Porträt Péter Esterházy "Ein Schriftsteller ist kein seriöser Mensch"

Péter Esterházy ist einer der prominentesten Vertreter der modernen ungarischen Literatur. Der 53-jährige gilt als "Meister des Verschweigens". Heute wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.


Peter Esterhazy hält nicht viel von seinem Beruf. "Ein Schriftsteller ist kein seriöser Mensch", sagt er - allerdings mit einem Augenzwinkern. Der 53-Jährige ist einer der wichtigsten Vertreter moderner ungarischer Literatur, der sich schon sehr früh von der Tradition des sozialistischen Realismus abwandte. Für seinen "Mut zum offenen Bekenntnis und zur poetisch-heiteren Beschreibung der Tragödie" - wie es in der Begründung des Stiftungsrats heißt - wurde er heute in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Der Autor stammt aus dem berühmten Adelsgeschlecht der Esterházys und kam am 14. April 1950 in Budapest zur Welt. Nach der Schulausbildung studierte er Mathematik. Nicht ganz freiwillig, wie er sagt. Er hätte die Fächer Literatur oder Philosophie 1970 nicht belegen können; es seien Lehramtsstudiengänge gewesen. "Und die kommunistische Regierung wollte mich nicht als Lehrer sehen."

Aber er bedauere das Studium nicht, denn es gebe viele Parallelen zwischen wissenschaftlichem und literarischem Denken, betonte Esterhazy. Und: Den Titel seiner Abschlussarbeit will er eines Tages als Titel für eine Liebesgeschichte verwenden - "Optimale binäre Suchräume".

Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete Esterházy zunächst vier Jahre lang als Systemorganisator. 1978 ließ er sich dann als freier Schriftsteller nieder. Er war alles andere als der Lieblingsautor des kommunistischen Regimes und wurde dagegen von der oppositionellen Literaturkritik gefeiert.

Den Durchbruch schaffte Esterhazy 1979 mit dem Buch "Termelesi regeny", einer grotesken Geschichte eines mit dem Arbeitsalltag kämpfenden Datenverarbeiters. Drei Jahre später erschien die "Kleine ungarische Pornografie", in der er mit Alltagsgeschichten die politischen Verhältnisse subtil bloßlegte. "Pornografie ist für mich ein Synonym für das Wort Lüge", sagte er kürzlich.

Die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb damals anerkennend von einem "Krankheitsbild einer manipulierten Gesellschaft", die kommunistischen Machthaber kritisierten seine "neoavantgardistische Stildiktatur", während die Opposition Esterhazy als Reformer feierte. Weitere als wichtig geltende Werke sind "Das Buch Hrabals", eine eigenwillige Huldigung des tschechischen Schriftstellers, und "Die Hilfsverben des Herzen", in der Esterházy das Sterben und den Tod einer Mutter beschreibt. Als Opus magnum gilt sein 920-Seiten-Roman "Harmonia Caelestis", in dem der Autor eine subtile, sich vielfach in Zeit und Raum aufgliedernde Geschichte seiner Vorfahren erzählt. Das Buch erschien im Jahr 2000 nach zehnjähriger Arbeit. Es führte in Esterhazys Heimat monatelang die Bestsellerlisten an und wurde mit dem Ungarischen Literaturpreis ausgezeichnet. Esterházy, der mit Frau und vier Kindern in Budapest lebt, sagte über sein Buch: "'Harmonia Caelestis' ist nicht die Chronik meiner Familie, sondern die Familie, die in der Chronik gerade entsteht."

Eine Minderheit unter den Kritikern freilich lästerte, das Buch sei "keinesfalls leichte Kost", ihm fehlten deutlich erkennbare Erzählstränge. Doch legte Esterházy nach eigenem Bekunden darauf gar keinen Wert. Er, der als "Meister des Verschweigens" gilt, stellt vielmehr hohe Ansprüche an den Leser: "Man muss unerbittlich, erstaunt, leidenschaftlich und aufmerksam lesen. Mag der Schriftsteller geschwätzig sein, lesen muss man einsilbig. Elegant muss man lesen, großherzig. So als würde man in der Todeszelle sein letztes Buch lesen, das der Profos (Militärbeamter) einem zugesteckt hat."

Susanne Gabriel, AP



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