Empörung über Israel-Gedicht Reich-Ranicki attackiert Grass

Die Liste der Grass-Gegner wird um einen bedeutenden Namen länger: Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete dessen Israel-Gedicht als ekelhaft, es sei politisch und literarisch wertlos. "Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren."
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: "Ein ekelhaftes Gedicht"

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: "Ein ekelhaftes Gedicht"

Foto: dapd

Frankfurt am Main/Hamburg - Jetzt hat sich auch Deutschlands bekanntester Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu dem umstrittenen Gedicht "Was gesagt werden muss" geäußert - und dessen Autor dabei heftig kritisiert. Günter Grass stelle "die Welt auf den Kopf", sagte Reich-Ranicki im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Es sei "ein ekelhaftes Gedicht", politisch und literarisch zudem wertlos.

"Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil. Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren", sagte Reich-Ranicki, der aus einer jüdischen Familie stammt. Das Gedicht sei ein geplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden.

Grass hatte der israelischen Regierung in seinem am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Gedicht vorgeworfen, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Dabei geht es vor allem um die Möglichkeit eines Präventivschlags Israels gegen iranische Atomanlagen. Seine Zeilen hatten Grass harsche Kritik und den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.

Reich-Ranicki betonte, Grass sei kein Antisemit, aber er spiele gezielt auf antisemitische Neigungen in Teilen der Bevölkerung an. Darum mache ihm das Gedicht auch Angst.

"Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit"

Mit seinen deutlichen Worten reiht sich Reich-Ranicki in eine inzwischen lange Liste von Grass-Kritikern ein. Der Dramatiker Rolf Hochhuth griff im "Münchner Merkur" Grass direkt an: "Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen", schrieb er in einem offenen Brief, den "Münchner Merkur" und "Die Welt" am Samstag veröffentlichten.

Der US-Autor Daniel Jonah Goldhagen nannte Grass in der "Welt" einen "Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit". Mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" kaue Grass, "nicht anders als jene am Stammtisch, die kulturellen Klischees und Vorurteile seiner Zeit" durch, schrieb Goldhagen in dem Essay.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle schaltete sich ebenfalls in die Debatte ein. "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd", schreibt der FDP-Politiker in einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag". Iran habe zwar das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie, nicht jedoch das Recht auf atomare Bewaffnung. "Wer die davon ausgehende Bedrohung verharmlost, verweigert sich der Realität", schreibt Westerwelle.

Zuvor hatte der israelische Historiker Tom Segev dem Literaturnobelpreisträger vorgeworfen, seine Kritik an Israel sei substanzlos. Auch habe Grass keineswegs ein Tabu gebrochen, indem er das israelische Kernwaffen-Arsenal thematisiere. In Israel werde seit Monaten über einen präventiven Militärschlag diskutiert, "Grass fügt dem nichts hinzu", schrieb Segev in der "Berliner Zeitung". Im gleichen Blatt bezeichnete der Schweizer Historiker Raphael Gross die Verse als "Hassgesang".

Grass selbst zeigte sich ob der heftigen Kritik gekränkt. Er habe zwar mit heftigen Reaktionen gerechnet, sagte er der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). Doch nicht damit, dass ihm wegen des Israel-kritischen Gedichts Antisemitismus vorgeworfen werde. "Darüber bin ich enttäuscht." Wenn er das Gedicht noch einmal schreiben würde, würde er "den pauschalen Begriff Israel vermeiden und deutlicher machen, dass es mir um die derzeitige Regierung Netanjahu geht", sagte Grass der "SZ". Diese kritisiere er, weil sie Israel immer mehr Feinde schaffe und das Land isoliere.

Lob aus Iran

Für Begeisterung sorgte das Gedicht hingegen in Iran. "Dieses Gedicht wird zweifellos dazu beitragen, dass auch das schlafende Gewissen des Westens nun aufweckt wird", schrieb der iranische Vizekultusminister Dschawad Schamghadri dem 84-Jährigen in einem Brief, der in iranischen Medien zitiert wurde.

Auch die deutsche Friedensbewegung nahm Grass für sein umstrittenes Israel-Gedicht in Schutz. Er habe damit dazu beigetragen, das Bemühen um eine friedliche Lösung im Iran-Konflikt "wieder auf die Tagesordnung zu setzen". In Form eines Gedichtes nahm der Mitbegründer der Ostermärsche, Andreas Buro, für die Dachorganisation Kooperation für den Frieden am Samstag Stellung zu der Diskussion um das Grass-Gedicht.

aar/dpa/AFP
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