Potter-Finale in London "Unsere Kindheit ist zu Ende"

Sie sind selbstironisch, verzaubert, ein globales Phänomen - heute hat das Ende ihrer Potter-Phase begonnen. Eine nächtliche Begegnung mit der verhexten Generation Harry, die vor allem eines verlangt: mehr Gefühl, mehr Abenteuer, mehr Gefahr.

Aus London berichtet Daniel Haas


Und dann wird es ganz still in der Leselounge der Buchhandlung. Tausende Kinder und Jugendliche, mit Hexen-Hüten und Zauberer-Roben, Hogwarts-Flaggen und ausgestopften Eulen, verkleidet als Snape, Todesser oder Dementoren: alles nur ein irrealer Abglanz dieser gesteigerten Wirklichkeit, die zwischen zwei Buchdeckeln auf sie wartet.

"Dumbledore!"-Chöre, "Harry!"-Rufe drängen von der Straße herauf, aber was sind sie schon gegen die mächtige Stimme des Erzählers, die gleich, in wenigen Sekunden, anheben wird, zu sprechen. "Ich kann's nicht aufmachen", sagt Tracy, 22, das Buch auf den zitternden Knien. Brandon, 21, schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. William, 21, hat bereits den ersten Satz gelesen: "Warum fängt sie mit Zitaten an?" - "Pssst!" Der Zauber wirkt schon.

Potter-Fans in der Nacht (Massachusetts): Klassenkamerad für zehn Jahre
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Potter-Fans in der Nacht (Massachusetts): Klassenkamerad für zehn Jahre

"Wir weit bist du bereit, für Harry Potter zu gehen?", steht auf den T-Shirts der drei amerikanischen Studenten. Die Antwort tragen sie wie einen Orden auf dem Rücken: "6468 Kilometer" ist da zu lesen. So weit ist es von St. Paul, Minnesota, nach London. Spätestens seit gestern ist die Dickens-Stadt endgültig Potter-Metropole: Gut 5000 Fans verwandelten die Straßen rund um das Bücherkaufhaus Waterstone's am Picadilly Circus in einen Jahrmarkt der Harry-Manie.

Aus ganz Europa sind sie angereist, aus Kanada und den USA, und ihre Hingabe scheint grenzenlos. Eine niederländische Delegation hat am meisten Ausdauer bewiesen: Seit vier Tagen warten sie vor dem Gebäude, ihr Hotel hat die 16-jährige Stefanie nur einmal kurz gesehen, beim Einchecken. Selbst als gestern schwere Regenfälle die Stadt in ein Verkehrschaos stürzten, harrte die Truppe aus. Der Lohn: die ersten zu sein, die um 0.01 Uhr ein Buch in Händen halten.

Sie sind bei aller Hingabe nicht verkniffen, im Gegenteil: Religiös ist diese Inbrunst nicht, eher selbstreflexiv, ironisch. Stefanie hält sich die Presse nach drei Tagen Dauerbefragung mit einem Schild vom Leib: "Ja, wir sind seit Mittwoch hier. Warum? Weil wir verrückte Niederländer sind." Ein paar Meter weiter kommentiert eine Gruppe Engländer den eigenen Elan mit Transparenten: "Harry? Ach Quatsch, ich liebe es einfach, anzustehen." Auf der Pappe eines Jungen im rotgelb gestreiften Internatsschal steht: "Was, wir warten gar nicht auf die Spice Girls?"

5000 Jugendliche, die meisten im Alter von 15 bis 20 Jahren, in Partylaune, quer durch die Nationalitäten plaudernd und fachsimpelnd: Das schafft kein Videospiel und kein Film, und auch die Spice Girls könnten nicht eine ganze Generation so nachhaltig verzaubern. Wer Harry Potter ist, das begreift man erst hier, in einem Pulk "Snape!" kreischender Jugendlicher: ein Begleiter durch zehn Jahre Kindheit und Pubertät, ein Klassenkamerad, ein Held wie du und ich.

"Das erste Buch habe ich mit elf gelesen, kurz vor der Highschool, und natürlich dachte ich: Jetzt kriege ich auch demnächst einen Brief für Hogwarts", sagt William. Der Philosophie-Student trägt Brille, Goatie-Bart und Birkenstocks und wird demnächst seinen Magister machen.

Danach will er schreiben oder eine ökologische Farm betreiben, so genau weiß er das noch nicht. Aber in einer Sache ist er sich sicher: "Das ist das Ende meiner Kindheit."

Ein Märchenbuch als Magna Charta einer Generation? Entscheidend ist das Motiv der Serie. Harry Potters Geschichte wurde erst als Fortsetzung zum einflussreichsten Entwicklungsroman des neuen Jahrtausends. Man wuchs mit den Helden auf und sie reiften der eigenen Welt, den eigenen Problemen, Wünschen und Hoffnungen entgegen.

So ließ sich das Phantastische parallel zur eigenen Schulzeit ganz real erleben: Buch für Buch spiegelten sich in Harrys Kämpfen die eigenen kleinen und großen Lebensdramen, und immer gab es das Versprechen auf mehr: mehr Gefühl, mehr Abenteuer, mehr Gefahr.

Jetzt heißt es Abschied nehmen. Eine letzte große Lektüre, dann löst sich die Ersatzfamilie auf, deren Teil sie alle geworden sind, die Zweitschule, die sie alle besuchten.

Die von den Medien notorisch wiederholte Frage, wer sterben werde im Finale, beschäftigte am Picadilly Circus niemanden. Es geht schließlich nicht darum, ob das Leben, sondern ob die Lektüre weitergeht. Denn nur in der Welt der literarischen Zeichen hat die Zeit keinen Einfluss, bleibt das Märchenreich der Kindheit intakt.


Binnen Minuten veröffentlichten Medien in der Nacht, wie die Saga für Harry endet. Achtung: SPIEGEL ONLINE verrät Ihnen das Geheimnis nur, wenn Sie es wirklich wissen wollen. Klicken Sie hier, um zur Auflösung zu gelangen, wie die Nachrichtenagentur dpa sie seit 1.08 Uhr deutscher Zeit verbreitet - aber nur, wenn Sie wirklich sicher sind.


"Wir halten uns so gut es geht dran fest", sagt Tracy, und man weiß nicht genau, ob sie die Potter-Lektüre meint oder die Kindheit. "Aber das war's dann wohl."

Nicht ganz: Im Lesezimmer bei Waterstone's herrscht angespannte Stille. Brandon ist über das Buch gekrümmt, als gelte es die Seiten mit seinem Körper zu schützen. William nagt an der Unterlippe. Noch vor einer halben Stunde hatte er Witze gemacht: "Voldemort wird wie Darth Vader zu Potter gehen und sagen: 'Harry, ich bin dein Vater!'"

Nun aber ist für popkulturelles Augenzwinkern keine Zeit. Mit dem Zeigefinger fährt William über die Zeilen, zärtlich, fast andächtig; es ist die letzte erste Reise durch diesen Text.

Tracy hatte gleich drei Bücher gekauft; liebevoll wiegte sie die Wälzer im Arm. Jetzt hat sie die ersten Seiten beendet. Kurz schaut sie auf, lächelt, schließt die Augen. Dann fährt sie fort, zu lesen.

Das Abenteuer geht weiter. Der Abschied beginnt.



insgesamt 492 Beiträge
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Thommy1979 21.07.2007
1. Harry Potter Forstsetzung
Ich glaube, es wird keinesfalls das Ende sein. Entweder lässt sich JKR erweichen und schreibt irgendwann eine Fortsetzung, oder es werden die Rechte verkauft und jemand anderes führt die Reihe fort. Es kann doch nicht das Ende sein!? ;-) Ich denke mit Harry Potter wird noch viel Geld zu machen sein und das garantiert eine wie auch immer geartete Fortsetzung. Vermutlich angestossen durch Fanprojekte wird sich sicher bald wieder ein Verlag finden lassen, der etwas großes daraus macht. Falls JKR damit einverstanden ist. Wenn sie es definitiv abschließt, das Kapitel Potter, und es nicht finanziell bis aufs Letzte ausreizen will, dann Hut ab. Für mich persönlich waren nur die ersten 3 Teile gut, diese immer mehr ins Düstere abgedriftete Story gefiel mir nicht so gut.
Pallas, 21.07.2007
2.
Zitat von sysopDer siebte und letzte Band der Harry-Potter-Reihe ist erschienen - die Saga ist zu Ende. Was bleibt von Ihr? Ziehen Sie Ihre zauberhafte Bilanz! (Und verraten Sie den anderen Potter-Fans im Forum möglichst keine Geheimnisse aus "Harry Potter and the Deathly Hallows" - wenn Sie ins Detail gehen, schreiben Sie bitte eine Warnung an den Beginn Ihres Beitrags.)
Das macht Ihr doch schon auf Eurer Homepage...
Stephan Jansen, 21.07.2007
3. Potters Ende - Ihre Zauber-Bilanz
Tolkien für Pubertierende oder Zurückgebliebene; vollkommen überbewertet. Endlich ist der 'Spuk' vorbei.
Jarg Gerdes, 21.07.2007
4. Harry Potter darf nicht sterben
Harry Potter darf weiterleben, und das sogar als Familienvater. Warum die Rowling ihre Romanfigur nicht sterben lässt, obwohl das jeder erwartet hätte und wohl auch zuerst angedacht war, dadrüber wird gerade in den englischen Newsforen spekuliert. Ein möglicher Grund ist der, das mit einem toten Potter keine Möglichkeit mehr besteht, die Geschichte weiterzu erzählen, und damit, so profan es klingt, Geld zu verdienen. Ein weiterer, wesentlich besser zum Schluß passender Grund mag der sein, das Harry weiterleben darf, damit die Rowling sich nicht den Angriffen der Fans erwehren muß, was, wie wir wissen, auch schon mal tragisch enden kann. Persönlich bin ich der Meinung, das ein Ende mit dem Tod des Helden ein "ehrlichere" Art gewesen wäre, mit der Geschichte abzuschliessen. Nun haben wir mehr ein Erlöserdrama bekommen, mit Tod des Helden und seiner Wiederauserstehung, und vielleicht einem Band 8 mit den Titel "Harry Potter und die Midlife Crisis". Wie auch immer, der Schluß ist unbefriedigend und passt auch nicht wirklich ins Potter Universum. Ein "All was well" passt wirklich besser ins Märchenbuch als in einem Roman. Oder wie schrieb ein Fan in alt.fan.harry-potter so treffend, sinngemäp uebersetzt: "Harry Potter hat alle Eigenschaften einer Märchengeschichte, mit einem guten Ende".
wbmx 21.07.2007
5.
Zitat von PallasDas macht Ihr doch schon auf Eurer Homepage...
Aber es wird vorher gewarnt. ;-)
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