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Marvel Comics: Superhelden in der Krise

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Revolution bei Marvel Comics Die Macht der Nummer eins

Superhelden wie Spider-Man oder The Avengers sind erfolgreicher denn je - im Kino. Aber wer kauft noch Comic-Hefte? Und wie bindet man ein neues Publikum ans alte Medium? Beim Marktführer Marvel versucht es Chefredakteur Axel Alonso mit digitalen Tricks und riskantem Relaunch.

Spider-Man hat Stress. Ein pickliger Teenager, der in der Highschool nur gehänselt wurde, ist plötzlich der mächtigste Superheld auf Erden und bezeichnet den altgedienten "Webslinger" großspurig als Sidekick. Unverschämtheit. Noch schlimmer: Spider-Man alias Peter Parker hat den Rotzlöffel namens Alpha auch noch selbst erschaffen - und muss nun zusehen, dass er ihn wieder unter Kontrolle bekommt. All das spielt sich auf den Seiten der jüngsten Ausgaben von "The Amazing Spider-Man" ab, einem der ältesten und erfolgreichsten Comics des New Yorker Marvel Verlags. Und dann ist da auch noch Parkers Erzfeind Lizard, der mal wieder Böses im Schilde führt. Und warum? Weil die fiese Echse auch im jüngsten Spider-Man-Kinofilm eine tragende Rolle spielt. Man nennt das Synergie, und die ist im Marvel-Universum in diesen Tagen wichtiger denn je.

Das weiß auch Axel Alonso. Seit 2011 lenkt der 46-Jährige als Chefredakteur die Geschicke von Marvel Publishing, der Verlags-Sparte, die das kreative Rückgrat des 1939 als Timely Comics gegründeten Unternehmens bildet, das Superhelden wie Spider-Man, Die Fantastischen Vier, The Avengers, Hulk und X-Men hervorgebracht hat. Zwischen 60 und 90 Comics, klassische Hefte mit 22 Seiten ebenso wie "Trades" genannte Sammelbände und Hardcover-Ausgaben, erscheinen jeden Monat bei Marvel. Doch seit Jahren sinken die Verkaufszahlen.

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"Marvel NOW!": Re-Evolution der Superhelden

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Die digitale Revolution und mit ihr die Piraterie hat auch die Comic-Branche schwer getroffen: Immer weniger Leser sind bereit, mehrere Comics im Monat zu kaufen, bei Preisen zwischen drei und vier Dollar pro Heft kein Wunder. Jeder Fan, der durch einen Avengers-, Thor- oder Spider-Man-Film dazu verleitet wird, auch einen Comic des Lieblingshelden zu kaufen, ist ein wichtiger neuer Leser. Aber wie schafft man es, die Filmfans ebenso wie die treuen, mit Marvel erwachsen gewordenen Kenner und Sammler gleichermaßen zufriedenzustellen - und am Ende auf einem unaufhaltsam schrumpfenden Markt auch noch Profit zu erwirtschaften? Wird es in zehn Jahren überhaupt noch monatliche Hefte wie "The Amazing Spider-Man" geben, von dem momentan solide 50.000 Exemplare verkauft werden?

"Ja, definitiv, davon bin ich fest überzeugt", sagt Alonso. "Wir stehen vor Veränderungen, auch das ist sicher, aber gerade, was Comics betrifft, wo es einen hohen Sammleranteil unter den Lesern gibt, werden Hefte und Bücher relevant bleiben. Die nächsten 30, 40 Jahre wird es gedruckte Comics geben, ganz sicher."

Alles auf Anfang gesetzt

Um genau das zu gewährleisten, baut Alonso fast das gesamte Comic-Programm von Marvel um. Im Zuge einer großspurig als "Re-Evolution" angekündigten "Marvel NOW!"-Initiative werden nahezu alle Heft-Serien mit neuen Autoren und Zeichnern sowie einer frischeren, bunten Optik ausgestattet und jeweils mit der Heftnummer eins inhaltlich auf null gesetzt. Serien wie "Uncanny Avengers", "Captain America", Iron Man", "Die Fantastischen Vier" oder "All New X-Men" starten komplett neu. Sogar "The Amazing Spider-Man", seit 50 Jahren einer der erfolgreichsten Titel im Marvel-Programm, wird im Dezember mit der laufenden Nummer 700 enden und als "Superior Spider-Man" neu beginnen.

Zur Vorbereitung erschien im Sommer die 13-teilige Heftreihe "Avengers vs. X-Men", in der die beiden beliebtesten Helden-Teams in einem apokalyptischen Szenario gegeneinander antreten mussten. Die Konsequenzen dieser epischen Schlacht haben den Kosmos der Marvel-Heroen so nachhaltig verändert, dass die Story-Neuanfänge plausibel dargestellt werden können. Die Reihe gehört zu den erfolgreichsten Superhelden-Comics des Jahres, einzelne Ausgaben verkauften bis zu 200.000 Exemplare, DCs Top-Titel "Batman" liegt, zum Vergleich, stabil bei rund 125.000 Einheiten pro Monat.

"Man darf nie die Macht einer Nummer eins unterschätzen", sagt Alsonso. Er sitzt in seinem kleinen, für einen Chefredakteur recht engen Büro im siebten Stock eines unauffälligen Gebäudes in der 50. Straße, Midtown Manhattan. Marvel, das einst im Empire State Building, an der schicken Madison und an der Fifth Avenue residierte, hat sich hier 2010 auf knapp 6000 Quadratmetern eher bescheiden eingerichtet. Zwar weist im Flur der 7. Etage eine knallbunte Wand voller Helden den Weg zu den Büros, doch der langgestreckte Großraum, in den der Gang mündet, macht auf den ersten Blick nicht unbedingt den Eindruck, als entstünden hier allmonatlich actiongeladene Comics mit kosmischen Abenteuern. Es herrscht die konzentrierte, nüchterne Betriebsamkeit einer gewöhnlichen Redaktion.

Rund 640 Millionen Dollar werden mit Comics umgesetzt

Alonso ist in 15 Jahren erst der dritte Chefredakteur, der den Posten der Legende Stan Lee übernommen hat. Der Sohn einer Britin und eines Mexikaners übernahm den brisanten Job im vergangenen Jahr von Joe Quesada, der jetzt als Chief Creative Officer über Alonsos redaktionelle Entscheidungen wacht. Quesada war es, der Marvel mit einem beherzten Strategie-Wechsel vor dem Ruin bewahrte, denn als Axel Alonso vor zwölf Jahren vom Erzkonkurrenten DC Comics, Heimat von Superman, Batman und Wonder Woman, zu Marvel wechselte, stand die traditionsreiche Heldenschmiede kurz vor dem Konkurs. Quesada setzte auf inhaltliche Qualität, klaubte sich bei der Konkurrenz Story-Talente wie Ed Brubaker, Mark Millar, Brian Michael Bendis oder Joss Whedon zusammen und paarte die Autoren mit neuen, herausragenden Zeichnertalenten.

Gleichzeitig wuchs das Geschäft mit den Kinofilmen: Sam Raimis "Spider-Man"-Filme, Bryan Singers "X-Men"-Reihe und schließlich die erfolgreiche "Iron Man"-Franchise unter dem neuen Marvel-Studios-Chef Kevin Feige spülten dringend benötigte Dollarmillionen in die leeren Kassen. 2009 kaufte Disney das allmählich gesundende Unternehmen für rund vier Milliarden Dollar. "The Avengers", der erste rein für Disney produzierte Marvel-Film, setze seit seinem Start in diesem Frühjahr weltweit 1,5 Milliarden Dollar um, Comics sind also nach wie vor ein lukratives Geschäft - zumindest im Kino.

Doch auch mit Heften und Büchern lässt sich Geld verdienen, die Frage ist nur, wie viel und wie nachhaltig. Rund 640 Millionen Dollar schwer ist der Comic-Markt, um die Marktführerschaft ringen Marvel und DC mit Anteilen um jeweils zwischen 30 und 35 Prozent. Im vergangenen Jahr ergriff DC die Initiative und setzte auf einen Schlag 52 Titel auf null, oder besser gesagt auf Nummer eins, denn Serien wie "Superman", diverse "Batman"-Reihen und Erfolgstitel wie "Justice League" bekamen einen Relaunch und damit einen einfacheren Einstieg für nachrückende Fans in die zum Teil komplizierten Handlungs- und Historien-Konstrukte der teils über Jahrzehnte gesponnenen Heldensagen. DCs Umsätze schnellten durch den Gewaltakt in die Höhe, bei Marvel musste man reagieren.

Den Vorwurf, die Konkurrenz zu kopieren, nur ein Jahr später, lässt Axel Alonso nicht gelten: "Bei uns wird es nicht in Ausgabe drei oder vier schon einen neuen Autor oder Künstler geben, das funktioniert nicht. Bei uns gibt es Kreativteams mit Langzeitplänen, deshalb wird auch unsere Trefferquote eine bessere sein als bei DC."

"Die Leute wissen überall, wer Spider-Man ist"

Dass Marvels Comic-Helden auch in heutiger Zeit noch faszinieren, ist für Alsonso selbstverständlich: "Zeigen Sie irgendwo auf der Welt ein Bild von Spider-Man herum: Die Leute werden wissen, wer das ist."

Damit das so bleibt, experimentiert Marvel intensiv mit Wegen, die digitale Welt mit Comics zu erobern. Über zunehmend erfolgreiche Web-Portale wie Comixology kann man die meisten Serien ohnehin schon käuflich erwerben und auf dem Computer oder Tablet dauerhaft speichern, Marvel fügt einigen Heften seit kurzem neben kostenlosen Download-Codes auch Augmented-Reality-Codes hinzu, hinter denen sich, so Alonso, "einige Extras verbergen, so wie die Special Features auf einer DVD". Als Bonus zur Bestseller-Reihe "Avengers vs. X-Men" gab es außerdem erstmals einige Ausgaben eines futuristischen Formats, "Infinite Comics" genannt: Animierte Panels für Tablet oder Mobiltelefon, die ineinanderfließen wie ein Film, aber trotzdem noch per Wischgeste linear geblättert werden müssen und über Sprechblasen verfügen.

Es ist der zaghafte Abschied vom starren Konzept der Einzelseite, auf der sich durch Leerräume getrennte Bilder befinden. "In zehn Jahren lachen wir wahrscheinlich über so etwas", sagt Alonso und gibt zu, keine Ahnung zu haben, was die digitalen Medien für Comics strukturell wie künstlerisch noch bedeuten können: "Es ist wie im Wilden Westen."

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