Rezensionen Wolfgang Welt: "Peggy Sue und andere Geschichten" - Es war einmal in Bochum

Im Ruhrpott arbeitet ein Nachtportier, der ist eigentlich Schriftsteller. Wolfgang Welt schrieb in "Peggy Sue und andere Geschichten" ein Lob der Möglichkeiten.




In jenem Jahr, als in Bonn ein neues Staatsoberhaupt den Dienst antrat und in Kalifornien ein anderer Präsident zum Scherz die Bombardierung der Sowjetunion ankündigte, kam auch Wolfgang Welt, damals 31, seinem Lebensziel näher. Schriftsteller wollte er werden.

Sechs Wochen braucht der Ex-Schallplattenverkäufer und Popkritiker für "Peggy Sue", seinen "Roman", der eine Autobiographie ist. Um "einigen Leuten ein Denkmal zu setzen, die sonst nicht einmal einen Grabstein kriegen würden", schreibt er auf, was er erlebt hat in Vorstadt-Disko oder -Fußballclub. Ohne hohen Ton, eins zu eins das Leben, zufällig in Bochum.

Welts Versuche, diesem Alltag zu entfliehen, sind immer wieder gescheitert. Was bleibt, ist das Lob der Möglichkeiten. "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester." Doch unglücklich ist, wer die große Liebe in fast jeder Frau sucht - ob die nun Ute heißt, wie Sabines Schwester, oder Sue, wie die englische Brieffreundin. Tröstlich: Deren Mutter heißt Peggy. "Das ergab ,Peggy Sue', mein Lieblingslied von Buddy Holly. Fand ich lustig." Am Ende ist alles wie immer, nur etwas aussichtsloser.

800 Exemplare von "Peggy Sue" wurden verkauft. War Wolfgang Welt einmal mehr der Zeit voraus? Doch wer zu früh kommt, dem verzeiht das Leben - manchmal. "Das ultimative Buch über, für und gegen den Ruhrpott" (Leander Haußmann im Vorwort) ist jetzt wieder zu haben, mit anderen Geschichten. Aus denen geht neben Wissenswertem über Menschen wie Heinrich Lübke, Lou Reed und Helmut Klingelberg auch hervor, wie es weiterging mit Wolfgang Welt. "Ich war so pleite, daß ich zurück zu meinen Eltern ziehen mußte. Ein Jahr später stand ich auf und dachte, aus meinen Eltern seien Herbert Wehner und Marilyn Monroe geworden. Auf einmal war ich verrückt geworden und mußte in die Psychiatrie."

Richard von Weizsäcker ist heute Rentner, Ronald Reagan auch. In Bochum aber arbeitet ein Nachtportier, mittlerweile 45, der ist eigentlich Schriftsteller. An seinem zweiten Roman sitzt er seit über zehn Jahren. Vielleicht lebt er ihn erst einmal.

Wolfgang Welt: "Peggy Sue und andere Geschichten". Edition Xplora, Bochum; 248 Seiten; 29,80 Mark.



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