Jens Sparschuhs "Im Kasten" So komisch, dass es staubt

Seiner "literarischen Hochkomik" wegen für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, porträtiert Jens Sparschuh in seinem Roman "Im Kasten" einen verpeilten Biedermann - fragt sich nur, ob hier eher die Pointen oder die Flusen verschluckt werden.

Schriftsteller Jens Sparschuh: "Memento Moni"
Susanne Schleyer

Schriftsteller Jens Sparschuh: "Memento Moni"

Von Hans-Jost Weyandt


Wenn Wollmäuse durch die gute Stube schweben, reagiert Hannes Felix eher unkonventionell. Als Gatte verbietet er seiner Moni das Staubsaugen, weil er herausfinden möchte, wie die reale Nutzung der Wohnfläche sich an der unterschiedlichen Verteilung der Staubablagerungen im Raum ablesen lässt. Und als Ich-Erzähler von Jens Sparschuhs Roman setzt er die Wollmäuse und die gute Stube in Anführungszeichen, weil er, der seinen Hausstaub unterm Mikroskop studiert, den umgangssprachlichen Wörtern nicht trauen mag - vielleicht. Was in Hannes so vorgeht, lässt sich nur erahnen.

Selbst eine Wollmaus dürfte klarer strukturiert sein als das Denken dieses verpeilten Biedermanns, der mit missionarischem Enthusiasmus radikal Ordnung schaffen möchte im alltäglichen Chaos und dabei weniger den Dingen auf den Grund geht als der Sprache auf den Leim. Die "Wollmäuse" in der "guten Stube", gerade noch in Tüttelchen eingefangen, lässt er "davonhuschen", als seien sie kleine Tiere. Was heißt, als ob? "Leben" sie doch, so der Erzähler, unter dem Sofa, in Scharen!

Schmunzelkram dieser Art aus der humoristischem Mottenkiste liebt Hannes Felix ebenso wie das Verfassen von Denkschriften, etwa über das "Gesetz der größten Unordnung", mit denen er seine Kollegen traktiert. Vielleicht findet er im onkelhaften Scherzen einen Halt, während ihm die Welt und ihre Verknüpfung mit der Sprache entgleiten. Dass "Wörter und Dinge immer weniger zusammenpassten", hat er längst festgestellt, und um zu erklären, was er damit meint, verweist er auf den Markennamen seiner Unterhosen: Esprit. Auf Fips-Asmussen-Niveau rutschen seine Witzchen nur selten ab, häufiger sind sie bildungsbemüht. Mit der Kapitelüberschrift "Memento Moni" beginnt der Roman, der wegen seiner "literarischen Hochkomik" (Jury) für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, und dass nach diesem Kalauer die Gattin endgültig Reißaus nimmt, verwundert nicht.

Fortan hat Hannes jede Menge Zeit, sein Leben zu rekapitulieren: seine kurvige Karriere und seinen Kampf gegen das Durcheinander in der Welt, für den ihm die charmant verschnarchte Pleitefirma NOAH (Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme) ein ideales Betätigungsfeld an der Berliner Peripherie zu bieten scheint.

Doch was als Satire auf die Angestelltenwelt und die Neurosen, die sie produziert, beginnt, verebbt bald zu einer Abfolge von kurzatmigen Episoden. Und so liebevoll Jens Sparschuh bizarre Szenerien des fröhlich produzierenden Wahnsinns austüftelt, so brav zerlegt er sie in Häppchen, die von den Pointen restlos geschluckt werden. Die Erzählgegenstände verlieren dabei an realistischer Kontur und satirischen Reibungsflächen, und der Erzähler gleicht weniger einem Charakter als einem jener Comedy-Kunsttypen, die mit wenigen verhaltensauffälligen Attributen auskommen können, um ihre Themen durch den Witzwolf zu drehen.

Die pfiffige, aber wenig plausible Idee, Ordnungszwang und Witzeldrang in einer Figur zu vereinen, könnte vielleicht ein guter Komiker in einem Kurzauftritt glaubhaft vereinen, auf langer Strecke jedoch löst sich der Protagonist Hannes Felix in dem Maße auf, in dem sein Erzählen Kurzschlusspointen produziert. Seltsam körper- und leblos ist dieser Roman, und am Ende bleibt "Im Kasten" kaum mehr als verstaubter Humor.

Anmerkung: Bislang fanden Sie an dieser Stelle unsere Kolumnen "Romane des Monats" und "Krimis des Monats". Nun verlässt die Literatur ihr Gehege - Bücher werden auf SPIEGEL ONLINE ab sofort einzeln rezensiert.



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