Sommer-Komödie Erst das Lächeln macht den Affen

Lächeln, bis keiner mehr weiß, ob man Wissenschaftler ist oder Hochstapler - am wenigsten man selbst: In Michael Frayns sommerlicher Verwechslungskomödie "Willkommen auf Skios" stürzt ein gutaussehender Filou eine griechische Insel in Verwirrung.

Ein Lächeln wie aus "Willkommen auf Skios": "Ich Tarzan, du Jane"
Corbis

Ein Lächeln wie aus "Willkommen auf Skios": "Ich Tarzan, du Jane"

Von Hans-Jost Weyandt


Schau an: ein schiefes Lächeln, mehr braucht es nicht, um den Irrsinn loszutreten. Wer immer schon ahnte, dass die Schmetterlingstheorie ein unterhaltsames Gedankenspiel ist, das ein akademischer Witzbold der Komödie der menschlichen Kommunikation nachgebildet hat, sollte diesen Roman unbedingt lesen.

Dieses Lächeln, das am Ende sogar ein paar Leben kostet, ist allerdings in seiner Nichtigkeit phänomenal. Es ist unschuldig, wenn man unschuldig mit gewissenlos gleichsetzt, und gewissenlos kann man Oliver Fox, den großen schrägen Blonden mit dem schiefen Lächeln, durchaus nennen. Allerdings nicht in einem üblen, schurkischen Sinn. Eher in einem unergründlichen, jedoch außerordentlich vertrauenerweckenden, zugleich aber unfassbar hohlen, quasi post-primatischen Sinn. Vielleicht trifft es am ehesten zu, wenn man sagt: Oliver Fox ist sein Lächeln, sobald es erwidert wird. Es ist ein "Ich Tarzan, du Jane"-Lächeln.

Und wenn Oliver Fox zufälligerweise auf dem Inselflughafen von Skios mit dem Namen Dr. Norman Wilfred angesprochen wird, zumal von einer ausgesprochen erfreulich anzuschauenden Blondine, dann heißt Tarzan diesmal halt Dr. Wilfred. Und weil in dem Namen so ziemlich alles anklingt, was Oliver Fox schon immer mit seiner Person in Verbindung bringen wollte, Seriosität und Anerkennung, schenkt er der Flughafen-Jane sein entzückend schiefes Lächeln, das sie natürlich prompt erwidert. Womit auch schon die Identitätsfrage im Wesentlichen geklärt wäre: Ich Dr. Wilfred, du ...? Nikki. Er darf sie sehr gern Nikki nennen.

Koryphäe für Szientometrie

Nebensächliche Details können warten. Smalltalk fürs Taxi, wobei Nikki dem hoch verehrten Gast der offenbar hoch bedeutenden Fred-Toppler-Stiftung zeigen kann, wie prima sie, Nikki, ihre nicht unbedeutende Aufgaben im Dienst der Stiftung erfülle. Und wie prima es überhaupt sei, eine weltweit anerkannte Koryphäe wie ihn für einen spannenden Vortrag über "Innovation und Governance - Das Versprechen der Szientometrie" gewonnen zu haben. Und dass dieses intellektuelle Event von einer illustren Gästeschar der Superreichen aus allen Ecken der Welt beehrt werde.

Weil Dr. Wilfred von Nikkis Lächeln wirklich sehr angetan ist, vergisst er völlig den ursprünglichen Anlass seiner Reise. Dass er doch eigentlich als Oliver Fox auf Kosten seiner Freundin (oder Ex-Freundin? - Schwierige Frage) nach Skios geflogen ist, um mit der Zufallsbekanntschaft Debbie ein paar nette Tage zu verbringen. Und dass Debbie vielleicht längst gelandet ist. Genauso wie der echte Dr. Wilfred.

Man könnte Oliver Fox einen Hochstapler nennen, doch das unterstellte ihm Täuschungsabsichten, was wiederum ein über den Moment hinausreichendes Denken und eine gewisse zielorientierte Konsequenz im Handeln erforderte, und über beides verfügt Oliver Fox sowenig wie über die leiseste Ahnung, wer er eigentlich sei.

Er ist sich ein Rätsel, wie er seinem Autor rätselhaft ist. Und das bedeutet bei Frayn, der einmal ohne jeden Anflug von Hochstapelei der "philosophischste unter den komischen Schriftstellern" genannt worden ist, dass er in diesem wunderbar leichten Buch nebenbei reflektiert, was einen Menschen eigentlich ausmacht: ein Lächeln? Ein Name? Oder macht ein Oliver-Fox-Lächeln letztlich jeden zum Affen?

Das mysteriöse Wort "Phoksoliva"

Doch weil Verwechslungskomödien solche Probleme in Handlung auflösen und Michael Frayn die Mechanik des Boulevardtheaters virtuos beherrscht, reicht er die Fragen gleichsam weiter an die Fred-Toppler-Stiftung, die sich der Pflege des abendländischen Geisteserbes verschrieben hat - und trifft auf die genau richtigen. Die mondäne Gesellschaft, die sich im luxuriösen, auf edle Einfalt getrimmten Stiftungssitz einfindet, entpuppt sich als zwielichtig schillerndes bis hochkriminelles Pack, wie es amüsanter seit Blake Edwards "Pink Panther" nicht mehr in einer Komödie versammelt war.

Keiner der verdächtig zurückhaltenden Eminenzen, darunter ein russischer Oligarch, das "zweitreichste Paar von Rhode Island" und ein griechischer Bischof, ist auch nur entfernt interessiert an Fragen, die Heikles wie die eigene Identität berühren: gute Bedingungen für Oliver Fox, erstklassige Voraussetzungen für Michael Frayn, den faulen Zauber nach allen Regeln seines Handwerks eskalieren zu lassen.

Dabei ist ihm Oliver Fox' Lächeln die zentrale Schraube im Handlungsgetriebe, an der er dreht, um zu zeigen, wie locker sie andernorts sitzt. Das gelingt ihm glänzend, zumal er weitere Stellschrauben bedient. Denn Debbie ist nicht nur längst auf Skios gelandet, sondern auch im Bett eines seltsamen älteren Mannes, der ihr offenbar einen Vortrag halten möchte. Das Taxibrüderpaar Spiros und Stavros beginnt seinen heillosen Hol- und Bringedienst kreuz und quer über die Insel und das mysteriöse Wort "Phoksoliva" seine verheerende Wirkung zu entfalten.

Nur Oliver Fox lächelt schief über alle Katastrophen und unwahrscheinlichen Wendungen dieses Romans hinweg. Und auch der Leser kann es einfach nicht lassen.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Juli Zehs "Nullzeit", Jim Thompsons "In die finstere Nacht", Michael Maars "Die Betrogenen", Daniel Woodrells "Der Tod von Sweet Mister" und Edouard Levés "Selbstmord".



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