Roman "Pixeltänzer" Vom Wunsch nach Widerstand

Im Digitalen ist Beta zu Hause. Ausgerechnet über ihre Weck-App erreicht die Heldin von Berit Glanz' "Pixeltänzer" eine wichtige Inspiration aus der analogen Vergangenheit. Ein Debütroman mit starken Ideen.

Besprechung in Start-up-Büro (Symbolbild): Aufgekratztes Jetzt-Gerede
Getty Images

Besprechung in Start-up-Büro (Symbolbild): Aufgekratztes Jetzt-Gerede

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Wie ist das Leben ohne Vergangenheit? Das Arbeiten, Feiern, Trinken, Daten im totalen Jetzt? Beta arbeitet in einem Start-up-Unternehmen, programmiert vor sich hin, speed-datet, schläft und lässt sich jeden Morgen mittels einer App aufwecken, die sich "Dawntastic" nennt.

Wer sich dort anmeldet, wird per Zufall von irgendeinem Menschen auf der Welt, der die gleiche App auf seinem Handy hat, morgens geweckt. Ein kurzes Gespräch mit irgendwem. Man wird sich nie wieder hören. Die Gesprächspartner sind anonymisiert. Der Tag startet mit einem Blitz-Geheimnis.

So beginnt der Debütroman "Pixeltänzer" von Berit Glanz, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Greifswald, Jahrgang 1982. Nur kurz scheint es so, als sei es ein forciert modern möblierter Start-up-Roman, in dem uns Sätze wie dieser durch ihr demonstrativ aufgekratztes Jetzt-Gerede gleich wieder aus dem Buch katapultieren: "Ich bin Junior-Quality-Assurance-Tester, und im letzten Feedback-Gespräch hinter der Milchglasscheibe wurde mir eine Can-Do-Ausstrahlung bescheinigt".

Preisabfragezeitpunkt:
01.08.2019, 14:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Berit Glanz
Pixeltänzer: Roman

Verlag:
Schöffling
Seiten:
256
Preis:
EUR 20,00

Aber dann kommt alles ganz anders. Ein rätselhafter Anruf über diese Weck-App am Morgen. Ein Typ namens Toboggan mit sonderbarem Profilbild - irgendeine alte Maske scheint das zu sein - ruft aus Kalifornien an. Beta wird ihn nicht wieder hören, aber auf unterschiedlichen Wegen erreichen sie Botschaften von ihm im Netz. Am Anfang ist es vielleicht nur Langeweile und ein diffuses Interesse an einer anderen Welt. Doch Schritt für Schritt öffnet sich eine Vergangenheit vor ihr, das Leben radikaler Künstler, die vor hundert Jahren lebten, tanzten, Theater spielten, sich entblößten und sich schließlich ganz verhüllten - der sich Beta nicht entziehen kann.

Es ist die Geschichte von Herwarth Waldens expressionistischer Kunstzeitschrift "Der Sturm" und der Künstlergruppe, die sie umgab. Die Geschichte der "Sturm-Bühne" in Berlin, später der "Kampfbühne" in Hamburg. Es ist vor allem die Geschichte der Schauspielerin und Tänzerin Lavinia Schulz, die 1918 nackt auf der Bühne stand und später in selbst entworfenen Ganzkörperkostümen auftrat.

Großartig und ermutigend

Berit Glanz wechselt immer wieder aus der Berliner Start-up-Szene von heute hinüber zur Befreiungstanzszene vor hundert Jahren. Beta will alles wissen über diese Lavinia, sie fährt in den Geburtsort der Tänzerin nach Lübben im Spreewald, sieht die Masken in einem Hamburger Museum. Und mit der Beschäftigung mit dieser alten Kunst, den alten Träumen von Nacktheit und Verbergen, von einer Kunst, die sich mit aller Macht gegen ihre Kommerzialisierung wehrte, einer Kunst, die widerständig bleiben wollte, wächst in dieser glatten, gelangweilten Beta ein eigener Zorn heran. Ein Wunsch nach Widerstand.

Ganzkörpermaske "Bertchen" von Lavinia Schulz: Alte Träume von Nacktheit und Verbergen
Alexander Heinl/ DPA

Ganzkörpermaske "Bertchen" von Lavinia Schulz: Alte Träume von Nacktheit und Verbergen

Wie kann man sich heute gegen das Verwerten von allem, gegen das Einspeisen jedes Gedanken, jeder Idee, jeder Freude in den totalitären Apparat wehren? Wie kann man sich gegen Verfolgung, Wiedererkennung, totale Überwachung heute noch wehren? Mit der Beschäftigung mit diesen längst gestorbenen Menschen, ihrer Energie, ihren Träumen, ihren Strategien wächst in Beta die Lust auf Widerstand. Der Mut, über Möglichkeiten des Widerstands überhaupt nachzudenken. Und am Ende hat sie, zusammen mit ihren Kollegen, wirklich eine Idee, wie Befreiung heute möglich sein könnte.

Wie Berit Glanz in ihrem ersten Roman diese Verknüpfung der beiden Welten scheinbar mühelos gelingt, wie sie erzählend darstellt, was wir Heutigen aus jenen alten Welten, alten Büchern, alten Kostümen, alten Träumen, alten Strategien lernen und erfahren können, das ist großartig und ermutigend. Als Roman. Und als Idee.

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