Rezensionen Marcello Mastroianni: "Ja, ich erinnere mich" - Gang durch den Film seines Lebens

Die jetzt erschienen Erinnerungen des 1996 verstorbenen Italieners machen Lust auf alte Filme und Kichererbsensuppe.
Von Günther Fischer



Klugerweise hat Marcello Mastroianni sein Büchlein nicht "Memoiren" untertitelt - der Wissensdurst, den er dann hätte stillen müssen, wäre um einiges größer gewesen. Dann wäre es um den Menschen Mastroianni gegangen, seine Gefühle, seine Frauen, seine Siege und Niederlagen. Doch die Erinnerungen, die uns der 1996 verstorbene Schauspieler beschreibt, sind von einfacher Qualität: "Ich erinnere mich sehr gut an den Geschmack und an den Geruch von Kichererbsensuppe..." Marcello erzählt uns den Film seines Lebens, flaniert durch seine Erinnerungen, schildert im Plauderton Anekdoten, wie Filmstills.

Seine Namen- und Nummernrevue läßt nicht nur ein längst in die Vergangenheit entschwundenes Kino auferstehen. Mastroianni kannte sie tatsächlich auch alle, die Stars seiner Zeit, ihre Macken, Vorlieben und Eitelkeiten. Er beschreibt sie und seinen Umgang mit ihnen vergnüglich, uneitel und liebevoll: wie er John Wayne imitiert; wie er als 15jähriger alle drei Monate bei Vittorio de Sica vorsprach und um eine Rolle bettelte; welche Wohltat ein Lob von Fellini war; daß er seine Filmangebote nur nach den damit verbundenen Reisemöglichkeiten auswählte ("als Tourist der Luxusklasse") und warum aus dem heiß ersehnten Traumpaar Sophia Loren/Mastroianni nie wirklich eines wurde. Man liest sie gerne, seine Bruchstücke der Erinnerung, die Appetithäppchen, die Lust machen, wieder in den Klatschmagazinen von vorgestern nachzulesen und sich den einen oder anderen Film noch einmal anzusehen.

Als Federico Fellini, der seine Filmfiguren immer erst zeichnete, bevor er das passende Schauspielergesicht dazu suchte, Mastroianni zum ersten Mal aufmerksam betrachtete, meinte er: "Du bist richtig. Dein Gesicht ist so leer, da kann man alles darin lesen..." Auch die Schilderungen Mastroiannis legen den Verdacht nahe: Was wie noble Zurückhaltung und Bescheidenheit anmutet und Mastroianni zeitlebens zum Vorteil gereichte, war offenbar nur Naivität. Und so wird Mastroianni uns wohl in Erinnerung bleiben: als charmanter Naivling, der das Glück hatte, in der noch unschuldigen Zeit des europäischen Kinos die richtigen Leute zu treffen; als Mensch, der sein Leben spielte, während das echte an ihm vorbeizog und als Schauspieler, dem wir unvergeßliche Filme verdanken. Den Verdacht, daß es über den Menschen Mastroianni nichts zu erzählen gibt, hatte er übrigens selbst: "Ach ja, es ist, als ob ich immer ein Leben in Klammern geführt hätte, in der Erwartung, daß irgendwann, später, das richtige Leben beginnen würde; aber vielleicht (ohne Übertreibung) hat es nie eines gegeben."

Marcello Mastroianni: "Ja, ich erinnere mich". Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl; Zsolnay Verlag, Wien; 176 Seiten; 29,80 Mark.

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