Rezensionen Eduardo Galeano: "Der Ball ist rund und Tore lauern überall" - Verdichtete Märchen

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da war ein Tor fünfeinhalb Meter hoch und es gab Tote. Und einmal, als Meazza zum Schuß ansetzte, rutschte ihm die Hose runter und der Schiedsrichter verschluckte beinah die Pfeife. Der lateinamerikanische Schriftsteller Eduardo Galeano erzählt die leidenschaftliche Geschichte vom Fußball.



Einige Männer rauchen, einige stehen herum und unterhalten sich, andere rennen einem Ball hinterher. Einige nehmen den Ball in die Hand und einige treten anderen gegen das Schienbein, bis sie sich wimmernd auf dem Boden wälzen. Besonders in Tornähe splittern die Knochen, und es soll auch Tote gegeben haben. Das Tor, fünfeinhalb Meter hoch, hat kein Netz, was häufig zu Schlägereien führt. Einige Männer gehen anderen an die Gurgel, weil sie behaupten, der Ball sei durchs Tor geflogen. Einen Schiedsrichter gibt es nicht.

So in etwa sah Fußball aus - bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Dann, im Herbst 1863, einigten sich zwölf englische Vereine in einem Gentlemen's Agreement auf Regeln, die größtenteils heute noch gelten. Es war die Geburtsstunde unseres Fußballs. In den darauffolgenden Jahrzehnten gehörte der neue Fußball zu Englands Exportgütern wie Stoffe aus Manchester und die Eisenbahn. Auch nach Uruguay kam der Fußball. 1889 fand dort das erste Länderspiel statt. Engländer aus Buenos Aires spielten gegen Engländer aus Montevideo, unter einem riesigen Porträt von Königin Victoria.

Viel später, im Jahre 1940, auch in Uruguay, wurde Eduardo Galeano geboren. Und der wollte, wie alle Männer Uruguays, Fußballer werden. Aber weil er "das schlimmste Holzbein der Bolzplätze seines Landes" war, wurde er Schriftsteller, schrieb 1971 den Geschichts-Klassiker "Die offenen Adern Lateinamerikas" und gilt seither als einer der kritischsten Essayisten Südamerikas.

Die Leidenschaft für Fußball aber blieb. "Als unverbesserlicher Stümper und Schande der Fußballplätze", schreibt er, "blieb mir nichts anderes übrig, als die Worte, um das zu bitten, was der so heiß begehrte Ball mir immer verwehrte." Entstanden ist ein Buch mit dem Titel "El fútbol a sol y sombra", auf deutsch: "Der Ball ist rund und Tore lauern überall". Eine Sammlung von 150 kurzen Geschichten. Ein Streifzug durch die Geschichte des Fußballs. Es sind die großen Spieler, denen er huldigt, Zamora, Domingos, Di Stefano, Seeler, Eusebio. Und es sind die Verrücktheiten, die er festhält, weil man sie als Leser nicht kennt, und weil man sie als Aficcionado kennen sollte.

Ramón Unzaga zeigte auf dem Fußballplatz des chilenischen Hafens Talcahuano eines Tages einen besonderen Trick: "Mit dem ganzen Körper in der Luft, den Rücken zum Boden, schossen die Beine mit einem plötzlichen Überschlag den Ball nach hinten." - La Chilena, der Fallrückzieher. Oder die Geschichte, wie Meazza bei der WM 1938 zum Elfmeter antritt. "Meazza nahm Anlauf, und genau in dem Moment, als er den Schuß ausführen wollte, rutschte ihm die Hose herunter. Die Zuschauer erstarrten vor Verblüffung, der Schiedsrichter verschluckte fast seine Pfeife. Doch Meazza griff, ohne anzuhalten, nach seiner Hose und bezwang den Tormann, den das Lachen entwaffnet hatte."

Für Galeano ist Fußball ein Spiel, eine Kunst, die Geschichte von Zauberern und ihren Tricks. Galeanos Geschichten lesen sich wie kleine Märchen. Dichtung voller Leidenschaft, in der sich die Gefühle selbständig machen und die Wahrheit verpacken, in eine Hülle aus Poesie und Phantasie. Über Beckenbauer schreibt er: "Hinten entkam ihm kein einziger Ball, keine Fliege und keine Mücke, die vorbeizukommen suchte; und wenn er mit nach vorn ging, war er ein Feuersturm, der über das Spielfeld raste." Und weil Fußball Leidenschaft und Spiel ist, rechnet Galeano harsch mit denen ab, die im Fußball das Geschäft suchen: Fifa-Funktionäre und Industrielle, die sich Spieler wie Leibeigene kaufen.

Manchmal beim Lesen ist die Grenze der Lust erreicht. Dann, wenn Galeano mit seiner unerschöpflichen Leidenschaft den Leser überfordert. Dann verlieren die Tore von Gento, Puskas, Sanfilippo, Severino, Martino und Heleno ihre Einzigartigkeit, und man ertappt sich dabei, wie man insgeheim hofft, daß es nicht noch mehr Tore werden. Aber es werden mehr, und Galeano hat für jedes eine Geschichte. Denn auch Zarra, Zizinho, Rahn, Di Stefano und Jairzinho haben einzigartige Tore geschossen. Genauso wie Pelé, Beckenbauer, Rocha und Sunderland. Und das sind selbst für jemanden, der Fußball liebt, ein paar Tore zu viel.

Nicol Ljubic

Eduardo Galeano: "Der Ball ist rund und Tore lauern überall". Peter Hammer Verlag, Wuppertal; 277 Seiten; 29,80 Mark.

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