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29. Januar 2009, 17:53 Uhr

Polit-Denker Dath

Mit dem Kopf gegen den Kapitalismus

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Nichts ist simpler, als Dietmar Dath doof zu finden: Er macht es einem schwer beim Lesen, er ist ausschweifend und belehrend, und in seiner Literatur kommen Zombies vor. Aber er ist Deutschlands einziger Jung-Autor mit Haltung - und sehr interessanten Argumenten für den Sozialismus.

Der Frankfurter Taxifahrer hat vom Suhrkamp Verlag noch nie gehört, die kleine Lindenstraße im Westend kennt er auch nicht. Vielleicht ist es wirklich Zeit, dass der Verlag Frankfurt verlässt, das bringt ja so nichts, das wäre ja in der alten Bundesrepublik undenkbar gewesen, dass man in Frankfurt nicht weiß, wo der Suhrkamp Verlag ist.

Mit Hilfe des Navigationsgeräts an der Windschutzscheibe findet der Fahrer schließlich fluchend Deutschlands einstmals bedeutendsten Buchverlag. Wie unspektakulär dieser Sechziger-Jahre-Bau doch jedes Mal wieder aussieht. Immerhin, hinten im Hof steht der alte Jaguar von Ulla Berkéwicz, der umstrittenen Verlegerin, der letzten Frau von Siegfried Unseld, und sorgt für ein bisschen Atmosphäre. F-SU steht auf dem Kennzeichen. SU für Suhrkamp? Oder SU für Siegfried Unseld?

Drinnen in einem riesigen Konferenzsaal im Erdgeschoss wartet Dietmar Dath, ein langer Konferenztisch, dahinter an der Wand Warhols Porträt von Siegfried Unseld.

Dath, 38, ehemals "Spex"-Chef- und "FAZ"-Kulturredeakteur, ist sicherlich der umstrittenste jüngere deutsche Schriftsteller, manche sagen auch: der interessanteste. Nicht alle mögen ihn. Eigentlich mögen ihn viele nicht. Die deutsche Literaturkritik ist ziemlich genau mittig gespalten in der Beurteilung seines jüngsten Romans "Die Abschaffung der Arten". Die eine Hälfte ("Frankfurter Allgemeine", "Die Zeit") findet ihn genial, wenn auch schwer lesbar; die andere ("Süddeutsche", "tageszeitung") findet ihn ganz unerträglich, wenn auch interessant.

Diese, in dieser Deutlichkeit im Literaturbetrieb seltene Meinungsverschiedenheit brachte Dath mit dem Buch unter die letzten sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis, und vielleicht hätte er ihn sogar gewonnen, wenn nicht Daths Suhrkamp-Kollege Uwe Tellkamp mit seinem "Turm" alles weggefegt hätte.

"Die Abschaffung der Arten" ist ein sonderbares Buch, um das Wenigste zu sagen. Es spielt weit in der Zukunft, und seine Protagonisten sind eine nahezu unüberschaubare Anzahl von telepathisch sprechenden und sich selbst klonenden Tieren, die auf knapp 600 Seiten furchtbar komplizierte Probleme aus Forschung, Wissenschaft und Staatslehre verhandeln. Selbst jene Kritiker, die den Roman irgendwie genial finden, halten seine Lektüre zeitweilig für eine Qual.

Ein paar Monate vor "Der Abschaffung der Arten" hat Dath, dessen schriftstellerischer Ausstoß schier gigantisch scheint (zehn teilweise über 500 Seiten schwere Romane in 13 Jahren, dazu Essays und Zeitungsartikel), noch eine von ihm sogenannte Streitschrift veröffentlicht, die den kaum zu übertreffenden Titel "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus" trägt und in der Dath mit Hilfe von Marx und Darwin skizziert, wie der Mensch eine immer sinnloser werdende Technik befreien muss, um sie sich wieder zu Nutzen machen zu können.

Dath selber ist Sozialist. Oder gar Kommunist, Marxist auf jeden Fall.

Er ist der einzige jüngere deutsche Schriftsteller, der es wagt, sich eindeutig politisch zu positionieren. Das ist ja eigentlich ein Anachronismus, heute sind Autoren meistens irgendwie ein bisschen links und manchmal auch ein bisschen rechts, aber die meisten sind gar nichts. Sie schreiben darüber, wie die Welt ist.

Zombies, Gentechnik und Heavy Metal

Dath interessiert nicht, wie die Welt ist. Seine Texte handeln davon, wie die Welt sein sollte, wie sie hoffentlich nicht sein wird oder ganz neutral sein könnte. Und damit ist man automatisch bei spekulativen Texten, bei phantastischer Literatur.

Nichts ist einfacher, als jenen Dietmar Dath, den man aus seinen Büchern und Texten kennt, unsympathisch zu finden: Er gibt vor, so viel zu wissen, er macht es einem so schwer beim Lesen, er ist ausschweifend und belehrend, und in seiner Literatur kommen immer wieder Zombies vor.

Aber nun sitzt Dath dort, ist schmaler, als man vermutet hätte, trinkt Multivitaminsaft, ist konzentriert, gar ein bisschen aufgeregt: null unsympathisch. Er hört genau zu und antwortet, wenn auch detailverliebt, so doch sehr präzise - und sehr verständlich, im Grunde druckreif.

Die Idee dieses Treffens: Wer von den seit Monaten landauf, landab vorgetragenen Deutungen der sogenannten Finanzkrise ermüdet ist, hört vielleicht von einem Marxisten mit den Interessenschwerpunkten Zombies, Gentechnik und Heavy Metal eine etwas andere Version.

"Marx nennt das Sozialismus."

Die vorherrschende, vereinfacht wiedergegebene Deutung lautet: Das System ist in Ordnung, es wurde bloß von der Gier und Verantwortungslosigkeit einzelner Lehman-Brüder und Heuschrecken gesprengt.

"Das Verlogene an dieser Deutung", sagt Dath, "und lassen wir das Intellektuell-Putzige mal weg, ist: Zeigen Sie mir jenen Verwalter von Vermögen, der nicht jede Gelegenheit nutzt, sein Kapital zu vergrößern. Die Funktion der kapitalistischen Wirtschaft besteht ja nicht darin, Fahrräder zu produzieren oder iPods, sondern aus einem Haufen Geld mehr Geld zu machen."

Das ist jetzt leider doch ein bisschen langweilig. Das wissen wir. Kapitalismus ist böse.

"Nein", sagt Dath. Nein?

"Selbst die Gegner des Kapitalismus müssen anerkennen, dass er gegenüber dem Mittelalter viel sozialen Fortschritt gebracht hat: Wohnungen, Medizin, Eisenbahn." Kapitalismus ist nämlich eigentlich doch gut, sagt ein Marxist. Schlauer Move. Aber jetzt wirkt er plötzlich gelangweilt. Dann bringt er Schwung ins Gespräch.

"Wenn Müntefering also die sogenannten Heuschrecken erziehen will, ist das eigentlich viel größenwahnsinniger als alles, was der radikalste marxistische Schreier sagt: Marxisten wollen nicht den Hang zum Eigennutz loswerden. Sie wollen eine Ordnung, in der keiner mehr etwas davon hat, fies und dumm zu sein."

Dietmar Dath hat sich, wie es Marxisten eben tun, schon vor der finalen Erschütterung des kapitalistischen Systems sehr konkret mit dessen Unzulänglichkeiten beschäftigt. In "Maschinenwinter", erschienen im April vergangenen Jahres, schrieb er:

"Selbstverständlich ist eine Gesellschaft obszön, in der Zahlungsmittelengpässe, Liquiditätskrisen und Bankenbeben vorkommen, weil plötzlich deutlich wird, dass Kredite, die man armen Amerikanern aufgeschwatzt hat, damit sie sich Eigenheime kaufen, die sie sich unmöglich leisten können, tatsächlich nicht zurückgezahlt werden."

Was obszön ist, kann ruhig zugrunde gehen: Also müsste Dath die Finanzkrise begrüßen.

"Nein", sagt er, "es ist ja keineswegs so, dass die Zunahme von Elend den revolutionären Geist anstachelt. Je mehr Angst die Leute um Lohn und Brot haben, desto lauter heißt es: Wir sitzen alle in einem Boot. Dann passiert, was die SPD schon bei Anbruch des Ersten Weltkriegs gemacht hat: Wir schließen jetzt Burgfrieden, weil es ernst ist. Jetzt ist Deutschland in Gefahr. Traurig."

In Wirklichkeit, auf dem Tonband, war Daths Antwort natürlich viel länger. Sie begann mit der Linkspartei, mit der Dath aus unverständlichen Gründen sympathisiert, lief über die SPD, die Dath verabscheut, und ihrer Rolle zu Beginn des Jahrhunderts. Sie kam auf den Sinn von systemischer Kritik, erörterte, wie die Globalisierung nationale Revolutionen verhindert und endete, sehr interessant, mit den Unterschieden zwischen spanischen und deutschen Lastwagenfahrern.

Für alle, die - was so verständlich wie bedauerlich ist - sich nicht die Mühe machen wollen, Daths Romane zu lesen: Diese Antwort ist eine ziemlich aussagekräftige Miniatur dessen, was einen dort erwarten würde.

Dath umreißt diesen nie ironisch oder postmodern gemeinten Themenmix mit den Begriff "die ganze Welt meinen". Er möchte eine eher gegenwarts- und in jüngster Zeit immer häufiger: vergangenheitsorientierte realistische Literatur abgelöst sehen durch Texte, die sich mit Zukunft und Spekulation befassen. Und wenn schon mit der Gegenwart, dann in ihrer höchstmodernen Ausprägung, denn nur dann könnten literarische Texte eine politisch relevante Wirkung entfalten.

Abschaffung des kapitalistischen Systems

Das ist in ihrer Ausrichtung nach vorne eine marxistische Position, und wie alle marxistischen Positionen ist sie natürlich anfechtbar (die Fans von Flaubert, Fontane, Ibsen oder Plenzdorf zum Beispiel werden immer auf der subtilen politischen Wirkung der Texte dieser Autoren bestehen).

Will Dath also die Abschaffung des kapitalistischen Systems mit seiner Literatur mit herbeiführen?

"Absolut", sagt Dath, und fast ist man ein bisschen erschrocken. Wer will das denn heute noch und außerdem: Und dann?

Dath zögert keine Sekunde. Er muss diese Frage, die ja eigentlich unbeantwortbar ist, schon tausendmal pariert haben.

"Dann kommt ein System der gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik. Marx nennt das Sozialismus."

Jetzt hat man ihn! Und zwar mit dem stumpfsten, abgedroschensten, reaktionärsten Argument, das einem SPIEGEL-Redakteur so einfällt: War es nicht das, was gerade erst vor 20 Jahren untergegangen ist? Bums.

Was tun, Dietmar Dath?

Leider zögert er wieder keine Sekunde. "Die bürgerliche Demokratie hat auch ein paar Anläufe gebraucht. Zunächst mal ist sie in Frankreich im Blut ersoffen, alle haben sich gegenseitig geköpft. Und doch leben wir heute nicht mehr wie vor 1789, sondern eher so, wie es die bürgerlichen Revolutionäre wollten. Es ist Zeit für die nächste Stufe."

Daran, dass diese nächste Stufe bald erreicht wird, hat Dath auch an diesem Tag schon gearbeitet. Er ist um fünf Uhr morgens aufgestanden, hat von sechs bis acht geschrieben und, wie er sagt, "ganz schön was weggemacht". Eine Rosa-Luxemburg-Biografie ist fertig, der nächste Roman in Arbeit, es müsste sein elfter in 13 Jahren sein.

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