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"Die Dirigentin": Schauplatz Berliner Republik

Foto: Tobias Hase/ picture-alliance/ dpa

Polit-Roman von ZDF-Journalist Herr Herles erzählt Herrenwitze

Die Kanzlerin ist eine Lesbe. Ein eifersüchtiger Ex-Minister glüht vor Hass. Schauplatz der Handlung: die Hauptstadt. Der bekannte ZDF-Journalist und Autor Wolfgang Herles bedient in einem neuen Roman so viele Ressentiments gegen die mächtige Frau, dass man sich fragen muss: Sind sie seine eigenen?

Jetzt mal eine Frage an die Männer: Stellen Sie sich vor, versuchen Sie sich vorzustellen - könnten Sie etwas mit der Kanzlerin haben? Also nur theoretisch? Nein? Na, sehen Sie. Und warum können Sie das nicht, sich die Kanzlerin als weibliches Wesen vorstellen? Na? Nie darüber nachgedacht? Hier ist die Antwort: Sie ist eine Lesbe! Darum! Wird jetzt nicht alles klar? Na, sehen Sie!

Vielleicht steht irgendwo in diesem Land noch ein Stammtisch in einer verranzten Dorfwirtschaft, an dem ältere Männer zu vorgerückter Stunde bierselig, aber wahrscheinlich doch eher schon vollkommen besoffen, solches Zeug verzapfen. Da wird das Land jetzt schon seit Jahren von dieser mächtigen, rätselhaften Frau regiert, da muss man sich doch mal Luft machen können. Am nächsten Tag, einigermaßen ausgenüchtert, erzählen die Herren selbstverständlich nichts ihrer Frau von der Suff-Theorie, die da gestern noch für Schenkelklopfer gesorgt hat, vielleicht schämen sie sich sogar ein wenig für ihr grunzendes Lachen.

Gott bewahre! Es ist doch ein Roman!

Am Donnerstag stand ein Tisch etwas abseits wie eine Bühne im Hinterzimmer des Berliner Prominenten-, Politiker- und Journalisten-Restaurants "Einstein Unter den Linden", und an diesem Tisch saß der ZDF-Journalist Wolfgang Herles ("Aspekte") und las aus seinem neuen Roman "Die Dirigentin" vor. Nun ist das Einstein gewiss kein Ort für Herrenwitze, gegrunzt wird hier keinesfalls, und Herles, demnächst Gastgeber einer, nein, der neuen Literatursendung im deutschen Fernsehen, ist auch gewiss kein Herrenwitzerzähler.

So ist der eingangs geschilderte Gedankengang erst ab Seite 195 seines neuen Romans "Die Dirigentin" zu finden (die er hier nicht vorliest). Und, Gott bewahre!, es ist ja ein Roman, äußert Herles die Lesben-Theorie auch selbstverständlich nicht selbst, sondern seine Hauptfigur, ein gewisser Ex-Minister namens Jakob Stein. Und selbstverständlich meint dieser Stein nicht etwa Angela Merkel, Gott bewahre!, sondern eine fiktive Kanzlerin namens Christina Böckler.

Aber sonst passt alles.

Dabei ist "Die Dirigentin" zunächst nicht die Geschichte der Kanzlerin, obwohl Titel und auch Umschlaggestaltung (eine von hinten abgelichtete Frau, die haargenau wie Merkel aussieht, es laut Verlag aber nicht ist) nichts anderes vermuten lassen wollen - sondern die Geschichte eben jenes Staatsministers Stein, geschieden, von der Kanzlerin geschasst und nun sein Glück in der klassischen Musik suchend, bald obsessiv die Stardirigentin Maria Bensson von Aufführung zu Aufführung verfolgend.

Die Patschehändchen der Kanzlerin

Stein, dem zunehmend die Realität entgleitet, wähnt sich von Bensson geliebt, so wie er sich früher einmal von der Kanzlerin geliebt wähnte, und wird doch nur als Figur in einem Spiel gebraucht: Bei der früheren Chefin hieß dieses Spiel Politik, bei seiner neuen Angebeteten ist es ein Spiel um die Macht an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Die herkömmlichen Schauplätze eines zeitgenössischen Berliner-Republik-Romans dürfen nicht fehlen, das Einstein kommt selbstverständlich auch vor, stets verzehrt Stein hier seine Eier im Glas mit extra viel Schnittlauch. Und genauso detailliert scheint auch die Kanzlerin charakterisiert zu werden. Mag sie hier auch Böckler genannt werden, wirft man einen Blick in das an diesem Abend verteilte Buch, ist Merkel deutlich zu erkennen. Beschrieben wird sie geradezu hasserfüllt aus der Perspektive des gefallenen Ministers Steins: ihre Patschehändchen, ihre Unfähigkeit zur Körpersprache, ihr kalter Blick. Derartig viele Ressentiments gegen die mächtige Frau schiebt Herles (der seinerseits auch schon einmal vom Kanzler Kohl gekegelt  wurde) seinem Stein unter, dass man glatt glauben könnte, es seien seine eigenen.

Im echten Einstein stellte ein echter ehemaliger Kulturstaatsminister namens Michael Naumann den Roman vor, er fasste die Handlung launig zusammen und nannte das Buch einen "politischen Sommerroman", einen, der vielleicht nicht den Ansprüchen höchster Literatur genüge, aber doch äußerst unterhaltsam sei. Im Übrigen werde darin der Kanzlerin, nicht Merkel!, betont er immer wieder, Frauenliebe unterstellt - was er, Naumann, zutiefst missbillige.

Grinsend, nicht grunzend.

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