Bildband übers Putzen Staubsaugen als demokratischer Akt

Das Wiener Künstlerduo Honey & Bunny hat ein Buch über die "Kulturtechnik des Putzens" verfasst. Eine komische Anleitung zum Wischen und Saugen - und eine Warnung vor den Tücken der Drecksarbeit.
Künstlerduo Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter alias Honey & Bunny: "Sauberkeit ist ein essenzieller Bestandteil von Zivilisation"

Künstlerduo Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter alias Honey & Bunny: "Sauberkeit ist ein essenzieller Bestandteil von Zivilisation"

Foto: Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter / Foto: Daisuke Akita / Böhlau

Sie klingelten an den Haustüren wildfremder Leute und fragten, ob sie in deren Wohnungen einfach mal ordentlich wischen, saugen und schrubben dürften. So begann im Jahr 2015 bei einem Kunstfestival in der österreichischen Provinz, in einem Ort namens Ebensee, die Beschäftigung des Wiener Künstlerduos Honey & Bunny mit der menschlichen Leidenschaft zum Saubermachen und Aufräumen. Nun haben Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, die seit Jahren als Honey & Bunny auf skurrilen Fotos und Food-Art-Kunstwerken posieren, im Böhlau Verlag einen Prachtband veröffentlicht, der sich "Putzen - eine Kulturtechnik" nennt. 

Auf den Bildern des Buchs kann man Stummerer und Hablesreiter beim Staubsaugen im Schnee oder beim Abwischen von Museumsgemälden betrachten. Im wissenschaftlich grundierten, mit vielen Fußnoten versehenen Text wird das Putzverhalten als gemeinschaftsstiftendes soziales Ritual beschreiben: "Sauberkeit ist ein essenzieller Bestandteil von Zivilisation."

Klar, das kollektiv-motivierte Putzen kennt man zum Beispiel aus WGs und von der schwäbischen Kehrwoche. In vielen modernen Gesellschaften ist die Lebens- und Wohnraumpflege allerdings eine an ärmere Schichten delegierte Drecksarbeit. Natürlich findet auch die gründliche Handreinigung zur Abwendung von Viruserkrankungen lobende Erwähnung. 

Fotostrecke

Aus dem Buch "Putzen - eine Kulturtechnik" von Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter

Foto: Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter / Foto: Daisuke Akita / Böhlau

Dem reinigungswilligen Individuum stellen sich, so die Wiener Künstler, in der Praxis immer wieder merkwürdige Fragen wie diese: "Würden Sie Ihre Fenster mit Haarshampoo putzen?" Nahezu alle Sauberkeitsbemühungen seien eingebettet in ein System von Konventionen, Regeln und konkreten Handlungsanweisungen: "Die Klobrille mit einem Besen und die Kloschüssel mit einem Putztuch zu reinigen, widerspricht diesen Vorgaben ebenso wie ein Waschbecken mit einem Stück Seife und den eigenen Körper mit einer Sprühflasche zu säubern", so Stummerer und Hablesreiter. 

Der Leser des spaßig bebilderten Werks wird darüber belehrt, dass das Putzen erwiesenermaßen eine Voraussetzung dafür ist, Leben zu retten, aber auch allerlei Krankheiten verursachen kann. Der Einsatz von chemischen Reinigungsmitteln seit Beginn der industriellen Revolution im frühen 19. Jahrhundert ist höchstwahrscheinlich mitverantwortlich dafür, dass heute viele Menschen unter Allergien leiden. Zugleich hilft das Schrubben, Waschen und Desinfizieren bei der Bekämpfung von Infektionen und hebt oft das subjektive Wohlbefinden. 

Putzen im Smoking

"Putzen - eine Kulturtechnik" preist die in der Evolution offenbar erst spät entwickelte Technik des Säuberns und Saugens als "Thema mit politischer Sprengkraft". Insgesamt sei, so die Wiener Künstler, die Abwägung von Nutzen und Schaden aller Putzanstrengungen sogar eine philosophische Frage.

So könne selbst der Inhalt eines Staubsaugerbeutels als durchaus wertvoll erachtet werden: "Als der mobile Staubsaugdienst British Vacuum Cleaner um 1900 beauftragt war, das Gebäude der Münze in London zu reinigen, wurde der Wagen (Staubsauger waren damals große Maschinen) an der Tower Bridge von der Polizei aufgehalten, weil man den Inhalt des Staubsackes mitgenommen hatte, in dem Goldstaub vermutet wurde." 

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Sonja Stummerer,, Martin Hablesreiter,

Putzen: Eine Kulturtechnik

Verlag: Brill Österreich Ges.m.b.H.
Seitenzahl: 216
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Neben solchen Anekdoten führen Stummerer und Hablesreiter auch Studien über den "Wert des Putzens" an, in denen die Säuberungsarbeit im heimischen Haushalt als depressionsfördernde, weil durch wenig Anerkennung belohnte Schinderei charakterisiert wird. Bemängelt wird die bis heute in vielen Ländern feststellbare Geschlechterungerechtigkeit bei der Hausreinigungsarbeit.

Immerhin habe die Abschaffung von Hausangestellten in wohlhabenderen Gesellschaftsschichten erfreuliche Wirkungen gezeitigt. "Die schichtübergreifende Durchsetzung der unbezahlten, innerfamiliären Hausarbeit brachte einen Demokratisierungsschub mit sich", heißt es im Buch. "Denn sowohl Frauen der Ober-, als auch der Mittel- und Unterschicht gingen nun der gleichen Form von Beschäftigung nach. Die unbezahlte Hausarbeit wirkte klassennivellierend, indem sie eine Angleichung der Rolle der Frau unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Rang mit sich brachte." 

Bei der Putzaktion in den Häusern von Ebensee im Jahr 2015 ließen sich die beiden Honey & Bunny-Künstler Stummerer und Halbesreiter übrigens von einem befreundeten Tänzer und Schauspieler helfen. In insgesamt 28 Haushalten putzten die jeweils im Smoking auftretenden Männer nach Leibeskräften. "Selten zuvor hatten sie in fremden Haushalten Schlaf- oder Badezimmer betreten, noch nie, um sie zu reinigen", liest man im Buch.

Sonja Stummerer führte während der männlichen Reinigungsarbeit Interviews mit den Hausbewohnerinnen. Im Buch wird das erkenntnisfördernde Erlebnis der Kunst-Putz-Aktion von Ebensee so zusammengefasst: "Die Gedanken, Sorgen und Wünsche dieser Frauen sollten unsere Sicht auf die Welt verändern."