Buch über das Mutterwerden Geburt ist, wenn die Körperfresser kommen

Nur wenige Frauen trauen sich, so ehrlich über das Kinderkriegen zu reden, wie Rachel Cusk darüber schreibt. Ihr Buch "Lebenswerk" sollten deshalb auch Männer lesen.
Schwangere Frau: zwischen den Dogmen einer Rolle

Schwangere Frau: zwischen den Dogmen einer Rolle

Foto: Peter Cade/ Getty Images

Das Kind ist da. Und als Rachel Cusk daheim durch die Türe tritt, zum ersten Mal als Mutter, ergreift sie Panik.

Hier der Schrank, dort die Bilder, alles wie immer, aber ihre alte Identität existiert nicht mehr. Ihr eigenes Leben, plötzlich fremd. "Es ist, als hätte ich etwas extrem Teures gekauft, das ich mir im Laden noch heftig gewünscht habe und dem ich nun, hier in meinem Wohnzimmer, mit welkendem Mut gegenüberstehe", stellt sie fest. "Ich habe für die kostbare Neuanschaffung keine Verwendung, aber abgeben kann ich sie auch nicht."

Das ist nur eine von vielen Passagen in diesem Buch, die mit Leuchtstift markiert gehören. Selbst Menschen, die noch nie ein Buch übers Elternwerden gelesen haben, wissen sofort: Derartige Sätze übers Muttersein, die die ganze Zerrissenheit sofort klarmachen, sind eine Rarität. Öffentlich vom Muster der mindestens guten Mutter abzuweichen - wer wagt das sonst schon?

Schriftstellerin Rachel Cusk erzählt von einer Metamorphose

Schriftstellerin Rachel Cusk erzählt von einer Metamorphose

Foto: Ulf Andersen/ etty Images

Sie sei sich sicher, hält die Autorin Rachel Cusk in der Einleitung fest, hätte sie dieses Buch "Über das Mutterwerden" drei Jahre zuvor veröffentlicht, die Reaktion wäre gewesen: Wieso hat sie überhaupt Kinder, wenn es so ein Horror ist? Wohlgemerkt stammt "Lebenswerk" von 2001, es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis das Buch der Nordamerikanerin nun auf Deutsch erscheint. Aber hat sich so viel geändert? Dass die Reaktionen heute nicht unbedingt milder, das Verständnis nicht großherziger ausfallen, zeigte etwa die Debatte um die Studie "Regretting Motherhood", die Orna Donath 2015 veröffentlichte - die Soziologin beschäftigte sich mit Frauen, die es bereuten, Mutter geworden zu sein.

Cusks Gemüt ähnelt den zwei verschlungenen Gummis auf dem Cover: eng haltend - und gefangen. Das Buch ist kein Ratgeber, keine psychologische Studie, keine sozialwissenschaftliche oder historische Annäherung an Mutterschaft. Sondern die Anamnese eines Gefühls, eingezwängt zwischen den Dogmen einer Rolle.

Sie erzählt von einer Metamorphose, die ihr vorher keiner erklärt hat: das Sich-Verlieren, Filme über Körperfresser im Kopf, das trotzige Beharren, verdammt noch mal nicht nur Mutter sein zu müssen. Cusks Bestürzung überwältigt einen beim Lesen zuweilen, ihr Zynismus ist zuweilen fatalistisch und wunderschön scharf. So ersinnt sie "ständig neue Ausbruchspläne", fühlt sich "umzingelt": "Der Verlust [der] Freiheiten erschien mir wie ein exorbitant hoher Preis für das Privileg der Mutterschaft."

So wütend wie verknallt

Letztlich hat Cusk mit "Lebenswerk" jenes Buch geschrieben, das sie, als sie ihre erste Tochter bekam, selbst gerne gehabt hätte. Als sie wieder schwanger wird, fängt sie endlich an, alles aufzuschreiben, so wütend wie verknallt, drastisch wie poetisch. Ihr Mann kümmert sich derweil ums Kind.

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Cusk, Rachel

Lebenswerk: Über das Mutterwerden

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 220
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Preisabfragezeitpunkt

08.02.2023 21.23 Uhr

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Den üblichen Babykram gibt's auch - die Koliken, die Ur-Müdigkeit, die zerschmelzende Freude über den ersten Blick - aber Cusk nutzt ihn als Analysematerial, schaut sich andere literarische Mutterfiguren an, Emma Bovary oder Anna Karenina. Sie reklamiert im Schreiben darüber einen Raum für sich selbst und führt damit Virginia Woolfs Idee fort - als Frau wie als Autorin: "Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können", schrieb Woolf vor 90 Jahren.

Auch für ihre unschlagbare Unverstelltheit in "Lebenswerk" wurde Cusk nach der Veröffentlichung angegriffen. Sie schilderte in Interviews, dass sie danach nicht mehr schreiben, nicht mehr denken konnte. In der Romantrilogie, die zuletzt erschien ("Outline", "Transit", "Kudos" ) gibt es nun kein "Ich" mehr, ihre Figur, die Schriftstellerin Faye, entsteht als Summe aus Szenen.

Man muss es so deutlich sagen: Ein Text wie "Lebenswerk" kann locker helfen, dass eine Gesellschaft fairer wird für Mütter, für Frauen. Man wünschte sich, das Buch würden auch alle Nicht-Mütter lesen; Männer sind hier explizit mitgemeint. "Geburt und Mutterschaft sind der Amboss, auf dem die Ungleichheit der Geschlechter geschmiedet wurde", schreibt Cusk. "Frauen müssen mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft leben": So banal, so existenziell, dass fast der Boden unter einem nachgibt.

Einmal ist eine Freundin mit Baby zu Besuch, sie reden über die kurzen Nächte, die Zerrissenheit, die Anstrengung. Aber, fügt die Freundin noch an, sie dürfe doch bitte das Gute nicht vergessen. Und Cusk stutzt. Weiß nicht, was die Freundin meint, "gut", wo, was, will sie noch fragen, na ja, sie lässt es.

Cusk, mit diesem buchlangen Brief in der Hand, weiß hingegen von dem sanften Weg zurück zu sich: Elternliebe, stellt sie fest, ist vor allem auch eine Neuerkundung: von Selbstliebe.

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