Rezensionen Federico Di Trocchio: "Newtons Koffer" - Aufklärende Anekdoten

Geniale Außenseiter, die die Wissenschaft blamierten - und sie weiterbrachten.



Ob Frankenstein, Doktor Jekyll oder der kauzige Erfinder aus "Zurück in die Zukunft" - der geniale, aber von der Wissenschaft verkannte Außenseiter ist ein beliebtes Thema in Literatur und Film. Den realen Vorbildern hat sich nun der Journalist und Wissenschaftshistoriker Federico Di Trocchio angenommen. In seinem fundierten und amüsanten Überblick beschreibt er Fälle, in denen Außenseiter durch bahnbrechende Entdeckungen die Wissenschaft blamiert haben.

England im Jahr 1796: Der Landarzt Edward Jenner findet heraus, daß man Menschen durch eine Impfung mit Kuhpocken immunisieren kann. Damit bringt er den bekanntesten britischen Facharzt für Tropenkrankheiten gegen sich auf. Auch dessen Kollegen werfen Jenner Unwissenschaftlichkeit vor. Sie argumentieren: Menschen, die mit dem Rindervirus geimpft werden, verwandelten sich in Kühe.

Als eine völlig idiotische Idee verwirft 1878 einer der kompetentesten Experten die elektrische Beleuchtung. Die technischen Probleme, sagt Sir William Preece von der Londoner Royal Society, seien unlösbar. Wenige Monate später schafft der Amerikaner Thomas Edison den Durchbruch: Seine Glühbirne brennt für damalige Verhältnisse lange - 13 Stunden.

Der Mathematikprofessor Simon Newcomb schreibt 1903 einen Artikel, in dem er beweist, daß keine Maschine fliegen kann, die schwerer ist als Luft. Zwei Wochen später gelingt den Brüdern Wright der erste Flug in eben einer solchen Maschine.

Stumpfsinn und Konformität bescheinigt Di Trocchio in vielen weiteren Fällen dem wissenschaftlichen Establishment: "Sie sind nicht nur nicht in der Lage anders zu denken, sondern weisen diejenigen, die es versuchen, auch noch zurück und grenzen sie aus." Die Frage ist: wieso? In Jenners Fall war es Arroganz. Denn der Arzt hatte kein Universitätsdiplom. Und Edison und die Brüder Wright sprengten zu ihrer Zeit schier das Vorstellungsvermögen des "gesunden Menschenverstandes" - und das der Wissenschaft.

Di Trocchio zeigt die Größen und die Ketzer der Wissenschaft von ihrer menschlichen Seite. Galilei zum Beispiel hielt seinen Kollegen Kepler für einen ausgemachten Wirrkopf. Deswegen lieh er ihm nie eines seiner Teleskope. Newton war wie Einstein ein Paradebeispiel für Zerstreutheit. Häufig lief er mit offenen Schnürsenkeln, rutschenden Hosen und zerzausten Haaren umher. Und der englische Physiker Charles Glover Barkla erhielt 1917 den Nobelpreis, zu einer Zeit, als er längst nicht mehr bei Verstand war. Er hatte angefangen, nur noch über das "J-Phänomen" zu schreiben, an das niemand glaubte und das nach Barklas Tod vollständig aus der wissenschaftlichen Literatur verschwand.

Di Trocchios Buch ist mehr als eine Anekdotensammlung. Behutsam führt der Autor auch den Laien zu wichtigen Stationen der Wissenschaftsgeschichte und macht die Gedankengänge nachvollziehbar. Schließlich plädiert Di Trocchio für die Öffnung der Institution Wissenschaft. Denn die Ausgrenzung von nicht etablierten Forschern behindert den Fortschritt.

Viele Entdeckungen erfordern eher Vorurteilslosigkeit und Kreativität als Kompetenz und Intelligenz: "Kolumbus entdeckte Amerika, gerade weil er in Mathematik und Astronomie ein Dilettant war und sich bei der Berechnung des Erdumfangs irrte." Wissenschaft kann nur innovativ bleiben, folgert Di Trocchio, wenn es ihr gelingt, für originelle Ideen von außen offen zu sein und zwischen halbkompetenten Ketzern und absoluten Spinnern zu unterscheiden. Oder mit Einsteins Worten: "Denke wenigstens eine halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem, was deine Kollegen denken."

Bernhard Lill

Federico Di Trocchio: "Newtons Koffer. Geniale Außenseiter, die die Wissenschaft blamierten". Aus dem Italienischen von Andreas Simon. Campus Verlag, Frankfurt/Main; 285 Seiten; 48 Mark.

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