Reisebuch "Sibirski Punk" Discofox und Baikalgras

Wenn die russische Seele besungen wird, ist Kitsch oft tonangebend. Merle Hilbks Russland-Reisebuch ist da ein perfektes Gegenmittel: Die Autorin riskierte Kopf, Kragen und Vorurteile - und erzählt spannend vom wilden Osten.

Von Reinhard Mohr


Früher, in den guten alten Zeiten, als man noch nicht bei "Sabine Christiansen" über Geburtenschwund und Ausländerintegration diskutieren musste, fuhren nur Männer in die große weite Welt, um ferne Kontinente zu entdecken und fremde Völker zu studieren. Das reichte. Wenn es mit den Fremden Probleme gab, wurden sie unterworfen, manchmal gleich ganz ausgerottet. Schrecklich, aber praktisch.

Autorin Hilbk: "Mit Burjaten Baikalgras rauchen"

Autorin Hilbk: "Mit Burjaten Baikalgras rauchen"

Doch schon Alexander von Humboldt (1769 - 1859) war kein Eroberer und Kreuzritter mehr, sondern ein Forscher und Entdecker, der die Welt verbessern wollte. Aber es dauerte noch einmal über hundert Jahre, bis auch Frauen alleine und in friedlicher Absicht loszogen, um sich in der Welt umzuschauen.

Seit einigen Jahren berichten auffallend viele Journalistinnen und Autorinnen aus Kriegs- und Katastrophengebieten, von abgelegenen Erdteilen und vergessenen Regionen, schlagen sich auf eigene Faust durch Pampa, Urwald und Hochgebirge und porträtieren Menschen, von denen noch niemand etwas gehört hat. Oft beweisen sie dabei mehr Mut und Neugier als ihre männlichen Kollegen.

Abenteuerlicher Plan

Eine von ihnen ist Merle Hilbk, 36. Das Reise- und Entdeckerfieber erwischte sie zuletzt in einer Hamburger WG-Küche zwischen Pastaresten und halbleeren Rotweinflaschen. Man diskutierte, wie gewohnt, über die SPD, Joschka Fischers Metamorphosen und die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Das tägliche Luxuselend der debattierenden Kreise.

Plötzlich fing Mischa, ein Russlanddeutscher, zu singen an: "A kak perwaja ljubow, ona serdze sschot." Also über die erste Liebe, die das Herz verbrennt, über eine Tänzerin in der nächtlichen Steppe, Melancholie und Rock 'n' Roll. Und da war sie wieder, die viel beschworene russische Seele, fremd, geheimnisvoll, magisch anziehend. Der Gedanke des Augenblicks war geboren: Sie musste doch an Ort und Stelle zu finden sein, diese Seele, dieses eigentümliche und so schwer fassbare Lebensgefühl, das noch nicht in der westlichen Wohlstandsgleichgültigkeit ertrunken ist.

Also nichts wie hin - und weg aus Eimsbüttel. Im Sommer 2004 erwarb Hilbk, die in den Jahren davor für "Zeit" und "Geo" schon aus Korea, der Mongolei und Kasachstan berichtet hatte, ein Flugticket der "Air Sibir" nach Nowosibirsk, wo sie wenig später Grigori, der offizielle "Gastgeber", leitender Manager des Instituts für Nuklearphysik, in Empfang nahm. Natürlich ist Grigori der Cousin eines Studienfreundes ihres russlanddeutschen Großonkels.

Punker und Buddhismusforscher

Segensreiche "Verwandtschaft". "Blat" heißt das, Vetternwirtschaft. Sie regelt fast alles in Russland. So wurde Grigoris Datscha im Grünen zur Startbasis ihrer viermonatigen Forschungsreise. Von dort aus ging es mit Überlandbussen, Fähren, Lada-Jeeps und, klar, mit der Transsibirischen Eisenbahn weiter, immer weiter, ins Altai-Gebirge und an den Baikalsee, nach Irkutsk und Ulan Ude. Auf einem Betriebsausflug des Atomforschungszentrums lernt sie Sascha kennen, einen selten schüchternen Russen, später eine Schamanin namens Swetlana, die Gründerin des ersten russischen Frauenautoclubs mitsamt ihren "Baikal-Amazonen".

Hilbk-Buch "Sibirski Punk": Unprätentiöse Genauigkeit

Hilbk-Buch "Sibirski Punk": Unprätentiöse Genauigkeit

Sie trifft den Manager der ostsibirischen Punkband "Orgasmus Nostradamus", einen jungen traumatisierten Tschetschenien-Veteranen und eine Buddhismusforscherin. Sie durchstreift triste Industrievorstädte und sitzt in Bars, in denen es nicht einmal schlechten Kaffee gibt.

Alles in allem also ziemlich genau das, was sie wollte. "Ich wollte mich in Plattenbauten, Datschen und Ferienhütten einmieten, mit Russen Discofox tanzen, mit Burjaten Baikalgras rauchen und mit Wissenschaftlern über die Weltläufte diskutieren. Und am Ende hoffentlich das finden, was mich immer weiter gen Osten trieb." Wer jetzt voreilig aufstöhnt - beim heiligen Tolstoi! romantische Naivität und westeuropäischer Russensehnsuchtskitsch! - der liegt falsch. Ganz falsch.

Detailaufnahme statt Postkarte

Denn anders als etwa Klaus Bednarz, dessen filmische Gesänge vom Baikalsee und anderen Projektionsflächen deutscher Russenbegeisterung zum größten Teil bewegte Ansichtskarten im Breitwandformat sind, beschreibt Hilbk eine Reise, die weit mehr ist als ein später (Selbst-) Erfahrungstrip.

Gerade die zivile Nüchternheit ihrer Prosa hebt die grandiosen poetischen Momente hervor, die unprätentiöse Genauigkeit ihres sprachlichen Ausdrucksvermögens liefert ein äußerst anschauliches Bild Sibiriens. Und obwohl die Autorin in der "Ich"-Form schreibt, erliegt sie nicht dem Ego-Terror der inzwischen verflossenen Popliteratur. Anders als die Generation Schnösel, die jede kommerziell organisierte Release-Party eines singenden Pop-Bürschleins zur Selbstadelung des puren Dabeiseins benutzt, verbindet Hilbk ihre inneren und äußeren Erlebnisse ohne jede Peinlichkeit zu einer Erzählung, die unterhält und fesselt.

Das Beste aber: Gerade jene bornierten Zeitgenossen, deren Sehnsuchtsorte eher rund ums Mittelmeer verteilt sind, irgendwo zwischen Malaga, Côte d'Azur und der Steilküste von Amalfi, können sich mit "Sibirski Punk" genussvoll ins Bett oder aufs Sofa zurückziehen, um von dort aus (fast) alle Klischees über den unermesslich weiten, rauen Wodka-getränkten Osten Russlands bestätigt zu finden. Nur die extrem kurzen Miniröcke der aufgebrezelten jungen Frauen, die im kurzen und heißen Hochsommer Sibiriens durch die Taiga stöckeln, könnten auch männlich-mediterrane Schwarmgeister des Dolce Vita vom heimischen Sofa weglocken. Doch auch dieser Reflex dauert nur ein paar Sekunden.

Nicht die Autorin jedoch verbreitet solche Klischees - nein, es ist der Leser, der ihr wie mit einer auf der Schulter befestigten Handkamera folgt und seine wohlige Seelenruhe darin findet, all das nicht selbst erlebt haben zu müssen. Die Autorin hat sich für ihn, den feigen, bequemen, ressentimentgeladenen und verwöhnten Leser geopfert. Die russische Seele aber bleibt ein ewiges Geheimnis.


Merle Hilbk: "Sibirski Punk. Eine Reise in das Herz des wilden Ostens". 255 Seiten, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, 17,90 Euro





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