Roman von Verena Lueken Im Königreich der Kranken

In Verena Luekens Buch "Alles zählt" erkrankt eine Deutsche in New York an Krebs - wieder einmal. Sie nimmt die Diagnose zum Anlass einer Inspektion ihrer Familiengeschichte, des Kinos und anderer wichtiger Dinge des Lebens.
Schriftstellerin und Filmkritikerin Verena Lueken: "Krebs, schon wieder"

Schriftstellerin und Filmkritikerin Verena Lueken: "Krebs, schon wieder"

Foto: Isolde Ohlbaum/ Kiepenheuer & Witsch

New York ist ein geliebter, aber auch verfluchter Ort für die Heldin dieses Buches, das von einem heißen Sommer in Harlem handelt und auf sehr kluge, elegante, furchtlose Art von der Nähe des Todes erzählt. Die aus Deutschland stammende Frau jenseits der Vierzig hegt ein merkwürdiges Zutrauen zu New York. Sie behauptet sogar, sie empfinde die Stadt zeit ihres Erwachsenenlebens "als einzige Heimat" - und doch wird ihr ausgerechnet in New York zum wiederholten Male eine Krebserkrankung diagnostiziert. Sie fragt sich: Wirkt vielleicht eben hier "eine schwarze Magie gegen sie?"

Die Autorin Verena Lueken, seit vielen Jahren Film- und Literaturkritikerin im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", protokolliert in "Alles zählt" die Gedanken einer Frau, die für ein paar Monate nach New York gekommen ist, um ihr Leben zu sortieren. Die Heldin verdient ihr Geld mit dem Schreiben von Reportagen und Kritiken und reist viel durch die Welt. Nun will sie damit Schluss machen und "an etwas Neuem arbeiten". Bis die Krebsdiagnose kommt. "Es war das dritte Mal in fünfzehn Jahren, ein vermutlich bösartiger Tumor in der Lunge. Zwei Mal hatte sie die Operationen ganz gut überstanden ... Sie hatte damals in New York gelebt, hatte die besten Ärzte, die besten Chancen. Dreizehn Jahre lang, auch als sie längst wieder in Deutschland wohnte, zeigten tatsächlich alle CTs keine Veränderung. Bis jetzt, wieder in New York."

"Alles zählt" ist kein Krankheitsbuch, obwohl darin von Schmerzen die Rede ist, die "schneidend, bohrend, drückend, kreischend, hämmernd, zischend, brüllend" sind, von nicht immer hilfreichen Medikamenten und einer Chirurgin "mit Eisenhänden". Die Erzählerin sucht nicht den fiebrigen Kampf mit der Krankheit, eher führt sie einen kaltblütigen Gedankenkrieg gegen das Sterbenmüssen überhaupt.

Kühl skizzierte Familiengeschichte

Sie denkt nach über die Spuren, die alle Menschen und insbesondere große Künstler in der Welt hinterlassen. Über die Musik von Sonny Rollins, eines Mannes, der mit seinem Saxofon "Geräusche machte wie ein Löwe, der, gerade erwacht, sein Maul aufreißt und lauthals gähnt, bevor er die Zähne in des Tages erste Beute schlägt". Über die Kunst des Dokumentarfilmers Albert Maysles, der mit seinem Bruder einst die Rolling Stones in ihrer wildesten Zeit begleitete und bis zu seinem Tod im März in Harlem ein kleines Kino betrieb. Und sie berichtet von ihrer Freundschaft zu der Witwe des Schriftstellers Harold Brodkey. Brodkey (1930 bis 1996) hat sein eigenes Sterben beschrieben als "dieses wilde Dunkel, in das niemand als der eintreten kann, der er ist".

Es ist ein ausgeruhter, essayistischer Erzählduktus, der Luekens Buch prägt. Der Verlag nennt es einen Roman. Lakonisch berichtet die Erzählerin von einem männlichen Gefährten, der in Deutschland geblieben ist, weil er am 11. September 2001 die Attacke auf das World Trade Center miterlebt hat, viele Menschen sterben sah und New York seither meidet; nun kommt er wegen der Krankheit der Heldin doch angereist und sitzt zumindest zeitweise an ihrem Krankenbett.

Kühl skizziert die Erzählerin ihre Familiengeschichte, in der eine starke Mutter die Hauptrolle spielt; diese Mutter hatte im spießigen Deutschland der Nachkriegszeit den Mut, vor aller Augen den ungeliebten Ehemann mit einem anderen Mann zu betrügen und parallel zu ihrer Familie "ein zweites Leben zu führen". Eines Tages sah die Tochter, damals zehn oder elf Jahre alt, den Geliebten der Mutter in der elterlichen Wohnung am Boden liegen, er hatte einen Herzinfarkt erlitten, "ein dünner Faden Blut lief ihm aus dem Mund". Zwei Jahre später ließen sich die Eltern scheiden.

Zauber eines störrischen Eigensinns

Die kleinen und großen Fiesheiten des Lebens protokolliert Luekens Erzählerin mit scheinbar ungerührtem Blick. Natürlich kommt sie dabei immer wieder auf den Krebs zurück, der in ihrer Lunge wuchert, auf die Stigmatisierung der Kranken, über die Susan Sontag geschrieben hat. Die Krankheit habe in den vergangenen 15 Jahren dank des medizinischen Fortschritts und wegen der schieren Zahl der Erkrankten "ihren metaphorischen Mehrwert weitgehend verloren", heißt es einmal in "Alles zählt". Ein andermal behauptet die Erzählerin: Weder ihr eigener Krebs noch der Krebs der anderen habe "irgendeine Bedeutung über die Tatsache der Krankheit hinaus. Sie interessierte sich nicht für Schuldfragen, wenn es einen erwischt hatte. Sie hatte kein moralisches Urteil parat. Nicht über sich und nicht über andere."

Der Zauber eines störrischen Eigensinns zeichnet dieses bei aller Gescheitheit oft herzergreifende Buch aus. Es berichtet auch von einer Genesung: "Eine Durchreisende im Königreich der Kranken", sei sie gewesen, schreibt die Erzählerin in Anspielung auf einen berühmten Susan-Sontag-Satz gegen Ende; in der Gewissheit, dass sie wie alle Menschen nur auf Zeit geduldet ist in der Welt der Gesunden.

Weit weg von New York, an einem Strand in Burma, trifft die Heldin einen liebenswerten fremden Mann, einen Arzt. Sie bricht mit ihm zu einer neuen Reise auf - und glaubt plötzlich jenen Satz zu begreifen, den ihre Mutter im Mund führte: Das Leben sei aller Mühen wert. Ob das wirklich stimmt? Wenn nicht, ist es wenigstens eine der schönsten Lügen, die der Mensch sich denken kann.

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Verena Lueken:
Alles zählt

Kiepenheuer&Witsch; 208 Seiten; 18,99 Euro.

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