Porträt Elfriede Jelinek Die Unbequeme

Lange wollte man Elfriede Jelinek in ihrer Heimat ignorieren - zu kritisch und provokant setzte sie sich mit ihren Landsleuten ins Benehmen. Heute wird die vielfach ausgezeichnete Skandal-Autorin und strenge Moralistin auch in Österreich gefeiert.

Frankfurt/Main - Die Überraschung war groß, als der Name der Literaturnobelpreisträgerin 2004 am Donnerstag bekannt gegeben wurde: Dass eine so umstrittene Schriftstellerin wie Elfriede Jelinek die höchste Literaturauszeichnung der Welt erhalten würde, damit hat nicht einmal ihr Verlag (Berlin Verlag) gerechnet.

Elfriede Jelinek gilt als radikale Feministin und Provokateurin, deren Werk auf artistischem Sprachniveau rangiert und daher als schwer zugänglich gilt. Sie hat bereits die höchsten deutschen Literaturauszeichnungen erhalten, und ihre Stücke wurden von allen bedeutenden Theaterregisseuren deutschsprachiger Bühnen aufgeführt. Ihre österreichische Heimat jedoch hat sich lange schwer getan mit der Autorin. In beispiellosen Kampagnen wurde sie in Österreich als "Kunst- und Kulturschänderin" angeprangert oder als "rote Pornografin" angegriffen.

Jelinek setzte sich unerschrocken mit der nationalsozialistischen Vergangenheit berühmter Burgtheater-Schauspieler, mit Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz auseinander. Zwei Mal verhängte sie ein Aufführungsverbot in Österreich. Im Juni 2002 zog sie die Sperre zurück, so dass ihr Stück "Das Werk" über einen Staudammbau in Kaprun uraufgeführt werden konnte. Im Wiener Burgtheater hatte ihr Stück über den Irak-Krieg, "Bambiland", im Dezember letzten Jahres Premiere.

In Wien wuchs Elfriede Jelinek, am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag (Steiermark) geboren, in einer als problematisch empfundenen Familie auf: Sie erlebte einen nervenkranken Vater und eine "dämonische" Mutter, von der sie zum Wunderkind mit Tanz- und Musikunterricht dressiert worden sei. Sie habe zu schreiben begonnen, um der Bevormundung ihrer Mutter zu entkommen, erklärte sie einmal.

Schon in den frühen Werken provozierte sie mit scharfer Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und zeigte die gesellschaftliche und ökonomische Benachteiligung der Frau wie deren private Unterdrückung durch den Mann auf. Zu ihrem Buch "Lust" erklärte sie: "Ich zeige, dass die Sexualität, wie sie sich im konventionellen Rahmen eines ehelichen Besitzverhältnisses abspielt, selbst Gewaltausübung ist, und zwar Gewalt des Mannes gegen die Frau."

Jelineks Werk umfasst Romane, Theaterstücke, Gedichte, Hörspiele, Essays und das Drehbuch für die Bachmann-Verfilmung "Malina". Als "Erzählerin von höchstem Raffinement und Können" würdigte sie Ivan Nagel, der 1998 die Laudatio zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises hielt. Ihr Werk sei erbarmungslos realistisch, fast unerträglich, "aber es ist groß und notwendig". Sie erzähle mit einem befremdeten und niemals verständnisvollen Blick und versuche den Schrecken mit Humor auszugleichen. "Aber ihre Stimmsprünge und Metaphernschlägerei machen uns ebenso wenig heiter wie ihre Kalauer. Der Sprache wird der Arm gedreht, bis er ausgekugelt ist", sagte Nagel.

Mit dem Stilmittel der Montage von Sprachmustern in unerwartete Zusammenhänge schafft Elfriede Jelinek Verfremdungseffekte und damit eine Distanz des Lesers und im besten Fall eine neue Sichtweise. In den vergangenen Jahren hat sie ihren Schwerpunkt zur Dramatik verlagert; ihre Bühnenstücke machen Furore. Ivan Nagel erklärte das damit, dass die "Un-Stücke" ohne Rollen Regisseuren "exzeptionell große Aufführungen" ermöglichten. Dazu gehört die Einar-Schleef-Inszenierung von "Ein Sportstück", das die Affinität von Sport zu Gewalt und Krieg thematisiert. In "Prinzessinnendramen. Der Tod und das Mädchen" stellte sie einmal mehr die Frauen als Objekte dar, "Aus-Trägerinnen von Beschlüssen, die andere für sie fassen".

Mit ihren persönlichen Erfahrungen setzte sie sich bereits in ihrem 1983 erschienenen Roman "Die Klavierspielerin" auseinander, der 2001 mit von Michael Haneke mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Der Sprecher des Berlin Verlags, Carsten Sommerfeldt, sagte am Donnerstag, die sehr "scheue und zurückhaltende" Autorin arbeite bereits seit mehreren Jahren an einem neuen Roman. Das Thema oder ein Termin für die Fertigstellung sei ihm aber nicht bekannt.

Inge Treichel, AP

Mehr lesen über