Missbrauchslyrik von Rammstein-Sänger Lindemann Es ist klar, wer da kritzelt

Till Lindemann hat ein Gedicht geschrieben, über das wir uns alle aufregen sollen. Wahlweise soll die Freiheit der Kunst verteidigt werden. Beides ist eine Falle, in die nicht tappen sollte, wer es sich leisten kann.
Till Lindemann beim Rammstein-Konzert in Hannover 2019

Till Lindemann beim Rammstein-Konzert in Hannover 2019

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Boris Roessler/ DPA

Glücklich eine Gesellschaft, in der ein Gedicht zum drängenden Problem werden kann.

Ein Gedicht immerhin von Till Lindemann, dem Sänger von Rammstein, erschienen nicht im Eigenverlag oder irgendeiner Klitsche. Sondern bei Kiepenheuer & Witsch (KiWi). "100 Gedichte" ist bereits der dritte Band des ebenso prominenten wie ambitionierten Amateurs.

Auch im aktuellen Buch steht Nachdenkliches ("Wo ist der Kapitän/ Ich kann ihn nirgends/ Gar nicht sehen/ Niemand ist zu sehen/ Und die Füße werden nass/ Wir werden untergehn/ Vorbei der Ferienspaß") in der Tradition eines Heinz Erhardt neben Aphoristischem ("Wer weiß wie lang die Liebe hält/ Ich liebe dich du liebst mein Geld") in epigonaler Nachfolge der Pet Shop Boys: "I love you / you pay my rent".

Von professionellen Literaturkritikern wurden diese lyrischen Ausflüge eines Popstars bisher, wenn überhaupt, mit interessiertem Befremden behandelt. Mal wohlwollend, mal spöttisch, selten wirklich vernichtend. Höchstens mit gerümpfter Nase. Rammstein eben.

Karriereklavier mit den Tasten Empörung und Aufmerksamkeit

Dabei hätte man’s belassen und den Mantel des Schweigens ausbreiten können, der über dem Gros zeitgenössischer Lyrik liegt - hätte nicht ein aufgebrachter SWR-Redakteur auf "Wenn du schläfst" hingewiesen, darin Lindemann eine sexuelle Straftat schildert: "Ich schlafe gern mit dir wenn du schläfst/ Wenn du dich überhaupt nicht regst" und so weiter.

Es ist diese Poesie tatsächlich von anderer Qualität als das Gedicht, über dessen angeblichen Sexismus der interessierte Teil der Republik zuletzt 2018 in Rage zu geraten geruhte, "Avenidas" von Eugen Gomringer ("alleen und blumen und frauen und ein bewunderer"), wir erinnern uns - vom diplomatischen Verstimmungspotenzial des Schmähgedichts von Jan Böhmermann auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ganz zu schweigen.

Gerade in den "sozialen" Netzwerken ist derzeit die Empörung über "Wenn du schläfst" so groß wie die Aufmerksamkeit, die diesen Zeilen gewidmet wird. Mutmaßlich sehr zur Freude ihres Urhebers, dessen Karriereklavier kaum andere Tasten hat als eben Empörung und Aufmerksamkeit. Also besser "nicht einmal ignorieren"? Leider ist die Sache etwas komplizierter.

Es ist, was es ist

Denn eine Rose ist eine Rose und auch ein schlechtes Gedicht ein Gedicht. Und ein Gedicht über eine Vergewaltigung ist ein Gedicht über eine Vergewaltigung. Keine Vergewaltigung. Oder, wie ein schlecht gelaunter Helge Malchow von KiWi erläuterte: "Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor ist aber konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt."

Eine Selbstverständlichkeit, schon klar, - die hier allerdings mit einer anderen Selbstverständlichkeit kollidiert: Überlebende sexueller Gewalt haben ein berechtigtes Interesse daran, nicht mit verharmlosenden oder gar verherrlichenden Schilderungen dieser Gewalt behelligt zu werden.

Lindemann schreibt aus Sicht eines Täters, der sich einer besonders tückischen Betäubungsmethode bedient ("Rohypnol ins Glas"). Sein "lyrisches Ich" hält das Vergehen am wehrlosen Opfer für herrlich ("Es ist ein Segen") und gibt sich schmunzelnd ("Weil du das alles hier versäumst") seiner Hemmungslosigkeit hin ("Kann mich völlig gehen lassen"). Ein innerer Zwiespalt ist nicht erkennbar. Es ist, was es ist.

Rohes Material

Im Hinblick auf die darin ausgestellte Misogynie kann der lindemännliche Snuff nicht ansatzweise einem Buch wie "Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk oder einem Film wie "The House That Jack Built" (Lars von Trier) das mit Rohypnol versetzte Wasser reichen.

Und ist nicht sogar Goethe mit seinem Volkslied vom "Heidenröslein" brachialer, einverstandener mit dem Täter ("der wilde Knabe"), den frauenfeindlichen Verhältnissen und letztlich sich selbst? "Röslein wehrte sich und stach/ Half ihm doch kein Weh und Ach"? Tja, da "mußt‘ es eben leiden". So wie "Jeanny" bei Falco ("Zuviel Rot auf deinen Lippen") oder Frauen ("Bitches") generell im handelsüblichen Gangsta-Rap.

Kunst ist Kunst und darf das. Sie darf alles. Wirklichkeit abbilden und Moral ausblenden. Abgründe ausloten und dabei unbeteiligt tun. Gewalt in ihren widerwärtigsten Erscheinungsformen feiern und zugleich ein erbärmliches Bild männlicher Sexualität zeichnen. Sie schuldet ihrem Publikum kein ästhetisches Erlebnis, nicht einmal einen Erkenntnisgewinn. Sie darf bloße Behauptung sein, "Rohmaterial" oder auch "rohes Material", wie Herausgeber Alexander Gorkow in seinem Vorwort raunt.

Alles das darf Kunst, immer. Nur Applaus darf sie nicht erwarten, nie.

So wagemutig wie die Vergewaltigung einer ohnmächtigen Frau

Spätestens an dieser Stelle könnte man auf breiter Front zur Vorwärtsverteidigung der Kunstfreiheit übergehen, säulenheilige Kronzeugen von Rubens bis Baudelaire aufrufen und am Ende das Abendland vor dem zersetzenden Zugriff kulturloser Moralwächter bewahrt haben - ginge man damit nicht Lindemann und seinem Verleger auf den Leim.

Denn darum, um das Große und Ganze, geht es im Grunde gar nicht.

Kategoriale Kritik, wie sie dieses schlichte Gedicht trifft, ist nicht mit Zensur zu verwechseln. Es wurde vermutlich lektoriert, es wurde verlegt, es ist in der Welt. Auch ist heftige Ablehnung kein Indiz dafür, dass wir es mit gewagter und damit relevanter Kunst zu tun hätten. Der Text ist, was er ist - also exakt so wagemutig wie die Vergewaltigung einer ohnmächtigen Frau.

Vielleicht sollte es darum gehen, zur Abwechslung mal das Kind ohne das Bad auszuschütten.

Es ist klar, wer da kritzelt

Dazu müsste man tatsächlich, wie Saša Stanišić es ironisch anregt, das Gesamtkunstwerk "Till Lindemann vom Autor" trennen. Versuchsweise wäre also "Wenn du schläfst" nicht als Werk eines satisfaktionsfähigen 57-Jährigen zu lesen, der in einem renommierten Verlag publiziert. Sondern als eine der vom unbegrenzten Zugang auf Internetpornografie inspirierten Schmierereien, die pubertätsgeplagte 14-Jährige mit Edding auf Schultoiletten hinterlassen. Je krasser, desto geil.

Auf diesem gar nicht mehr komplizierten Niveau erscheint die ganze Affäre plötzlich doch ganz einfach.

Es ist klar, wer da kritzelt, und ganz eindeutig, was da steht. Klar auch, wer angesichts der peinlichen Petitesse aus dem Klo stürmt und "Alarm!" ruft - vermeintlich ganz im Sinne derer, die gar nicht anders können, als sich von diesem obszönen Gekritzel verstören zu lassen. Die sollen das unbedingt lesen!

"Ich will dich vergewaltigen"

Verständlich wird die privilegierte Gleichgültigkeit derer, die das Erregungsangebot müde ablehnen und sich mit einem Schulterzucken wichtigeren Dingen zuwenden, womöglich wagemutigerer Literatur. Zuletzt dämmert übrigens, wer sich in dieser Sache als gekachelte Wand über dem Pissoir zur Verfügung stellt. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis KiWi-Autorinnen und -Autoren ihren scharfen Protest formuliert haben werden.

Einen angemessenen satirischen Weg ging die Schriftstellerin Paula Irmschler. Sie hat in skelettierender Exegese das Gelesene auf seinen eigentlichen Inhalt reduziert, in seine eigentliche Form gebracht: "Ich bin ein Mann/ Du eine Frau/ Ich will dich vergewaltigen/ Ja genau/ Maus/ Haus/ Schmaus/ Graus/ Wow ich bin so gut/ Wow ich bin so gut".

Glücklich eine Gesellschaft, die sich anderer Probleme zum Trotz keine patriarchalen Vergewaltigungsfantasien unterjubeln oder vorschreiben lässt, wie darauf zu reagieren sei.