Sibylle Berg

Psychotherapie für einen Kontinent Bleiben Sie liegen, Herr Europa

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Der Zusammenhalt Europas in der Coronakrise beschränkte sich vor allem darauf, gemeinsam Italienern beim Sterben zuzusehen. Vielleicht ist aber auch das egal: Die Zukunft wird ohnehin anderswo gestaltet.
Ein Mann steht in Brüssel auf einer Europaflagge

Ein Mann steht in Brüssel auf einer Europaflagge

Foto: Benoit Doppagne/ picture alliance/dpa

Guten Morgen westliche Welt. Du Konglomerat der Sehnsucht. Du Perle, deren bröckelnder Reichtum auf Knochen von Gastarbeitern und Sklaven aufgebaut wurde. Wir nennen es: durch unserer Hände Arbeit.

Guten Morgen Amerika, du leuchtender Stern der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem gerade die Begründer des Reichtums zum Sterben an die Front geschickt werden, wo Obdachlose auf Parkplätzen liegen, Millionen ihre Jobs verlieren und damit ihre Krankenversicherung und damit ihre Überlebenschancen. Guten Morgen Europa, du zauberhafte Festung mit wunderbar gesicherten Außen- und Binnengrenzen, mit deiner Einigkeit, die vornehmlich darin bestanden hat, einen möglichst albernen Namen für die gemeinsame Währung auszuknobeln, viel weiter gingen die Überlegungen nicht, aber Schwamm darüber.

Der Zusammenhalt, das große We-Feeling Europas, beschränkte sich darauf, mit Gruseln Italienern beim Sterben zuzusehen. Haha. Dann später den eigenen, zusammengesparten Gesundheitssystemen beim Durchdrehen zuzuschauen. In England trugen die Pflegenden Müllsäcke und infizierten sich,  in der Schweiz hatten sie keine Masken . Überall dasselbe. Es gibt keine gemeinsame Koordination, keine gemeinsame Pandemievorsorge, keinen Punkteplan wie in Taiwan, es gibt wieder: geschlossene Grenzen. Gute Nacht, Europa.

So legen Sie sich bitte auf dieses Sofa, Herr Europa, und erzählen sie mir von Ihren Sorgen.

Von den leer stehenden, verfallenden Dörfer, der überalterten Bevölkerung, der Vergangenheit. Aber wissen Sie, die Kultur - unsere wunderbare Kultur - diese steingewordenen Museen, mögen Sie jetzt sagen. Für wenige Reiche errichtet. Die Städte, von Männern für Männer gebaut, unzeitgemäß und am Verkehr kollabierend. Der Verkehr, der besteht aus prächtigen deutschen Autos, die wie Dinosaurier anmuten. Platzfressende Dreckschleudern, Symbole der Albernheit, die durch Straßen kriechen, die nach europäischen, toten Denkern benannt sind. Die bedeutendsten Philosophen sind afrikanisch und asiatisch, sind schwarz oder weiblich. Die erstaunlichste Kunst gibt es im Museum in Kapstadt und die perfekteste Überwachung in China.

"Statt geschlossen über die Zukunft zu reden, reden Europäer über Nationalismus."

Die Welt sortiert sich neu, unsentimental, exponentiell wachsend. Und starr vor Angst liegen Sie hier, Herr Europa, mit Ihrer glorreichen Vergangenheit.

Der unwichtiger werdende Kontinent, der den Anschluss an die Zukunft verloren hat und glaubt, mit Gewalt Brutalität und Dummheit ließen sich die guten alten Zeiten wiederherstellen. Soll es das gewesen sein, mit uns? Ein Dasein als Kolonie von China, abhängig von den Medikamenten, deren Produktion wir aus Gier ausgelagert haben, von Endgeräten, die in Asien hergestellt werden, von Kleidung, die dort angefertigt wird. Die Häuser verkauft an Fonds, den Anschluss verpasst durch Sturheit und Sattheit.

Am besten wir bauen Mauern

Am besten wir bauen Mauern, konservieren unsere ehemalige Macht, unsere Überlegenheit, nicht sehend, was in anderen Kontinenten passiert, die langsam erwachen oder Europa schon lange hinter sich gelassen haben. Unfassbar, dass es die Mehrheit der Weltbevölkerung bald nicht mehr interessieren wird, was hier passiert, was hier gebaut und repariert wird, mit welcher Zähigkeit hier über Frauenquoten und Digitalisierung verhandelt wird, über Verkehrsplanung und Tempolimit. Statt geschlossen über die Zukunft zu reden, reden Europäer über Nationalismus.

Als ob ein Anschluss an die immer schneller werdende Welt, der drohende Klimakollaps, der wissenschaftliche Lösungen benötigt, Verstand, Forschung und Mut durch das kollektive Tragen von Uniformen gelöst würden, durch senile Diktatoren und markige Sprüche, durch Totschlag und Gebrüll, Gebrüll gegen die Sterblichkeit, gegen die Unwichtigkeit.

Gebrüll, um die Trauer nicht zu hören, die aus dem Ahnen der Unwichtigkeit resultiert. Sehr dumm, sehr sinnlos, sehr hilflos. Bleiben Sie liegen, Herr Europa, Atmen Sie tief ein und aus. Ändern Sie sich, haben sie keine Angst. Oder schlafen Sie einfach ein.

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