Buch über das Mutterwerden Geburt ist, wenn die Körperfresser kommen

Nur wenige Frauen trauen sich, so ehrlich über das Kinderkriegen zu reden, wie Rachel Cusk darüber schreibt. Ihr Buch "Lebenswerk" sollten deshalb auch Männer lesen.

Schwangere Frau: zwischen den Dogmen einer Rolle
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Schwangere Frau: zwischen den Dogmen einer Rolle

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Das Kind ist da. Und als Rachel Cusk daheim durch die Türe tritt, zum ersten Mal als Mutter, ergreift sie Panik.

Hier der Schrank, dort die Bilder, alles wie immer, aber ihre alte Identität existiert nicht mehr. Ihr eigenes Leben, plötzlich fremd. "Es ist, als hätte ich etwas extrem Teures gekauft, das ich mir im Laden noch heftig gewünscht habe und dem ich nun, hier in meinem Wohnzimmer, mit welkendem Mut gegenüberstehe", stellt sie fest. "Ich habe für die kostbare Neuanschaffung keine Verwendung, aber abgeben kann ich sie auch nicht."

Das ist nur eine von vielen Passagen in diesem Buch, die mit Leuchtstift markiert gehören. Selbst Menschen, die noch nie ein Buch übers Elternwerden gelesen haben, wissen sofort: Derartige Sätze übers Muttersein, die die ganze Zerrissenheit sofort klarmachen, sind eine Rarität. Öffentlich vom Muster der mindestens guten Mutter abzuweichen - wer wagt das sonst schon?

Schriftstellerin Rachel Cusk erzählt von einer Metamorphose
Ulf Andersen/ etty Images

Schriftstellerin Rachel Cusk erzählt von einer Metamorphose

Sie sei sich sicher, hält die Autorin Rachel Cusk in der Einleitung fest, hätte sie dieses Buch "Über das Mutterwerden" drei Jahre zuvor veröffentlicht, die Reaktion wäre gewesen: Wieso hat sie überhaupt Kinder, wenn es so ein Horror ist? Wohlgemerkt stammt "Lebenswerk" von 2001, es hat fast zwei Jahrzehnte gedauert, bis das Buch der Nordamerikanerin nun auf Deutsch erscheint. Aber hat sich so viel geändert? Dass die Reaktionen heute nicht unbedingt milder, das Verständnis nicht großherziger ausfallen, zeigte etwa die Debatte um die Studie "Regretting Motherhood", die Orna Donath 2015 veröffentlichte - die Soziologin beschäftigte sich mit Frauen, die es bereuten, Mutter geworden zu sein.

Cusks Gemüt ähnelt den zwei verschlungenen Gummis auf dem Cover: eng haltend - und gefangen. Das Buch ist kein Ratgeber, keine psychologische Studie, keine sozialwissenschaftliche oder historische Annäherung an Mutterschaft. Sondern die Anamnese eines Gefühls, eingezwängt zwischen den Dogmen einer Rolle.

Sie erzählt von einer Metamorphose, die ihr vorher keiner erklärt hat: das Sich-Verlieren, Filme über Körperfresser im Kopf, das trotzige Beharren, verdammt noch mal nicht nur Mutter sein zu müssen. Cusks Bestürzung überwältigt einen beim Lesen zuweilen, ihr Zynismus ist zuweilen fatalistisch und wunderschön scharf. So ersinnt sie "ständig neue Ausbruchspläne", fühlt sich "umzingelt": "Der Verlust [der] Freiheiten erschien mir wie ein exorbitant hoher Preis für das Privileg der Mutterschaft."

So wütend wie verknallt

Letztlich hat Cusk mit "Lebenswerk" jenes Buch geschrieben, das sie, als sie ihre erste Tochter bekam, selbst gerne gehabt hätte. Als sie wieder schwanger wird, fängt sie endlich an, alles aufzuschreiben, so wütend wie verknallt, drastisch wie poetisch. Ihr Mann kümmert sich derweil ums Kind.

Preisabfragezeitpunkt:
15.12.2019, 05:04 Uhr
Ohne Gewähr

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Cusk, Rachel
Lebenswerk: Über das Mutterwerden

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
220
Preis:
22,00 €
Übersetzt von:
Eva Bonné

Den üblichen Babykram gibt's auch - die Koliken, die Ur-Müdigkeit, die zerschmelzende Freude über den ersten Blick - aber Cusk nutzt ihn als Analysematerial, schaut sich andere literarische Mutterfiguren an, Emma Bovary oder Anna Karenina. Sie reklamiert im Schreiben darüber einen Raum für sich selbst und führt damit Virginia Woolfs Idee fort - als Frau wie als Autorin: "Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können", schrieb Woolf vor 90 Jahren.

Auch für ihre unschlagbare Unverstelltheit in "Lebenswerk" wurde Cusk nach der Veröffentlichung angegriffen. Sie schilderte in Interviews, dass sie danach nicht mehr schreiben, nicht mehr denken konnte. In der Romantrilogie, die zuletzt erschien ("Outline", "Transit", "Kudos") gibt es nun kein "Ich" mehr, ihre Figur, die Schriftstellerin Faye, entsteht als Summe aus Szenen.

Man muss es so deutlich sagen: Ein Text wie "Lebenswerk" kann locker helfen, dass eine Gesellschaft fairer wird für Mütter, für Frauen. Man wünschte sich, das Buch würden auch alle Nicht-Mütter lesen; Männer sind hier explizit mitgemeint. "Geburt und Mutterschaft sind der Amboss, auf dem die Ungleichheit der Geschlechter geschmiedet wurde", schreibt Cusk. "Frauen müssen mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft leben": So banal, so existenziell, dass fast der Boden unter einem nachgibt.

Einmal ist eine Freundin mit Baby zu Besuch, sie reden über die kurzen Nächte, die Zerrissenheit, die Anstrengung. Aber, fügt die Freundin noch an, sie dürfe doch bitte das Gute nicht vergessen. Und Cusk stutzt. Weiß nicht, was die Freundin meint, "gut", wo, was, will sie noch fragen, na ja, sie lässt es.

Cusk, mit diesem buchlangen Brief in der Hand, weiß hingegen von dem sanften Weg zurück zu sich: Elternliebe, stellt sie fest, ist vor allem auch eine Neuerkundung: von Selbstliebe.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
bebreun 17.11.2019
1. Eine Verallgemeinerung wäre katastrophal
Der persönliche Eindruck der Autorin kann hingenommen und verstanden werden. Es wäre aus Sicht vieler anderer Frauen aber eine falsche Interpretation des Mutterdaseins. Für den Eindruck mit dem Kind etwas Falsches gekauft zu haben gibt es kein zwingendes verallgemeinerbares Verständnis. Auch die weiteren Beschreibungen sind zwar interessant, aber nicht auf eine Vielzahl von Müttern projizierbar.
taglöhner 17.11.2019
2.
Ist das untersucht, ob sich das nur wenige trauen, oder eventuell nur wenige diese Wahrnehmung haben? Natürlich sind nicht alle Frauen gleich gute bzw. frustrationstolerante Mütter, sonst gäbe es diesen ganzen Balz-Kram ja nicht.
patriae. 17.11.2019
3. Und ein weiteres "Buch"..
...dass die Frauen der westlichen Gesellschaft darüber "aufklärt", was für ein großer Mist doch Mutter werden ist. Das Frau sein sowieso von Geburt an bedeutet, benachteiligt zu sein. Sowas kennt zwar die Natur in dem Sinne nicht, aber was soll's. Die westliche Welt hält ja sowieso nichts von "Rollen" und dementsprechend ist es vollkommen egal ob den jungen Frauen das Kinder bekommen madig gequatscht wird. Egal das die Geburtenrate kontinuierlich sinkt. Egal dass dies auf lange Sicht bedeutet, dass wir aussterben könnten, einfach alles egal: Hauptsache, die Frauen und Männer dieser Welt spinnen sich ihre perfekten Dystopien der heilen Welt zusammen. Wer nachfragen muss wo das "positive" im Mutter sein ist, der muss sich auch die Frage gefallen lassen, warum man überhaupt Mutter wurde. "Männer sollten es auch lesen"? Also unter anderem ich? Ich weiß wie eine Schwangerschaft abläuft. Meine Frau und ich haben 4 Kinder, ich habe sie die 36 Monate jeden Tag begleitet. Sie würde niemals auf die Idee kommen so ein armseliges Buch überhaupt zu lesen. Aber ja, immer weiter rein in die Gesellschaft, die heute schon nicht mehr dazu fähig ist, für den eigenen selbsterhalt zu sorgen. Traurige Welt, in der solch einem Buch einen Raum zur Verfügung gestellt wird.
P.I. 17.11.2019
4. So neu in der Art ist es nicht
Bereits Anfang der 90'iger erschien in Deutschland "Das ehrliche Buch vom Kinderkriegen". Auch dort und auch bereits damals ist das Kinderkriegen und Mutter-Sein nicht mit dem üblichen rosarotfarbenen Schleier, sondern ehrlichen Worten beschrieben worden, wobei das Hauptaugenmerk allerdings - zugegeben - auf der Zeit vor dem ersten Nachhausekommen mit Kind liegt.
danielc. 17.11.2019
5. Nachvollziehbar
Das Leben vor und mit dem ersten Kind ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn sich das Selbstbild und die Interessen nicht auf die neue Situation anpassen, kann das zu grossem Leid führen. In meiner beruflichen Praxis habe ich das sehr unterschiedliche Dinge beobachtet: Ich kenne junge Eltern (nicht Teenager), die nicht lange ohne eigene Kinder gelebt haben, und sich gleichzeitig mit der Ankunft ihrer Kinder als Erwachsen empfunden haben. Das gibt es diesen Verlust nicht. Bei denen die bereits länger als Erwachsene am kulturellen Leben teilgenommen haben, sieht es sehr unterschiedlich aus. Die einen sind sozusagen Reif für Kinder, haben sich innerlich auf die gewaltige Veränderung bereits eingestellt, bei diesen ist der Umstellungsschmerz nicht sehr gross. Aber dann gibt es die, die Kinder bekommen, weil die biologische Uhr tickt (oder andere vergleichbare Gründe). Das geht dann nicht unbedingt mit dem Wunsch nach Veränderung der Lebensumstände parallel. Das führt dann zu Konflikten, weil die Veränderungen in jedem Fall kommen. Ich kann das sehr gut verstehen, vor allem bei den Müttern, deren Partner ihre Lebensweise nicht an die neue Situation anpassen. Das Kinder dann zum Trennungsgrund werden können, wundert mich nicht. Es hat viel mit der Einstellung und den Erwartungen zu tun. Kinder sind nicht etwas, dass man sich einfach so anschafft. Die Zeit der Schwangerschaft sollte jeder nutzen, um sich darauf und die damit verbundenen Veränderungen auseinander zu setzen. Wenn eine Mutter schon dabei alleine gelassen wird, wie soll sich das dann später ändern. Ein Leben ohne Kinder kann auch sehr erfüllt sein. Übrigens, gibt es auch Männer, die eine biologische Uhr spüren. Wenn Mann erst einmal im Grossvateralter ist, kann er vielleicht beim spielen, laufen und rennen nicht mehr mithalten. Das fällt dann vieles der Freude weg, die Belastung jedoch bleibt. Auch Männer, die sich früh auf eine Vaterrolle einstellen, haben es leichter. Die Umstellung fällt paaren leichter, wenn beide beruflich aktiv bleiben und beide sich partnerschaftlich um den Nachwuchs kümmern. Dazu müssen aber auch beide bereit sein, beruflich zurückzustecken.
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