Polnische Literatur Reich-Ranicki kritisiert Pauschallob

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vermutet hinter dem Pauschallob polnischer Literatur den Versuch einer späten Wiedergutmachung im Krieg verursachter Wehrmachts-Gräuel.


Marcel Reich-Ranicki: "Das ist schrecklich"
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Marcel Reich-Ranicki: "Das ist schrecklich"

Warschau/Frankfurt/Main - "Das ist schrecklich - alle rühmen alle polnischen Autoren, ohne Rücksicht darauf, ob es auch gute Bücher sind", sagte der im polnischen Wloclawek geborene "Literaturpapst" Reich-Ranicki in einem Interview mit der liberalen polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Schuld an dieser unkritischen Einstellung seien Komplexe in der deutschen Haltung zu Polen, meinte der 80-jährige Kritiker. Im 19. Jahrhundert sei mit dem Begriff "polnische Wirtschaft" ein Negativstereotyp geprägt worden, zudem sei den heutigen Deutschen bekannt, welche Gräuel Wehrmacht und SS im Zweiten Weltkrieg in Polen begangen hätten. In einem als späte Wiedergutmachung angesehenen Pauschallob liege aber auch etwas Erniedrigendes. Polen ist das diesjährige Gastland der internationalen Buchmesse in Frankfurt, die am Montag zu Ende geht.

Auch zu den polnischen Autorinnen Olga Tokarczuk und Magdalena Tulli äußerte sich Reich-Ranicki streng. Beide Schriftstellerinnen will er demnächst im "Literarischen Quartett" vorstellen. Tokarczuk warf er eine Abkehr von der Moderne vor, während er zu Tulli anmerkte: "Sie schreibt sehr schön, aber sie hat nichts zu sagen."

Angesichts der enthusiastischen Erwartungen polnischer Verleger und Autoren zu dem Frankfurter Gastauftritt blieb Reich-Ranicki skeptisch. "Im Grunde genommen interessieren sich die Deutschen nur intensiv für eine Literatur, nämlich die deutschsprachige", sagte er.





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