Politische Satire Wenn Merkel den Zaun zum Gärtner macht

Politiker reden, reden, reden - und das nicht immer gut: Das neue Buch des Hörfunk-Journalisten Peter Zudeick widmet sich mit viel Empathie den kleinen und großen Sprachunfällen. Ein unterhaltsamer Streifzug durch die Bonner und Berliner Republik.

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Politiker ist kein angenehmer Beruf. Ständig muss man eine Meinung haben, eine Position beziehen, komplizierte Zusammenhänge radikal vereinfachen und diese den Menschen da draußen im Lande dann auch noch so erklären, dass sie denken, sie hätten sie verstanden, und zwar so, wie der Politiker will, dass sie sie verstehen, in seinem Sinne nämlich. Und wenn sie sie schon nicht verstehen, dann sollen sie wenigstens denken, der Politiker habe sie verstanden und würde ganz in ihrem Sinne entscheiden.

Als ob das nicht alles schon anstrengend und kompliziert genug wäre, kommt auch noch diese ständige öffentliche Beobachtung dazu: permanent lungern Journalisten auf den Parlamentsfluren herum, prüfen, ob die Fakten stimmen, prüfen, ob das, was da gerade gesagt wurde, überhaupt konsistent ist mit dem, was gestern gesagt wurde oder mit dem, was ein Parteifreund gerade ins Mikrofon nebenan gesagt hat. Und wenn man das alles irgendwie hinbekommen hat - dann kommt auch noch Peter Zudeick daher.

Bei genauer Betrachtung reichlich unsinnig

Einmal in der Woche bekommen Politiker ihr Sprachzeugnis ausgestellt: Peter Zudeick, freier Hörfunkjournalist mit festen Sendeplätzen auf praktisch allen öffentlich-rechtlichen Kanälen, hat genau zugehört, was die Spitzenvolksvertreter gesagt haben. Und nimmt sie beim Wort. Er schneidet ihre Zitate zusammen, fügt Pausen ein, wiederholt besonders missglückte Formulierungen - und macht sich genüsslich darüber lustig. Zudeick entlarvt die täglichen Schönfärbereien, die versteckten und die offensichtlichen Widersprüche, er entschlüsselt Unverständliches und belegt, dass oft auch das vermeintlich Verständliche bei genauer Betrachtung reichlich unsinnig ist (siehe Fotostrecke).

Zudeick hat einmal den Beruf des Polizisten gelernt, vielleicht ist er deshalb ein so guter Aufpasser. Später studierte er Germanistik und Philosophie, vielleicht ist er deshalb ein so gnadenloser Sprachkritiker. Sein letztes Buch handelt vom Ende des Kapitalismus, möglicherweise läuft sein "Satirischer Wochenrückblick" deshalb beinahe überall, nur nicht im Bayerischen Rundfunk - oder wahrscheinlich liegt es doch eher daran, dass er vor Jahren, als er dort noch senden durfte, einmal eine unbotmäßige Bemerkung über Franz Josef Strauß gemacht hat.

Wie sehr sich Kohl und Stoiber verachten, zeigt ihr Händedruck

Jetzt liegt für alle Zudeick-Hörer und solche, die es noch werden sollten, Peter Zudeicks neues Buch "Ich bejahe diese Frage mit Ja" vor. Es ist eine Sammlung von kurzen Glossen über "Die famosen Leistungen unserer Damen und Herren Politiker", aber mehr als das: es ist ein Streifzug durch die Geschichte der Bonner und Berliner Republik.

Während man sich gemeinsam mit Zudeick darüber Gedanken macht, was beispielsweise Norbert Blüm eigentlich genau gemeint haben könnte, als er sagte, "die wohltemperierte Gesellschaft glücklicher Idioten ist machbar", während man sich mit dem Autor fragt, was es bedeuten soll, wenn Angela Merkel sagt, "der Staat muss Gärtner sein und darf nicht Zaun sein", dann lernt man nebenher und höchst vergnüglich eine Menge über den Politikbetrieb und seine Akteure vom Oggersheimer bis Angela.

Die Bedeutung der Körpersprache für die politische Kommunikation erläutert Zudeick anhand der genauen Beschreibung eines Händedrucks zwischen Helmut Kohl und Edmund Stoiber und kommt zu dem Schluss, dass die beiden ihre gegenseitige Verachtung auch ohne Worte überzeugend transportierten. Die Frage, ob Politiker Humor haben, verhandelt Zudeick am Beispiel Otto Schilys, der sich tatsächlich einmal vor dem Parlament "für das unbedachte Vorzeigen einer Südfrucht" entschuldigte.

In seiner Abhandlung über die Kunst der parlamentarischen Beschimpfung entlarvt Zudeick Joschka Fischers legendäre Beleidigung als parlamentshistorisch nicht existent. Denn als Fischer 1984 den Bundestagspräsidenten "mit Verlaub" ein "Arschloch" nannte, da war er längst von der Sitzung ausgeschlossen und dieselbe unterbrochen, seine Bemerkung also nicht mehr Teil des Protokolls. "Und was nicht im Protokoll steht, ist auch nie gesagt worden." Eben.

Die Königsfrage: Wer ist Angela Merkel?

Auch um die Königsfrage der aktuellen politischen Analyse der Bundesrepublik Deutschland drückt sich Zudeick nicht: Wer ist das eigentlich, Angela Merkel? Gewiss, sie selbst schreibe sich "gewisse kamelartige Eigenschaften" zu - aber was will diese Frau? Was sind ihre Pläne, ihre Prinzipien, was hält sie im Innersten zusammen? Andere versuchen seitenlang, eine Antwort auf dieses große Rätsel zu geben - und scheitern. Zudeick braucht nur vier Worte für die Lösung, sie findet sich ein wenig versteckt in einem Text über marode Regierungsbauten: "Die Merkelsche ist rostfrei." Treffender kann man Stil und Substanz der Kanzlerin eigentlich nicht beschreiben.

All diese Beobachtungen und Ausdeutungen belegen, dass Peter Zudeick eben nicht nur ein Satiriker ist und keinesfalls ein Spaßmacher - sondern in erster Linie ein politischer Journalist. Einer, der nicht nur zuschaut, sondern sich auch eine eigene Meinung zum Gegenstand seiner Beschreibung erlaubt. Und die ist am Ende gar nicht so negativ, wie man befürchten könnte.

Denn sind die zahlreichen parlamentarischen Sprachunfälle nicht doch auch schöpferische Leistungen, irgendwie? Zudeick schreibt, sie seien. Und dafür "sollten wir unsere Politikerinnen und Politiker weder schelten noch auslachen. Sondern loben und preisen für und für."

Darüber muss er dann wohl selbst lachen.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
tsitsinotis 18.04.2011
1. Schön ist auch der Satz von Angela Merkel:
"Ich kann nur von Schritt zu Schritt denken".
avollmer 18.04.2011
2. Auch schön ...
Neulich war aus dem Kabinett zu hören, dass sich dort zwischen manchen Mitgliedern eine Kluft geöffnet hat. Am nächsten Tag verkündeten die Betroffenen, dass sie einen Schritt aufeinander zugemacht hätten. Leider entspricht auch hier das Bild nicht der Realität.
jörg pk 18.04.2011
3. Ein Brüller!
Zitat von avollmerNeulich war aus dem Kabinett zu hören, dass sich dort zwischen manchen Mitgliedern eine Kluft geöffnet hat. Am nächsten Tag verkündeten die Betroffenen, dass sie einen Schritt aufeinander zugemacht hätten. Leider entspricht auch hier das Bild nicht der Realität.
Danke für den feinsprachigen Beitrag! "Am Vortag hat sich also zwischen den Koalitionären eine (tiefe, tiefe) Kluft aufgetan, aber schon am nächsten Morgen haben beide Seiten einen (entschlossenen) Schritt aufeinander zugetan." Ergo: die beiden befinden sich im "FREIEN FALL!!"
Roßtäuscher 18.04.2011
4. In München gab es eine Volkssängerin Bally Prell
Zitat von sysopPolitiker reden, reden, reden - und das nicht immer gut: Das neue Buch des Hörfunk-Journalisten Peter Zudeick widmet sich mit viel Empathie den kleinen und großen Sprachunfällen. Ein unterhaltsamer*Streifzug durch die Bonner und Berliner Republik. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,757275,00.html
Ein oft gehörtes Lied war: "I hob roade Hoar, feiaroade Hoar sogoar......... Wenn man sich das Küken Merkel neben dem Pralinen-Mampfer Kohl betrachtet, hat die Kanzlerin scheinbar mal echte "roade Hoar" gehabt, und viele Sommersprossen. Wie die Kanzlerin wurde, lässt tief blicken, zu was für einen Sauladen der Dicke aus Oggersheim diese stolze Partei heruntergewirtschaftet hat. Die Pfälzer Schwätzer sind für Deutschland nicht gut, wirre Küken aus Trulla/Templin schon gar nicht.
fluxkompensator, 18.04.2011
5. Och nö...
Peter Zudeick ist unerträglich, weil nicht komisch. In Politiker-Aussagen mit "Och nöööö" oder "Na sowas!" reinzugrätschen erfordert Nulkommanull Können. Genauso lustig wäre es, zwei Freundinnen beim Quasseln zu belauschen und sich am Nebentisch über sprachliche Unzulänglichkeiten und Phrasen zu amüsieren. Klappt immer, ist aber eben nur begrenzt lustig.
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