Wendeopfer-Satire Wenn das Margot Honecker wüsste

Ein Fall von literarischem Stockholm-Syndrom: Der Held von Rayk Wielands "Kein Feuer, das nicht brennt" hat sich so sehr in der DDR eingerichtet, dass er auch nach dem Mauerfall alles tut, um nicht in den Westen zu kommen - Karriere als Reisereporter macht er trotzdem.
Schriftsteller Rayk Wieland: Reisen lohnt nicht

Schriftsteller Rayk Wieland: Reisen lohnt nicht

Foto: Verlag Antje Kunstmann

Das nennt man Dialektik. Mit Blick auf die Mauertoten gelang Margot Honecker kürzlich im ARD-Fernsehen das, was nicht einmal Marx und Engels gelungen ist - den alten Widerspruch von Mitleid und Mitleidslosigkeit aufzulösen. Es sei schon bitter, meinte sie dort, wenn man wegen einer Dummheit wie der Republikflucht sein Leben gelassen habe. Die DDR als großangelegte Volkserziehungsmaßnahme hinter Stacheldraht, geprägt von mütterlicher Herzensgüte und Eiseskälte gleichermaßen.

Wie hätte deren idealer Bürger ausgesehen am Ende seines von der Volksbildungsministerin beaufsichtigten Lernprozesses? Er hätte wohl so gedacht wie W., Hauptfigur in Rayk Wielands Debütroman "Ich schlage vor, dass wir uns küssen." Von einem Stasimann nach seiner Haltung zu Republikflucht befragt, antwortet W. wahrheitsgemäß: "Kritisch." Und fügt an: "Es sei nun mal so, dass die Welt überall gleich sei, und zwar deshalb, weil man sich selbst immer mitnehmen müsse." Der Beamte ist mit dieser Binsenweisheit zufrieden.

Anders als Margot Honecker allerdings, ist W. derart zum DDR-Bürger erzogen, dass er auch nach dem Mauerfall das einstige Staatsgebiet nicht verlassen möchte. Mit der Bundesrepublik, so erzählt es Wieland in seinem nun erschienenen, zweiten Roman "Kein Feuer, das nicht brennt", hat W. sich trotzdem arrangiert. Er hat sogar Karriere gemacht. Als Reisejournalist. Begeistert druckt ein Reisemagazin seine Reportagen - vielleicht gerade deshalb, weil er in ihnen nur all jene Klischees zusammenrührt, die man sowieso schon kennt.

Literarisches Stockholm-Syndrom

Der deutsche Magazinjournalismus mag kein ganz so geschlossenes System sein, wie früher die DDR, verbindliche Sprachregelungen und groteske Hierarchien gibt es hier auch. Rayk Wielands zweiter Roman ist, wie schon "Ich schlage vor, dass wir uns küssen", ein sympathisches kleines Buch. Geschrieben in einem leichtfüßig ironischen, verspielten Ton, der deutlich lustiger ist als das energische Lustigseinwollen mancher ebenfalls Romane schreibender Humoristenkollegen.

Seinen Charme entfaltet "Kein Feuer, das nicht brennt" allerdings vor allem auf dem Boden der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und ihres reicheren Zwillingsbruders, der BRD. Im zweiten Teil macht W. sich auf nach China. Ja, auch dort gibt es einen Schutzwall. Der allerdings verschafft dem Text deutlich weniger Reibung als der zwischen Ost- und Westdeutschland, der nur noch im Kopf von W. eine Rolle spielt - und, nicht zu vergessen, auch im Denken Margot Honeckers.

So leidet "Kein Feuer, das nicht brennt" in seiner zweiten Hälfte an einer Art literarischen Stockholm-Syndrom: Der Staat, der die Romanfigur W. gefangen hielt und den Autor Rayk Wieland eineinhalb Bücher ermöglichte, ist verschwunden. Was sie ohne ihn Gewinnbringendes anfangen könnten, das wissen Autor und Hauptfigur noch nicht so recht.

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