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08. Juli 2015, 13:58 Uhr

Büchner-Preis für Rainald Goetz

Irre

Ein Kommentar von

Eine Akademie wacht auf: Endlich bekommt der Schriftsteller Rainald Goetz den Büchner-Preis. Kein anderer beherrscht den Sound der Gegenwart wie er.

Gerade ist wieder diese fantastische Langweiligkeitsshow, das Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt aufs allerlangweiligste zu Ende gegangen und man fragte sich wieder einmal, wohin diese ganze Energie, die mal dort war, wo die hingegangen ist, mit den Jahren.

Und ja, das allerlangweiligste Klagenfurt-Klischee ist natürlich dies: die aufgeschnittene Stirn des jungen Autors Rainald Goetz, damals, 1983, als er seinen Text "Subito" las und sich, als er bei der Stelle war "Ihr könnts mein Hirn haben", mit der Rasierklinge über die Stirn fuhr und dann das Blut nur so strömte. Und er las "Noch in meiner schwächsten Schwäche bin ich stark" und "Wie geht das Scheißleben?" und "So muss geschrieben werden!" und am Ende, an die Jury, an das Publikum, blutüberströmt das Manuskript, das Hemd, der Kopf: "Los ihr Ärsche, ab ins Subito!"

Und wie dann Marcel Reich-Ranicki, völlig ungerührt von der Hirnschneiderei des Autors, den Text sezierte, sachlich feststellte, dass der Protest gegen das literarische Leben, der hier vorgetragen wurde, "tief in der literarischen Tradition" stehe, dass der Autor "sehr gut und dramatisch vorgetragen" habe und resümierte: "Selten habe ich einen Text gehört, in dem so viel Leben wäre."

Das war so ein großer, intensiver, irrer, fantastischer Literaturmoment und ist es bis heute. Dann erschien "Irre", Goetz' Roman aus der Psychiatrie, dann sein RAF-Roman "Kontrolliert", seine Weltmitschriften 1989, die glücksentrückte Tanzerzählung "Rave", sein musikphilosophisches Gespräch mit DJ Westbam "Mix, Cuts & Scratches", er beschloss die Neunzigerjahre mit dem - später gedruckten - Internettagebuch "Abfall für Alle".

Gigantische Intensität

Zuletzt schrieb Goetz den Kulturbetriebsaneignungsbericht "loslabern" und den Wirtschaftsroman "Johan Holtrop", in dem er den Untergang einer middelhoffähnlichen Lichtgestalt und den irren Wirtschaftskosmos unserer Gegenwart beschreibt.

Jedes seiner Bücher, selbst die schwächsten, sind von einer so gigantischen Intensität und Sprachkraft und einem Sinn für Sound und Gegenwart und Poesie und Schönheit. Nichts wirkt je ausgedacht, abgelesen, hinterhergeschrieben. Der letzte Text, der von Goetz erschien, ist ein Nachwort, das er in die Lebenserinnerungen Albert von Schirndings hineinschrieb.

Darin heißt es: "Der Autor verkörpert ein Geheimnis, das Versprechen einer verborgenen Botschaft, man ahnt etwas von einem neuen, anderen Leben, das über das jetzt gelebte hinausgeht, sich einem vielleicht später irgendwann erschließen könnte, durch die Lektüre der Texte, am Beispiel des Autors. Glücklich sind die, die auf diese Art ansprechbar sind, denn sie führen eine unruhige, experimentelle Existenz."

Es ist ein Witz, dass die Akademie für Sprache und Dichtung ihn erst jetzt auszeichnet. Wie viele mickrige Preisträger gab es in den vergangenen Jahren! Rainald Goetz ist wie für den Büchner-Preis gemacht. Er ist - wie jener - Arzt und schreibt - wie jener - revolutionäre Prosa. Und er hat das ganz selbstverständliche Selbstbewusstsein, dass man natürlich auch heute noch Büchner-Prosa schreiben kann, nur eben verwandelt, neu, in unsere Gegenwart übertragen.

Als Elfriede Jelinek in ihrer Dankesrede für den Büchner-Preis sagte, der sei heute unerreichbar, protestierte er quasi live: "Stimmt doch gar nicht. Büchner ist herrlich, gerade wenn man jung ist und extrem erreichbar. Sofort ist er Bruder, ganz nah. Er schickt einen los, wie andere junge, speziell jung kaputte Schreiber auch. Und man selber denkt: ich auch, so ist das Gefühl, so mache ich es auch. Und genau so macht man es dann."

Und das künstlerische Programm, das Büchner in seiner Erzählung "Lenz" fordert, das ist unbedingt das literarische Konzept seines späten Nachfolgers: "Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist, das Gefühl, das Was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen."

Selten habe er einen Text gehört, in dem so viel Leben sei, hatte Reich-Ranicki dem blutenden Jüngling vor 32 Jahren zugerufen. Er hätte es jedem später erschienen Goetz-Buch zurufen können. Jetzt hat es auch die Akademie mitbekommen. Ein späte, großartige Nachricht!

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