentanten der Philosophie des 20. Jahrhunderts offenbart sich das unfreiwillig Komische philosophischer Abstraktion. "Es zeigt meine eigene Distanz gegenüber der philosophischen Reflexion, die nicht unmittelbar lebensnah ist," sagt Manfred Geier. Diogenes würde es die Lächerlichkeit des Erhabenen nennen. Komisch aber alles andere als ein Witz.


Manfred Geier: "Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors", Rowohlt, 283 Seiten, 16,90 Euro.

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