Rapperin Krasavice als Bestsellerautorin Sex, Sex, Sex und was sonst noch wichtig war

Bananen, Dosenöffner, zehn Fakten über Brüste: In ihrem autobiografischen Bestseller "Bitch Bibel" bietet die Rapperin Katja Krasavice Zoten eine Provokation - und ein Soundproblem.

Es gehört schon länger zum guten Ton unter erfolgreichen Rappern, irgendwann ein Buch zu schreiben. Ein Buch, das sich mit dem befasst, womit sich erfolgreiche Rapper auch gern befassen: sich selbst. 

Bushido hat das vor Jahren filmreif vorgemacht. Xatar und Schwesta Ewa haben ihre Gangster-Memoiren geschrieben. Und Kollegah scheint sich offenbar zu lange (oder zu kurz) auf der Wikipediaseite zu Sozialdarwinismus aufgehalten zu haben. Solche Bücher landen meist da, wo erfolgreiche Rapper sich eh verorten: auf den ersten Plätzen der Charts. Nur heißen diese Charts dann SPIEGEL-Sachbuch-Bestsellerliste. 

Dort steht seit ein paar Wochen ein Buch des sing-rappenden Social-Media-Stars Katja Krasavice. Es heißt, in augenzwinkernd zwingender Logik, "Die Bitch Bibel". 

Dem Schicksal den Mittelfinger zeigen

Krasavice, 23, machten ihre YouTube-Videos berühmt, irgendwo zwischen Erotik und Entertainment. Auf Instagram hat sie heute 2,4 Millionen Abonnenten. Krasavice, die sich mehrfach hat operieren lassen, bewegt sich in ihrem Image zwischen Künstlichkeit und Authentizität, zwischen Jungsfantasien und Feminismus . Sie inszeniert sich als "Bo$$ Bitch". So lautet auch der Titel ihres Anfang des Jahres veröffentlichten Debütalbums, das um Sex kreist und auf Platz eins der deutschen Albumcharts stand. Und jetzt ein Buch, das Krasavice - so steht es nicht auf dem Cover, aber auf einer der ersten Seiten - zusammen mit der Autorin Johanna Völkel verfasst hat, die Ähnliches schon mal für Verona Pooth gemacht hat. 

Im Kern der "Bitch Bibel" steht Krasavices Rags-to-riches-Erzählung, eine "Aschenputtel"-Version, in der es darum geht, dem "gegebenen Schicksal immer einen Mittelfinger" zu zeigen: Katja Krasavice, die eigentlich Katrin Vogel heißt, kommt demnach im "tschechischen Getto" zur Welt, einem "schmutzigen Ort voller Sünden und Armut". Sie wächst dort und im Osten Deutschlands auf.

Ihr frühes Leben ist geprägt von einer sich durchschlagenden, putzenden Mutter, für Krasavice "eine Badass-Bandenanführerin"; vom Krebstod eines Halbbruders; vom Selbstmord eines anderen Halbbruders, der ihr beibringt, "wie man eine Karre knackt, um das Radio auszubauen"; von einem dem Alkohol verfallenden Vater, der sich an ihren minderjährigen Freundinnen vergeht - und sie unterbewusst in einem falschen Selbstbild geprägt habe, nach dem Motto: "Als Frau bist du nur etwas wert, wenn du sexuell verfügbar bist."

Krasavice fühlt sich früh von einem "Barbie-Style" angezogen, liebt "das Provozierende". Sie postet als Teenager freizügige Fotos unter dem Namen "pOrNoMaUs" auf ihrem Schüler-VZ-Profil und entwickelt ein erstes Gespür für die Ästhetik, die sie später berühmt machen wird: "Je billiger die Bilder rüberkamen, desto schöner fand ich sie."

Selling Points immer im Blick

Sie wird gemobbt, als "Flittchen ohne Möpse" beschimpft und weint sich "die Augen aus dem Schädel". Wo ein Star ist, der über die sozialen Medien und die Musik berühmt geworden ist, da ist auch ein Mythos: In ihrer Verzweiflung flüchtet sie sich demzufolge in Hip-Hop und YouTube, lädt dort "ein sexy Video-Cover" hoch, sieht, wie die Klicks in den sechsstelligen Bereich wachsen.

YouTube löscht das Video zwar, aber hier kommt das, was "Aschenputtel" erst zu "Aschenputtel" macht: die plötzliche Wende. Der spätere Erfolg mit "grenzwertigen Gaga-Clips" ("10 Fakten über Brüste", "Mein erstes Mal", "Wie isst man eine Banane"). "Big Brother". Die Suche nach Akzeptanz. Das alles schwankt zwischen Selbstoffenbarung - über Sexsucht, Verlustängste oder schlicht darüber, dass es ihrem Debütalbum an Tiefgründigkeit fehle - und Selbstvermarktung, bei der die Selling Points nie aus dem Fokus geraten: Sex und Provokation. 

Klar, dass Krasavices Autobiografie irgendwie derber als derb klingen, oder, um es ein bisschen im Duktus der "Bitch Bibel" zu sagen, unter die Gürtellinie gehen muss - zum Beispiel, wenn das Kapitel über ihre ersten sexuellen Erfahrungen ziemlich unangenehm mit "Mein Kampf an der Dosenöffnerfront" überschrieben ist. Das driftet auch mal (aber selten) ins total Geschmacklose ab, etwa wenn ein Look abgegrenzt wird davon, "wie eine rumänische Rummelplatznutte mit Hepatitis A bis Z plus Sonderzeichen" auszusehen. 

Zwar ist, wie bei Kollegah, auch mal die Rede von Männern als "Lauch", aber Krasavice stilisiert sich nicht als Alpha oder Guru. Sie tritt eher als eine Art große Schwester auf. Und die Rolle steht ihr ganz gut: Sie lobt Andersartigkeit. Plädiert für konstruktive Kritik. Oder schreibt Sätze wie: "Zur echten Frau wird man nicht durch einen Typen, sondern nur durch seine innere Einstellung."

Bemerkenswert ist ein kurzes Kapitel, das sich fast wie ein kleines Manifest der authentischen Künstlichkeit liest. Darin schreibt sie, dass sie die Trennung zwischen Selbstbestimmtheit und Barbie aufzuheben versuche, "denn ich bin es leid, ständig mit einer derart altmodischen Doppelmoral konfrontiert zu werden. Eine 'emanzipierte' Gesellschaft muss es ertragen können, wenn eine Frau über Sex redet, Künstlichkeit feiert und sich der Klischees bedient, die andere vielleicht als Zeichen männlicher Unterdrückung verstehen." Das Kapitel endet mit einem Appell an ihre Fans: "Lasst uns das gemeinsam angehen, Bitches!" Solche Augenblicke der Selbstermächtigung sind neben jenen der Selbstoffenbarung die größten Stärken der "Bitch Bibel". 

Keine Kohärenz im Sound

Die größte Schwäche liegt im Stil: Anders als in Krasavices Songs, Videos oder Instagram-Posts, mangelt es dem Buch an einer Kohärenz im Sound - was dem Ganzen Glaubwürdigkeit raubt. Das meint weder die Derbheit noch eine Flapsigkeit oder das Droppen von Netzsprechfloskeln wie "OMG, Alter, heftig!".

Das meint schlüpfrige Formulierungen, die dazwischen auftauchen und älter als Krasavices Zielgruppe oder sie selbst klingen: Wenn die Rede ist von einem "Knüppel", der "recht knorke" war. Von einer "Furche", die sie beackert. Von einem "Besen", der nicht groß genug sei für "den Salon". Und das meint eine sexuell überladene Wortakrobatik. Über ihre Heimat: "Meine Geburtsstadt war alles andere als ein Höhepunkt." Über ihre Katzen: "Es gab also tatsächlich mal Zeiten, in denen Muschis um mich herum mehr Sex hatten als ich." Über ihre Musik: "'Doggy' passte zu mir wie Arsch auf Eimer oder besser gesagt wie Arsch auf Zauberstab."

An solchen Stellen wirkt "Die Bitch Bibel" künstlich. Und irgendwie unauthentisch.

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