Rajvinder Singh ist tot Er sprach Raj in »The Big Bang Theory« – und sah mit sechs Augen

Er wurde im Punjab geboren, dichtete in seiner »Stiefmuttersprache« Deutsch. Seine Stimme kennen viele aus einer TV-Sitcom. Nun ist Rajvinder Singh mit 65 Jahren gestorben.
Rajvinder Singh: Er sang seine Gedichte in Punjab den Analphabeten vor

Rajvinder Singh: Er sang seine Gedichte in Punjab den Analphabeten vor

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SL / picture alliance/dpa/privat

Dass es nicht trivial ist, wessen Stimme eine Fernsehfigur spricht, wurde im Streit über den Sprecher der »Simpsons«-Figur Apu offenkundig – deren langjähriger Sprecher Hank Azaria – er ist weiß – hatte den Kioskbesitzer mit indischem Akzent gesprochen. Er gab die Rolle ab, nachdem dies in einem Dokumentarfilm problematisiert wurde, und entschuldigte sich bei der indischstämmigen Bevölkerungsgruppe.

Bei Dr. Rajesh Ramayan Koothrappali, von seinen Freunden der Einfachheit halber »Raj« genannt, ist ebenfalls Vorsicht geboten, wenn es um Synchronsprecher geht. Denn die Figur aus der Sitcom »The Big Bang Theory«, gespielt vom in London in eine indische Immigrantenfamilie hineingeborenen Kunal Nayyar, spielt schon sehr stark mit Klischeevorstellungen von Indern. Doch zur Beliebtheit von »Raj« beim deutschen Publikum trug auch ihr Synchronsprecher bei, Rajvinder Singh.

Sein Vater machte ihn älter

Seit er die Gebärmutter seiner Mutter verlassen habe, sei er »heimat-los«, hat Rajvinder Singh mal in einem Interview  gesagt. Darüber, wann dieser Zeitpunkt genau war, herrschte Verwirrung, denn sein Vater machte ihn bei den Behörden gut zwei Jahre älter, um ihn früher einschulen zu können. Vaters Hoffnungen, sein Sohn werde mal Mediziner, erfüllten sich nicht – doch für seine Schriftstellerei sollte ihn seine Geburtsstadt Kapurthala 2003 als Ehrenbürger auszeichnen.

Im Punjab war er Theateraktivist, sang er Analphabeten seine Gedichte auf der Straße vor. Nach mehreren Inhaftierungen aus politischen Gründen verließ Singh Indien und kam 1981 in Berlin an, studierte an der Technischen Universität. Schon bald dichtete er in seiner »Stiefmuttersprache« Deutsch. Im Schriftstellerverband PEN leitete er das Komitee Writers in Prison.

In einem Werk bezeichnete er sich als »ein Wortpfeil / dialogsüchtig«. Diese Dialogsucht lebte Singh aus in mehreren Gesprächsreihen, die er in Berlin veranstaltete. In Schulen gab er vielfach Schreibworkshops, sprach mit Schülerinnen und Schülern über kulturelle Vielfalt. Das Deutschland außerhalb Berlins lernte er näher kennen als Stadtschreiber. Im brandenburgischen Rheinsberg erlebte er Pöbeleien und Drohanrufe, in Trier lernte er den Moselwein schätzen.

»Mit sechs Augen«

2004 war Rajvinder Singh im Begleittross von Frank-Walter Steinmeier bei dessen Indienreise. Dabei brachte Singh dem damaligen Außenminister das »Prinzip des Sehens mit sechs Augen« nahe, das Steinmeier danach in Reden und Schriften zitierte: »Aus meinen zwei Augen und zweien des anderen bilde ich mir zwei gemeinsame Augen, um damit eine Sicht der Gemeinsamkeit herstellen zu können.«

Einem großen Publikum aber ist vor allem Singhs sanfte Stimme bekannt: Er synchronisierte damit für Film und Fernsehen zahlreiche indische Figuren, darunter eben auch den von Kunal Nayyar gespielten Astrophysiker Raj in »The Big Bang Theory«. Vielleicht passe seine Stimme »zur poetischen Ader des Charakters, wenn er in die Sterne schaut«, sinnierte Rajvinder Singh in einem Interview.

Am 16. Dezember starb Rajvinder Singh nach kurzer Krankheit in Berlin, wie der Synchronregisseur Stefan Ludwig, ein Freund der Familie, und sein letzter Buchverlag Klak mitteilten. Bei ProSieben wird Singh am nächsten Montag vor der Ausstrahlung einer »The Big Bang Theory«-Wiederholung mit einer »In Memoriam«-Tafel gedacht.

feb/dpa
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