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19. Juli 2010, 08:37 Uhr

Religions-Comics

Blasphemie und letzte Fragen

Von Jörg Böckem

Wenn ein Werk "Die Chroniken von Wormwood" heißt und von der Freundschaft zwischen Gottes und Satans Sohn handelt, ist nicht viel Ehrfurcht zu erwarten. Auch zwei weitere Comics zollen Gott wenig Respekt.

Auch wenn die Sympathiewerte der katholischen Kirche nach zahlreichen Skandalen vielerorts, sagen wir, in etwa bei denen von der Bahn rangieren, erfreut sich Gott nebst Anhang im Comic großer Beliebtheit - "Prototyp", Ralf Königs Interpretation der Schöpfungsgeschichte wurde auf dem Comicsalon in Erlangen ausgezeichnet, und aktuell spielen Gott oder sein eingeborener Sohn in drei höchst unterschiedlichen Comics eine Hauptrolle.

Ziemlich übel wird Gott & Co. in "Die Chroniken von Wormwood" mitgespielt. Das neueste Werk des irischen Erfolgsautors Garth Ennis erzählt die Geschichte von Danny Wormwood, seines Zeichens Sohn Satans und einer Sterblichen, der Antichrist. Statt den Willen seines Vaters zu erfüllen und den Weltuntergang herbeizuführen, produziert er TV-Serien und trinkt mit seinem Kumpel Jesus Christus in einer Bar. Jesus, dessen zweiter Versuch, die Menschheit zu retten, katastrophal schiefging, ist ein wenig durcheinander im Kopf, seit ihn Polizisten des LAPD nach einer öffentlichen Predigt den Schädel eingeschlagen haben.

Ennis verdankt seine Popularität der fulminanten Serie "Preacher" um einen vom Glauben abgefallen Priester auf der Suche nach Gott verdankt; nun geht er wieder in die Vollen: Gott, von der Enttäuschung ob seiner eigenen Schöpfung in den Irrsinn getrieben, ist ein geifernder, alter Onanist, der Papst ein widerlicher, sexistischer Mistkerl und seine Kardinale paranoide Kinderschänder - eine wunderbar obszöne, blasphemische Groteske.

Kluge Reflexion und schrulliges Vergnügen

Der Franzose Marc-Antoine Mathieu geht zurückhaltender und feinsinniger, aber nicht minder radikal zu Werke. In "Gott Höchstselbst" erzählt er, wie der Schöpfer menschliche Gestalt annimmt. Mathieu schildert, ohne das Gesicht Gottes je im Bild zu zeigen, klug und pointiert, wie Gott, nachdem er anfängliche Zweifel an seiner Menschwerdung beseitigen konnte, zunächst philosophische und wissenschaftliche Diskussionen befeuert, dann zum Medienspektakel und Markenartikel avanciert und schließlich als Verantwortlicher für alles Übel in der Welt vor Gericht landet. Eine wunderbare Reflexion über den Menschen, die Mediengesellschaft und letzte Fragen.

Fragen ganz anderer Art widmet sich Gott, hier eine Art gestreifter Schokokuss mit Armen und Beinen, in Aike Arndts abstrus lustigem Cartoon-Band "Die Zeit und Gott". Hier diskutiert Gott mit seinem Kumpel, dem Mond, über die Qualität von Schuhen aus Seelenheil, außerdem erfahren wir, warum Gott manchmal einen Bikini trägt und dass er die Zeit schuf, damit seine Geranien wuchsen und vor allem, damit der erste Mensch, Rolf, der Gott ziemlich auf die Nerven ging, endlich starb - ein charmant-schrulliges Vergnügen.

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