Reich-Ranicki über Walser "So ein erbärmliches Buch"

Jetzt zieht der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über den neuen, noch unveröffentlichten, Roman Martin Walsers her. Bei der Lektüre habe er "als Betroffener" allerdings keine Wut, sondern Mitleid mit Walser empfunden. Walser bestätigte unterdessen, Reich-Ranicki in seinem Buch karikieren zu wollen. Den Skandal sah er bereits voraus.


Kritiker Reich-Ranicki: "Miserable Literatur"
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Kritiker Reich-Ranicki: "Miserable Literatur"

Schon im Februar gab sich Martin Walser in einem Interview mit der Zeitschrift "Bunte" geheimnisvoll. "Bereits der Titel ist skandalös, deshalb verrate ich ihn nicht", weckte er Neugier auf seinen nächsten Roman. Die Brisanz seines Sujets muss dem Schriftsteller demnach schon damals bewusst gewesen sein. Deshalb dürfte ihn eigentlich nicht verwundern, welches Echo ihm jetzt von seinem Roman-Opfer entgegen schallt, dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

"Walser hat noch nie so ein erbärmliches Buch geschrieben", kritisierte der den Schriftsteller am Donnerstag. Er fühle sich als "Betroffener", klagte Reich-Ranicki in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Der Literaturkritiker warf Walser vor, "leicht erkennbare Personen lächerlich zu machen und teilweise zu denunzieren". Kurzum, es herrscht eine Art Krieg alter Männer.

So ist es kein Wunder, dass der frühere FAZ-Feuilletonchef die Entscheidung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" für folgerichtig hält, das Buch nicht abzudrucken. Der FAZ- Herausgeber Frank Schirrmacher habe in seinem Offenen Brief an Walser "das Nötige klar gesagt", meinte Reich-Ranicki. Zu der Frage nach antisemitischen Untertönen in Walsers Roman wollte Reich-Ranicki sich nicht äußern. "Ich bin schließlich der Betroffene." Das Buch enthalte sogar mehrere seiner Äußerungen.

"Keine Wut, sondern Mitleid"

"Ich habe viele Bücher von ihm gelobt und Jahrzehnte lang an sein Talent und seine Redlichkeit geglaubt", sagte Reich-Ranicki, der bislang generell eher zu den Kritikern Wasers zählte. Bei der Lektüre des Romans mit dem Titel "Tod eines Kritikers" habe er keine Wut, sondern Mitleid verspürt, sagte Reich-Ranicki. "Walser stellt sich wieder einmal als Opfer dar." Ein Gespräch mit Walser lehnte Reich-Ranicki ab: "Ich halte nichts davon, dass mir ein Autor sein Werk erklärt. Der Text muss für sich selbst stehen." Besprechen wolle er es auch nicht, weil das literarische Niveau aus seiner Sicht zu niedrig sei.

Zuvor hatte Reich-Ranicki den Walser-Roman bereits in der "Neue Zürcher Zeitung" als "miserable Literatur" bezeichnet und eine erste Romanlektüre mit den Worten "es ist wirklich ungeheuerlich" kommentiert.

Walser bestätigt Karikatur Reich-Ranickis

In Interviews mit mehreren Tageszeitungen bestätigte Martin Walser unterdessen, dass er in seinem Roman den Literaturkritiker Reich-Ranicki bewusst parodiert habe. Er wies aber Vorwürfe des Antisemitismus zurück. "Ja, klar", beantwortete Walser die Frage der "taz", ob er Reich-Ranicki karikiere. Es liege "auf der Hand", dass man in seiner Romanfigur den Genannten erkenne: "Man darf in der Literatur jede beliebige öffentliche Figur parodieren, warum nicht Reich-Ranicki?", fragte Walser in der "Welt". Es gehe ihm aber nicht darum, "Reich-Ranicki oder einen anderen Kritiker in meinem Roman anzugreifen, weil sie Juden sind". Dies liege nicht in seinem Interesse. "Mir geht es darum, wie so eine Figur wie Reich-Ranicki seine Macht im Literaturbetrieb ge- und missbraucht", beschreibt Walser seinen Ansatz.

Hart geht er dabei mit der öffentlichen Absage des "FAZ"-Herausgebers Frank Schirrmacher ins Gericht, seinen neuen Roman nicht vorab abzudrucken. "Er hat eine Exekution versucht", wirft Walser Schirrmacher in der "taz" vor und bezichtigt ihn, seinerseits in Einzelformulierungen "antisemitisch" zu sein und einen "elenden Artikel" geschrieben zu haben.

"Was ich jetzt erfahre, ist Machtausübung"

Wirft der FAZ jetzt "reine Willkür" vor: Martin Walser
DDP

Wirft der FAZ jetzt "reine Willkür" vor: Martin Walser

In einem Interview mit dem Radiosender MDR Kultur bekräftigte Walser am Donnerstag erneut, eine Strafanzeige gegen die "FAZ" wegen Verleumdung zu erwägen. "Ich muss mal sehen, was ich da für juristische Chancen habe", sagte der Autor. Er begreife nicht, was da gerade passiert, und halte die Anschuldigungen der "FAZ" für "reine Willkür". "Ich habe ein Buch geschrieben gegen Machtausübung im Kulturbetrieb, und das Erste, was ich jetzt erfahre, ist Machtausübung", sagte er dem Radiosender. Walser bekräftigte, dass er nichts an seinem Roman ändern wolle. "Ich habe die Hoffnung, dass die lesende Welt nicht aus lauter Schirrmachers besteht", lästerte er.

Verlegerlob für FAZ

Unterdessen warf der Verleger des Berliner Aufbau-Verlags, Bernd Lunkewitz, dem Schriftsteller Martin Walser vor, mit seinem noch unveröffentlichten Roman gezielt einen verkaufsfördernden Eklat provoziert zu haben. "Das war Kalkül des Autors", sagte Lunkewitz. Walsers Taktik der "gezielten Regelverstöße" sei ein Marketingtrick, um die Auflage in die Höhe zu treiben. "Die ganze Story schmeckt nach Judenfeindschaft", meinte der Verleger. Ohne Eklat würden von dem Buch vielleicht 5000 Exemplare verkaufen werden, schätze Lunkewitz, "jetzt kann Walser mit 100 000 Exemplaren und mehr rechnen".

Der Verleger sagte, bei nur stillschweigender Ablehnung des Romanvorabdrucks durch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wäre schnell von einer "jüdischen Lobby" die Rede gewesen, die das Buch habe verhindern wollen. Deshalb sei die Entscheidung der "FAZ", den Abdruck in einem Offenen Brief des Herausgebers Frank Schirrmacher wegen "antisemitischer Klischees" in dem Buch abzulehnen, richtig gewesen, meinte Lunkewitz.

Nachkorrektur beim Verlag?

Unterdessen nutzt der Suhrkamp Verlag den ausgebrochenen Rummel um das Walser-Buch für eine Offensive und gibt das Manuskript an interessierte Medien heraus. Es gehe darum, allen Journalisten den "gleichen Informationsstand zu ermöglichen, damit sie wissen, worüber sie sich erregen", sagte die Verlagssprecherin Heide Grasnick am Donnerstag in Frankfurt. Es seien bereits weit über hundert Anfragen eingegangen. Der Erscheinungstermin des Romans soll zudem von August auf Juni vorgezogen werden.

Die Sprecherin betonte, dass es sich bei dem jetzt freigegebenen Text nicht um die definitive Druckvorlage handele, denn die Fahnen werden wie bei jedem Suhrkamp-Buch noch Korrektur gelesen. Eine inhaltliche Korrektur sei damit aber nicht mehr verbunden, stellte sie erste Meldungen klar. In einem Interview mit der "Welt" hatte am Vortag Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg missverständlich auf die Frage geantwortet, "In welchem Zustand ist das Manuskript eigentlich?". Bergs Antwort: "Es war nicht zitierfähig, es ist zitiert worden. Damit ist es leider in einem Zustand in der Welt, in dem wir es nie in der Welt haben wollten".

Spiegelt das Buch nur die Wirklichkeit?

Die "FAZ" hatte allerdings schon 20 Tage zuvor eine fertige "Entscheidungsvorlage" zum Vorabdruck erhalten. Damit sollte ursprünglich in zwei Wochen begonnen werden. "Das, was wir hatten, sollten wir drucken", verlautete aus der "FAZ"-Redaktion. Dies sei aber nur "eine halbe Wahrheit", hieß es aus dem Suhrkamp-Verlag. Denn selbstverständlich sollte die Zeitung für ihre Veröffentlichung noch eine weitere, nochmals Korrektur gelesene Text-Datei erhalten. Inhaltlich hätte sich der Roman dann aber nicht mehr geändert.

Daraus folgt: Die inhaltliche Provokation wäre geblieben. Aber nun läuft der fiktive Roman sogar mit der Wirklichkeit um die Wette. Trotz aller internen Aufregung im Suhrkamp-Verlag (am Dienstagabend sollte der FAZ- Bericht Frank Schirrmachers noch gerichtlich gestoppt werden), kann der Rummel Walser nur gefallen. Die Realwelt erfüllt alle Klischees, die er klischeehaft beschreibt.

Holger Kulick



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