Neue Bücher zur RAF-Geschichte Als der Terror begann

Vor 50 Jahren entstand die RAF, um den Staat mit Anschlägen ins Wanken zu bringen. Zum Gründungsjubiläum erzählen Autoren die Geschichte der Gruppe neu. Muss man das lesen?
RAF-Fahndungsplakat 1970: Schüsse im Untergrund

RAF-Fahndungsplakat 1970: Schüsse im Untergrund

Foto: A9999 DB Polizei/ dpa

Die Rote Armee Fraktion (RAF) ist Geschichte. Die linken Terroristen morden nicht mehr in ihrem Furor gegen den Staat. Am 20. April 1998 gab die Gruppe ihre Auflösung bekannt. Und auch wenn Ermittler es lange nicht glauben konnten, unternahm danach niemand den Versuch, den bewaffneten Kampf im Namen der RAF wieder aufzunehmen.

Begonnen hatte es im Mai 1970, als die Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Horst Mahler gemeinsam in den Untergrund gingen. Das ist 50 Jahre her. Aus diesem Anlass sind drei Darstellungen erschienen, eine aktualisierte, zwei neue. Lohnt sich die Lektüre? 

Sven Felix Kellerhoff, Eine kurze Geschichte der RAF, Klett-Cotta Verlag

Auf knapp 170 Seiten erzählt "Welt"-Zeithistoriker Kellerhoff die Geschichte der RAF von Anfang bis Ende. Den Ton setzt der Autor gleich zu Beginn: Das Buch sei "nicht von Sympathie für die Täter geprägt". Dass die Gewalt der Gründer auch als Reaktion auf Staatsgewalt zu verstehen ist, von derlei linken Thesen hält Kellerhoff nichts.

Das Ganze sei ein "Irrweg" gewesen. "Zwar veröffentlichte die RAF Hunderte Seiten vermeintlich politische Pamphlete, doch irgendeine konsistente Vorstellung, wie das Zusammenleben anders organisiert werden solle als in der Realität der Bundesrepublik, ließ sich nie erkennen."

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Kellerhoff, Sven Felix

Eine kurze Geschichte der RAF

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 208
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In den drei zentralen Kapiteln widmet sich das Buch den drei Terroristen-Generationen, wobei die dritte Generation deutlich kürzer abgehandelt wird. Es geht los mit Andreas Baader, der in Berlin von Gefährten gewaltsam aus der Haft befreit wird. Er war als Brandstifter verurteilt worden.

Zwei Jahre leben Baader, Meinhof & Co. im Untergrund, überfallen zunächst Banken, es gibt Schusswechsel mit der Polizei. Das Resultat sind Tote auf beiden Seiten. Während der "Mai-Offensive" 1972 verübt die RAF Anschläge auf US-Armeeeinrichtungen in Deutschland, auf Polizeigebäude, das Springer-Verlagshaus. Im Juni wird die gesamte Führungsriege verhaftet.

Erst in den folgenden Gefängnisjahren, schreibt Kellerhoff, habe die Gruppe ihre spätere Bedeutung erlangt. Anwälte und Sympathisanten verbreiteten damals die Behauptung, die Gefangenen seien "Vernichtungshaft" und "Isolationsfolter" ausgesetzt. Das habe in Teilen des linken Lagers verfangen. In "Anti-Folter-Komitees" fanden sich damals junge Menschen zusammen, von denen einige später selbst zu Terroristen wurden.

Guter Überblick

Die Isolationsfolter ist eine von mehreren RAF-Legenden, die als widerlegt gelten. Kellerhoff erwähnt sie alle. Die Führungsriege der ersten Generation wurde im Stammheimer Gefängnis ermordet? Propaganda. Die dritte Generation ist eine Erfindung von Geheimdiensten? Verschwörungsmythos.

Wer mit der RAF-Geschichte vertraut ist, erfährt bei Kellerhoff nichts Neues. Das Buch aber bietet einen guten Überblick, ist prägnant formuliert und leicht konsumierbar. Trotz kleiner Nachlässigkeiten. Ein Vorname von Treuhandchef Rohwedder, der 1991 ermordet wurde, ist falsch geschrieben. Und der mutmaßlich jüngste Raubüberfall der drei Ex-RAFler, die noch immer untergetaucht sind, fand 2016 nicht bei Bremen statt - sondern bei Braunschweig.

Stefan Schweizer, 50 Jahre RAF – Die ganze Geschichte, SME Verlag

Um zu beurteilen, wie seriös dieses Buch ist, reicht es wahrscheinlich schon, die Passage über den Mord an Siegfried Buback zu lesen. Der Generalbundesanwalt wurde 1977 in Karlsruhe von einem RAF-Kommando erschossen, als er in seinem Dienstwagen an der Ampel wartete. Zwei Täter saßen auf einem Motorrad, der Sozius feuerte. Wer die beiden waren, ist bis heute nicht geklärt.

Es gebe die "gut begründete These", schreibt nun Stefan Schweizer, ein Pädagoge aus Brandenburg, dass der Bundesverfassungsschutz "seine Hände bei dem Attentat im Spiel hatte". Er habe seit 1975 die Terroristin Verena Becker als "Agentin" beschäftigt. Es sei daher plausibel, dass der Geheimdienst von einer geplanten Entführung Bubacks gewusst habe – und die Mittel besaß, das Ganze in eine Exekution "umzumünzen". Belege Schweizers für diese These: null.

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Schweizer, Stefan

50 Jahre RAF: Die ganze Geschichte

Verlag: SWB Media Entertainment
Seitenzahl: 362
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Abenteuerliche These

Zwar ist verbrieft, dass Verena Becker mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet hat. Allerdings ist umstritten, seit wann. Ein Auftrag für einen Buback-Mord ist reine Fantasie. Den Autor stört das nicht. Er wartet sogar mit einem möglichen Motiv auf, das er in abenteuerlicher Weise ausbreitet.

Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) habe sich mit seiner Entspannungspolitik "mächtige Feinde auf beiden Seiten der bipolaren Weltordnung" gemacht. Es sei ein "Komplott" zu seiner Beseitigung "ausgeheckt worden". Buback habe das aufklären wollen. Dadurch sei er womöglich zum Risikofaktor geworden "und musste unter allen Umständen zum Schweigen gebracht werden".

Spätestens hier sollte man aufhören zu lesen. Schweizer verspricht, auf etwa 350 Seiten "die ganze Geschichte" der Terrorgruppe zu erzählen, als könne er Lücken in den bisherigen Darstellungen schließen. Was er aber liefert, ist ein Pamphlet, das immer wieder in bodenlose Spekulation abdriftet. Wo das nicht der Fall ist, zitiert der Autor lang aus RAF-Schriftstücken, die man sich im Zweifel im Original ansehen kann.

Stilistische Schwäche

Auch stilistisch ist das Werk schwach, überall lauern Klischees. Ständig steht irgendwer Pate, zwischen allen Stühlen, lässt kein gutes Haar an irgendeiner Sache. Die Zeichen der Zeit blitzen aus den Zeilen, der Dorn steckt natürlich im Auge, ist aber nicht allein seligmachend. Streit ist: erbittert.

Sprachbilder verwackeln, bis sie unkenntlich sind. Es sei etwa nicht selbstverständlich, schreibt der Autor, dass der deutsche Linksterrorismus heute noch von Interesse sei, "da er bereits mit dem würdigen Staub geschichtlicher Ereignisse bedeckt ist". Was heißt das? Das erklärt der Autor nicht.

Schweizer hat Sympathie für die RAF. Für ihn sind die Terroristen "Widerstandskämpfer". Der Mord an Treuhandchef Rohwedder 1991? Ein "Anschlag mit Personenschaden". Einmal heißt es: "In aller Deutlichkeit bleibt festzuhalten, dass es dem geheimdienstlich-polizeilichen Apparat Deutschlands nie gelungen ist, die RAF militärisch zu besiegen."

In aller Deutlichkeit bleibt festzuhalten: Das Buch ist Zeitverschwendung.

Stefan Aust, Der Baader-Meinhof-Komplex, Piper Verlag

Das Werk ist eine Instanz, sein Autor auch. Im Jahr 1985 erschien der "Baader-Meinhof-Komplex" zum ersten Mal, erfuhr seither immer wieder neue Auflagen. Stefan Aust, viele Jahre SPIEGEL-Chefredakteur, ist nicht nur Chronist, sondern auch Zeitzeuge. Viele Beteiligte aus der RAF-Gründergeneration kannte er persönlich, mit Ulrike Meinhof arbeitete er gemeinsam für die Zeitschrift "konkret".

Die knapp 1000 Seiten schildern im Detail die RAF-Geschichte bis zum Jahr 1977. Im "Deutschen Herbst" versuchte die zweite Generation die RAF-Gründer aus dem Gefängnis freizupressen und entführte den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Palästinensische Terroristen kaperten zur Unterstützung die Lufthansa-Maschine "Landshut". Der Staat gab nicht nach. Die RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe nahmen sich in Stammheim das Leben.

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Aust, Stefan

Der Baader-Meinhof-Komplex

Verlag: Piper Taschenbuch
Seitenzahl: 992
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Packende Erzählung

Aust schildert die Geschehnisse vielfach szenisch und verdichtet sie zu einer packenden Erzählung. Der "Baader-Meinhof-Komplex" sei ein Protokoll, das stets den Stand seiner Recherchen zeige, schreibt er. In den vergangenen Jahren trieb den heutigen "Welt"-Herausgeber vor allem die Frage um, ob der Staat in der Todesnacht von Stammheim die Gefangenen abgehört hat.

Die neue Auflage enthält dazu einige Details, die Aust erstmals 2018 aus Akten des BND erfahren hat. Es deuteten "viele Indizien" darauf hin, so resümiert er, "dass die Gefangenen in Stammheim während der Entführung Schleyers abgehört wurden". Einen Beweis aber gebe es nach wie vor nicht. "Hochrangige Beamte aus dem Sicherheitsapparat" schwiegen "seit Jahrzehnten".

An insgesamt etwa 30 Stellen hat Aust das Buch ergänzt oder Passagen gekürzt. Neu sind Details zu Gudrun Ensslin, etwa über eine Begegnung mit ihrer Mutter. Der ganz überwiegende Teil aber ist identisch mit der vorherigen Ausgabe.

Wer sich für die RAF der ersten und zweiten Generation interessiert, sollte das Buch gelesen haben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.