Reaktionen zum Tod von Christa Wolf "Ein trauriger Tag für die deutsche Literatur"

Moralische Instanz und Identifikationsfigur: Mit Christa Wolf ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit gestorben. Ehemalige Weggefährten, Kulturschaffende und Politiker zeigten sich am Donnerstag bestürzt über die Todesnachricht.

Schriftstellerin Christa Wolf 1999 in Frankfurt: "dem Unausgesprochenen Gehör verschafft"
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Schriftstellerin Christa Wolf 1999 in Frankfurt: "dem Unausgesprochenen Gehör verschafft"


Berlin/Hamburg - "Ihr Werk steht für eine künstlerische Meisterschaft hohen Ranges, aber auch für eine Künstlerpersönlichkeit, in der sich das Profil und die Brüche der zurückliegenden Jahrzehnte kaleidoskopartig spiegeln", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zum Tode von Christa Wolf. Die 82-Jährige sei "eine der großen Frauen der deutschen Literatur", teilte Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) am Donnerstag mit. "Die Literaturmetropole Berlin trauert um eine bedeutende Schriftstellerin, die Literaturgeschichte geschrieben hat."

Der Präsident der Berliner Akademie, Klaus Staeck, sagte, Wolf habe mit dem Text "Nachdenken über Christa T." einen neuen ästhetischen, reflektierend-essayistischen Ton in die DDR-Literatur gebracht. Wolf war seit 1974 Mitglied der Akademie der Künste der DDR und seit 1982 Mitglied der Westberliner Akademie. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, sagte am Donnerstag, mit dem Tod von Wolf sei ein Teil der DDR-Literatur gestorben.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) bezeichnete die 82-Jährige als "große ostdeutsche Schriftstellerin". Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) reagierte betroffen auf den Tod der Autorin. Wolf habe in ihren Werken "den Finger auf die schwärenden Wunden in der Gesellschaft gelegt und dem Unausgesprochenen Gehör verschafft". "Sie war eine wichtige moralische Instanz, deren schriftstellerisches Lebenswerk bleibt", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Donnerstag in Berlin. "Sie vertrat die Ideale echter Demokratie und eines humanen Sozialismus", fügte Gabriel hinzu.

Der Schriftsteller Hermann Kant, 85, der gewissermaßen als Gegenpol der Schriftstellerin gilt, zeigte sich erschüttert über die Nachricht vom Tod seiner Kollegin. "Es ist ein trauriger Tag für die deutsche Literatur, die Literatur überhaupt und für alle, die an dieser deutschen Literatur mitgewirkt haben", sagte Kant. Er erinnerte auch an die Zeiten "unserer frühen schriftstellerischen Jugend, als wir eigentlich befreundet waren - und wir sind später dann nicht fertiggeworden mit den Konflikten, die aus den Großkonflikten auch für uns entstanden".

Linksfraktionschef Gregor Gysi sagte, die Nachricht "tut richtig weh". Die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch sagte, sie habe viele von Wolfs Büchern gelesen, darunter "Der geteilte Himmel" und "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Linken-Vorsitzender Klaus Ernst bezeichnete Wolf als eine mutige Frau, eine große Schriftstellerin und eine moralische Instanz für viele in Ost und West. "Ich weiß noch, wie ich vor vielen Jahren ihr Buch 'Kindheitsmuster' förmlich verschlungen habe", erinnerte sich Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU). Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth würdigte Wolf als "eine der eindrucksvollsten Frauen unseres Landes".

"Ihre Literatur hat die Menschen in unserem Land bewegt und begeistert und zum Nachdenken gebracht", sagte Bundespräsident Christian Wulff am Donnerstag in Berlin. Damit habe Wolf "die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen" widergespiegelt.

vks/dpa/dapd



insgesamt 27 Beiträge
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systembolaget 01.12.2011
1. Und wieder ergehen sich unsere höhergestellten...
Personen aus der Politik, die wahrscheinlich nichts von Christa Wolf gelesen haben, in hohlen Phrasen, anstatt einfach mal den Wittgenstein zu machen. http://www.youtube.com/watch?v=zYram1PLjIA
Annika Hansen, 01.12.2011
2. ...
Hier ist es. Dieses steinernen Löwen haben sie angeblickt. Im Wechsel des Lichts scheinen sie sich zu rühren. Der letzte Satz aus Christa Wolfs Erzählung "Kassandra", für immer wird er mir im Gedächtnis haften bleiben. Und dieser Satz ist gerade ein examplarisches Beispiel dafür, was die Kunst von Christa Wolf ausmachte. Hinter der Geschichte verbargen sich noch weitere Geschichten. Man musste aufmerksam zwischen den Zeilen lesen können. Keine Literatur zur Entspannung, Literatur zum Denken, zum Nachdenken und zum Weiterdenken. Danke Frau Wolf.
Brand-Redner 01.12.2011
3. Es werden immer weniger...
Zitat von sysopMoralische Instanz und Identifikationsfigur: Mit Christa Wolf ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit gestorben. Ehemalige Weggefährten, Kulturschaffende und Politiker zeigten sich am Donnerstag bestürzt über die Todesnachricht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,801107,00.html
Natürlich ist das ein Verlust für die deutsche Literatur, die mit vergleichbaren Autorinnen nicht gerade überreichlich gesegnet ist. Erstaunlich allerdings, wie viele Politiker unterschiedlichster Coleur sich in ihrer Betroffenheit einig sind wie sonst selten! Ist das wirklich bloß Show oder steckt mehr dahinter? Hat es am Ende vielleicht etwas mit typischen Eigenschaften Wolf'scher Prosa zu tun: Vieldeutig wie selten eine, gelang es ihr, hinter so meisterhaften wie anstrengenden Sprachkonstrukten Botschaften durchschimmern zu lassen, die jeder auf seine Weise deuten konnte. Andererseits machte dies vielleicht gar den Reiz ihrer Romane, Erzählungen & Essays aus. Und den wird man womöglich in der künftigen deutschen Literatur vermissen, ganz abgesehen von der Persönlichkeit dieser Autorin.
F.X.Fischer 01.12.2011
4. Moralische Instanz?
Zitat von sysopMoralische Instanz und Identifikationsfigur: Mit Christa Wolf ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit gestorben. Ehemalige Weggefährten, Kulturschaffende und Politiker zeigten sich am Donnerstag bestürzt über die Todesnachricht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,801107,00.html
Nur mal angenommen, in der BRD ginge eine Partei daran, sämtliche andere Parteien zu verbieten, Andersdenkende Einzusperren, Kinder und Jugendliche von Klein an in Parteiverbänden zu indoktrinieren, die Medien gleichzuschalten, eine Mauer und Selbstschussanlagen zu bauen und an der Seite eines zigmillionenfachen Massenmörders an der Weltrevolution zu arbeiten! Wäre es hier nicht das allermindeste für eine "moralische Institution" aus dieser Partei sofort auszutreten und öffentlich gegen diese die Stimme zu erheben. Sich für die Verfolgten und Inhaftierten einzusetzen. Unrecht und Willkür zu benennen und öffentlich und lautstark anzuklagen!? Christa Wolf hat dies nicht getan, - beschämend und umso schwerer wiegt, da sie doch durch ihre Prominenz im Gegensatz zu vielen anderen weitestgehend geschützt war! Warum zum Teufel also "moralische Instanz"?
Hubert Rudnick 01.12.2011
5. Christa Wolf
Zitat von sysopMoralische Instanz und Identifikationsfigur: Mit Christa Wolf ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschen Nachkriegszeit gestorben. Ehemalige Weggefährten, Kulturschaffende und Politiker zeigten sich am Donnerstag bestürzt über die Todesnachricht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,801107,00.html
Ein große Frau ist von uns gegangen, die viele Irrungen und Wirrungen in ihrem Leben durchlaufen hatte. Sie hat aber die falschen Wege die auch sie gegangen war erkann und sich der Zukunft zugewendet. Sie ist eine Mahnerin der Gesellschaft gewesen, so wie auch einige ihre westdeutschen Kollegen es waren und auch sie waren mit sich nicht immer ehrlich, auch sie konnten und wollten ihren falschen Weg nicht öffentlich zugeben. Aber gibt es denn da bei den Christen nicht einen Spruch: "Wer ohne Sünde ist der werfe den ersten Stein". Sicherlich sind das nur Sprüche die nie wirklich eine echte Bedeutung mit sich zogen, aber sollten wir denn nicht viel mehr über uns sebst nachdenken und kritisch zu uns sein, als dass andere dann über uns herziehen? Christa Wolf hat dieses System was sie eigentlich verinnerlicht hatte auch kritisiert und gezeigt, dass man so nicht weitermachen konnte. Wir alle sollten aber auch zugeben können wenn wir erkennen, dass unserer Weg falsch war und daraus so wie es Christa Wolf tat unsere Schlüsse ziehen. HR
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