Literatur von Frauen "Wir verdienen nicht, in den Bücherregalen unten zu stehen"

Bücher von Frauen und Männern werden noch immer unterschiedlich bewertet, ideell wie finanziell. Mit ihrem Laden "Second Shelf" will eine Frau in London das ändern - und den Literatur-Kanon umschreiben.

Ladenbetreiberin Allison N. Devers: "Ich glaube nicht, dass ich es allein schaffe"
Tolga Akmen/ AFP

Ladenbetreiberin Allison N. Devers: "Ich glaube nicht, dass ich es allein schaffe"

Ein Interview von


Zur Person
    Allison N. Devers hat Englische Literatur studiert. Sie wollte Autorin werden und fing nebenher an, zu unterrichten - und im Buchhandel zu arbeiten. Vor einem Jahr eröffnete sie ihren eigenen Laden: "Second Shelf" mitten in Soho in London, in einem kleinen Hof, drei Fußminuten von der U-Bahn-Station Piccadilly Circus entfernt. Ein Onlineshop ist in Vorbereitung.

SPIEGEL: Frau Devers, der Slogan Ihres Ladens lautet: "seltene Bücher von Frauen" - ist das nicht übertrieben? Es gibt doch viele Bücher von Autorinnen.

Devers: Ja, es gibt Millionen. Die Bücher in meinem Antiquariat sind aber selten, weil die Bücher von Frauen nie als Sammlerstücke angesehen wurden, nie als genauso wichtig wie das Buch eines Manns.

SPIEGEL: Woran machen Sie dieses Ungleichgewicht konkret fest?

Devers: Wie ungleich bewertet wird, fiel mir vor einigen Jahren auf einer Antiquariatsmesse auf. Ich zog ein Buch von Cormac McCarthy aus dem Regal: Es kostete 600 Dollar. Das Buch direkt daneben von Joan Didion, die ich für genauso relevant halte, kostete 25 Dollar. Das könnte viele Gründe haben, aber als ich mich an jenem Tag umschaute, sah ich fast nur Männer im Raum, die kauften und verkauften. Und ich dachte: Ach, so wird der Wert von Frauen und ihrem Werk bemessen! Und das passiert eben nicht fair. In einem Antiquariat ist z.B. wichtig für den Preis, ob die Autorin Preise gewonnen hat. Aber man muss sich nur anschauen, wie wenige Frauen einen Nobelpreis gewonnen haben, um zu verstehen: Frauenliteratur wird leider immer noch wie eine Nische behandelt.

SPIEGEL: Etwa mit einem Regal "Frauenliteratur" in Buchhandlungen?

Devers: Genau. Dabei geht es ja nicht ums Gärtnern - wir sind die Hälfte der Menschheit. Sogar der erste Roman soll, auch wenn es da verschiedene Ansichten gibt, von der Japanerin Murasaki Shikibu stammen. Ein paar der Bücher in meinem Laden sind sonst unauffindbar, existieren in keiner Bibliothek. Es gibt also viele Gründe, wieso Bücher von Frauen mehr wert sein sollten - weil dieser Preis den Wert dessen spiegelt, was Frauen auf dieser Welt geleistet haben. Und der stimmt in unseren Geschichtsbüchern noch nicht. Gottseidank gibt es heute immer mehr Institutionen und Bibliotheken, die mit Blick auf ihre Bestände beschlossen haben, gegen das Ungleichgewicht vorzugehen und nun gezielt Werke von Frauen ankaufen. Das ist inspirierend.

SPIEGEL: Was kann Ihr 28-Quadratmeter-Buchladen in Soho ändern, den Sie vor einem Jahr eröffneten?

Devers: Ich glaube nicht, dass ich es allein schaffe. Da ist zum Beispiel dieses Taschenbuch, das ich in einem Wohltätigkeitsladen erstanden habe: eine Erstausgabe von 1974, von Miriam Tlali, ich hatte noch nie von ihr gehört. Es stellte sich heraus: Das ist der erste Roman von einer schwarzen Frau in Südafrika, ein schlaues, hochkritisches, realistisches Buch, das von der Zensur verboten wurde und erst 1985 wieder erschien. Ich kaufte alle Exemplare, die ich finden konnte. Und habe alle wieder verkauft, das beste an Harvard. Ich verkaufe also nicht nur ein Buch. Ich bringe Leute dazu, über die Bücher und die Autorinnen zu sprechen, zu schreiben. Und dazu, sie neu zu verlegen - bei Tlali könnte es klappen. Die ganze Zeile meines Angebots lautet daher: seltene Bücher, moderne Erstausgaben und wiederentdeckte Werke von Frauen.

SPIEGEL: Klingt eher nach politisch-literarischer Lobbyistin als nach Buchhändlerin.

Devers: Die Fragen, die Virginia Woolf in "Ein Zimmer für sich allein" stellt, gelten eben immer noch: Wo passen wir rein in der Branche - und wieso passen wir nicht besser? Das ist alles nichts Neues, Feminismus gibt es nicht erst, seit man ihn in Wellen einteilt. Schon die Französin Jacquette Guillaume schrieb in einem Buch von 1655, das ich im Laden habe, über die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

SPIEGEL: So auch Meg Wolitzer, die in ihrem Essay "Second Shelf" von 2012 über Party-Smalltalk schreibt: "Muss ich von Ihnen gehört haben?", fragt sie ein Mann, und sie würde gerne antworten: "In einer gerechteren Welt schon." Ist Ihr Laden nach diesem Dialog benannt?

Devers: Als ich auf der Suche nach einem Namen für meinen Laden war, habe ich mich an ihren Essay zum Thema erinnert und ihn noch einmal gelesen - da fiel mir der Titel des Stücks ins Auge. Und weil ich Meg Wolitzer selbst schon auf zwei Cocktailpartys getroffen hatte, schrieb ich ihr mit meinem Anliegen. Sie ermutigte mich und sagte, klar, nur zu. Der Name ist ein Wortspiel übers Zweitrangigsein: Darüber, dass Frauenbücher weiter unten im Regal stehen. Und ein Verweis auf "The Second Sex" von Simone de Beauvoir. Wir verdienen nicht, unten zu stehen - in den Bücherregalen und in der Gesellschaft. Stattdessen sollten wir feiern, wir selber zu sein.

SPIEGEL: Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe, Bücher von Frauen zu promoten?

Devers: Ich wollte etwas Sinnstiftendes mit meinem Leben machen - gerade in einer Zeit, in der vieles nicht so toll ist: mit einem Präsidenten wie Trump, der nicht gut zu Frauen ist, einer trumpesken Figur als UK-Premierminister, der Umwelt, die kaputt geht. Der Laden ist die Möglichkeit, meine Themen zu verbinden: Buchhistorie und Feminismus.

SPIEGEL: Was kostet denn ein Buch bei Ihnen?

Devers: Es ist ein schmaler Grat: Meine Ladenmiete wird nächsten Monat erhöht, ein Gehalt habe ich mir auch noch nicht ausgezahlt. Aber ich möchte gleichzeitig, dass Menschen das Gefühl haben, etwas beizutragen, vielleicht anfangen zu sammeln, auch ohne viel Geld. Deswegen habe ich die Sektion "moderne Erstausgaben" eingeführt. Da gibt es Sammlerstücke, die aber nur acht Pfund kosten. Aber wenn etwas besonders ist, verdient es auch besondere Wertschätzung, ideell wie finanziell.

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Great White Buffaloo 09.11.2019
1.
Wenn ich ein Buch lesen will, das Ideologie vermittelt, ist es mir egal, wer es geschrieben hat, Hauptsache die "richtige" Ideologie. Und was ist eine finanzielle Bewertung? Wenn ein Buch von einer Frau weniger Umsatz macht, als ein Vergleichbares eines Mannes, dann muss es teurer werden? Oder eine Kaufverpflichtung ausgesprochen werden?
territrades 09.11.2019
2. Das stimmt hinten und vorne nicht
Eine kurze Googlesuche liefert die Liste der meistverkauften Autoren. Um Platz 1 streiten sich Shakespeare und Agatha Christie. Danach folgen mit Barbara Cartland und Danielle Steel zwei weitere Frauen. Weiterhin in den Top 10 vertreten sind Enid Blyton und JK Rowling. Letztere ist auch die erste und einzige Autorin, die mit der Schriftstellerei zur Milliardärin geworden ist. Wer sich also da hinstellt und behauptet weibliche Autorinnen würde sich nicht verkaufen, stehen im Regal nur ganz unten etc. der lügt schlicht und einfach. Die Fakten beweisen das Gegenteil.
Pinky McBrain 09.11.2019
3.
Sie schreibt: "...aber als ich mich an jenem Tag umschaute, sah ich fast nur Männer im Raum, die kauften und verkauften..." Daraus (etwas plump) schließend scheint mir doch eher das Problem zu sein, dass Frauen weniger Bücher kaufen. Irre ich mich?
twister13 09.11.2019
4. Qualität siegt
Vor etlichen Jahren gab es eine Initiative von deutschen Musikern die forderten dass deutschsprachige Stücke mehr in den ö.r. Sendeanstalten gespielt werfen müssen, damit die deutsche Sprache nicht erdrückt wird von den ganzen englischen Titeln. Ausserdem die deutsche Sprache pflegen bla bla bla. In Wirklichkeit waren die erfolglos und wollten einfach nur ihre Verkäufe puschen und mehr vom Kuchen haben. Rammstein zum Beispiel hat sowas nicht nötig. Deutschsprachig und megaerfolgreich. So kommt mir auch die Debatte um Frauen als Autorinnen vor. Eine Fred Vargas findet reissenden Absatz. Donna Leon schreibt praktisch seit Jahrzehnten einen Bestseller nach dem anderen, Rowling ist Milliardärin geworden. Sicher weil sie nichts verkauft. Das ist doch eine völlig falsche und verlogene Diskussion. Qualität wird gekauft. Und kein Mensch fragt ob das eine Frau oder ein Mann geschrieben hat.
Lothar Matthäus 09.11.2019
5. Alphabet
in allen Buchhandlungen, die ich kenne, sind die Bücher alphabetisch sortiert
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