Comic "Der Araber von morgen" Die Heulsusen sind überall

Ob Christchurch oder Berliner Weihnachtsmarkt, die mentale Munition von Vorurteilen ist die gleiche. Das illustriert ein aus Kindersicht erzählter Comic: Riad Sattoufs exzellenter neuer Band von "Der Araber von morgen".

Riad Sattouf/ Penguin

Von


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Ist das jetzt rassistisch? Es ist jedenfalls lange her, dass ich einen unsympathischeren Muslim in einem Buch oder Comic entdeckt habe als Abdel. Und das ist kein Zufall, denn dieser Muslim ist nicht nur deshalb Muslim, weil irgendein Drehbuchautor fand, dass die Rolle noch Fleisch braucht: Bei Abdel hängen die negativen Eigenschaften und seine Herkunft, sogar sein Glaube unmittelbar zusammen. Abdel ist einer der Hauptcharaktere aus dem exzellenten vierten Teil der Serie "Der Araber von morgen".

Riad Sattouf zeichnet darin seine eigene Kindheit zwischen den Welten, zwischen Frankreich und verschiedenen arabischen Kulturen. Abdel ist sein Vater. Man hat schon in den ersten drei Bänden eine gewisse Distanz Sattoufs zu ihm vermuten können, aber so heftig wie jetzt war das noch nicht.

Zur Erinnerung: Abdel, ein Syrer, studiert in Frankreich, lernt dort Riads bretonische Mutter kennen und zieht nach dem Doktortitel mit seiner Familie erst nach Libyen, dann nach Syrien, um als Dozent zu arbeiten. Denn Abdel hängt nicht nur an seiner Familie, er träumt auch von einer Zukunft für die islamische, die arabische Welt, er möchte diese Zukunft seiner Heimat mit aufbauen.

Leider ist diese Heimat nicht sehr aufbaufähig. Der kleine Riad beobachtet in den ersten Bänden immer wieder, dass große Teile der Gesellschaft archaisch geprägt sind, gerade auf dem Land. Abdel müsste sich gegen die Traditionen stellen, aber so modern ist er eben doch nicht. Er will Karriere machen, aber Ziel dieser Karriere ist ein "Palast" und Anerkennung als großer Wissenschaftler - innerhalb der kaum belesenen Dorfgemeinschaft.

Dass Abdel diesen unauflösbaren Widerspruch nicht zu erkennen vermag, ist die Wurzel einer Menge Konflikte. Doch während das in den ersten Bänden noch naiv, skurril oder idealistisch wirken konnte, schildert Sattouf seinen Vater jetzt als unsympathisch, reaktionär, inkompetent und sogar verschlagen.

Fotostrecke

8  Bilder
Comic "Der Araber von morgen": So isser, der Araber

Irritierend dabei ist, dass all das in Sattoufs freundlichem, niedlich-kindlichem Zeichenstil erzählt wird. Riad ist jetzt zwölf, es kommt ihm komisch vor, mit seinen Spielsachen zu spielen. Mädchen sind auf einmal nicht mehr nur Mädchen. Außerdem sieht er seinen Vater inzwischen seltener: Die Familie lebt in Frankreich, Abdel doziert in Saudi-Arabien und kommt nur in den Ferien. Er versucht, die Familie nachzuholen, aber seine Frau will nicht. Abdel schwärmt vom Reichtum Arabiens, erzählt von seiner märchenhaften Karriere.

Aber die Realität sieht so aus, dass die Ferien im heruntergekommenen Haus im syrischen Dorf verlebt werden müssen und dass die goldene, diamantenbesetzte Uhr, die ihm die Scheichs aus Respekt geschenkt haben, sich beim Juwelier als preiswerte glasbesetzte Silbervariante entpuppt. Den Aufenthalt in Saudi-Arabien hat er für eine Wallfahrt nach Mekka genutzt - was ihm im Heimatdorf mehr Anerkennung einbringt als jegliche Bildung. Abdel genießt das und inszeniert sich jetzt mehr als Glaubensexperte. Das wiederum entfremdet ihn dem westlichen Teil seiner Familie.

Abdels Französisch wird schlechter, dafür wettert er gegen Juden im Fernsehen, die ständige Benachteiligung der Araber. Saddam Hussein erlebt er als starken Mann, der endlich alle Ungerechtigkeiten geraderückt, sich Kuwait zurückholt und durch weitere westliche Ungerechtigkeiten aufgehalten wird. Obendrein hat ihn sein Spott über die US-freundlichen Saudis den Job gekostet.

So isser, der Araber

Abdel sitzt jetzt also zu Hause und hat nichts zu tun. Weil Riad mit Mädchen und Pickeln kämpft, in Frankreich von den Mitschülern nicht für schwul gehalten werden will und in Syrien von den Araberkindern nicht für einen Juden, bekommt er genauso wenig mit wie der Leser, dass sich Abdel radikalisiert.

Es ist nicht ganz unverständlich, dass in gewöhnlich rechts unterrichteten Kreisen beim "Araber von morgen" mitunter die Korken knallen. Nach dem Motto: So isser, der Araber, und da haben wir's mal aus erster Hand, denn der Sattouf, der muss es wissen, ist ja alles autobiografisch. Man muss sich allerdings das rechte Auge schon mit zwei Händen zuhalten, um peinliche Parallelen zu übersehen: Die Denkmuster sind erstaunlich ähnlich.

Preisabfragezeitpunkt:
18.05.2019, 05:00 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Riad Sattouf
Der Araber von morgen, Band 4: Eine Kindheit im Nahen Osten (1987-1992) Graphic Novel (Eine Kindheit zwischen arabischer und westlicher Welt, Band 4)

Verlag:
Penguin Verlag
Seiten:
288
Preis:
EUR 26,00
Übersetzt von:
Andreas Platthaus

Es sind immer die anderen, die schuld sind. Juden. Amerikaner. Liberale. Die EU. Frauen. Neumodische Geschlechter mit ihrem Extraklo. Brillant beobachtet ist Abdels wiederholtes, gebetsartiges Aufzählen aller Ungerechtigkeiten. Es hat deutlich auch etwas Wohliges, Tröstliches, dieses Frei- und Lossprechen von aller Schuld und Verantwortung für die eigene Situation. Das ist es, was den Vorgang so attraktiv macht, nicht nur für Abdel. Denn genau dieses Modell, dieses berechnende und wehleidige Suhlen in der Opferhaltung, all das offerieren - mit anderen Schuldigen - Heulsusenvereine wie Fidesz, IS, FPÖ oder AfD.

Doch nicht nur Abdels überraschendes Finale zeigt, dass es sich hier allenfalls anfangs bloß um Sprüche und gedankenlose Rituale handelt: Die Betonung der Opferrolle ist stets Vorprogramm für das, was sich anders nicht rechtfertigen lässt, sie dient dem konstanten Abbau der Hemmschwellen, gerade bei professionellen Vorjammer-Lappen wie Orbán, Salvini, Strache, Höcke.

Ob Christchurch oder Berliner Weihnachtsmarkt, die mentale Munition ist stets die gleiche. Was den "Araber von morgen" so unterhaltsam und elegant einleuchtend macht: Riad Sattouf weiß, dass es genügt, diesen Mechanismus einseitig zu schildern, um universell zu wirken.

insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Newspeak 08.04.2019
1. ...
"Denn genau dieses Modell, dieses berechnende und wehleidige Suhlen in der Opferhaltung," Ironischerweise sind aber viele der Kaempfer fuer gleiche Rechte aus dem Spektrum benachteiligter Minderheiten auch extrem darum bemueht, sich immer wieder als Opfer des Systems darzustellen, und daraus ihre Legitimation zu ziehen, wenn sie Sonderrechte fuer sich einfordern. Mir scheint, wir alle sollten mal etwas weniger wehleidig sein. Individualismus bedeutet quasi per Definition, das wir uns in unserer Persoenlichkeit unterscheidbar machen. Es ist dann irgendwie widersinnig, es dann schon als Diskriminierung zu empfinden, wenn gerade diese selbst hervorgehobenen Unterschiede auch von anderen Menschen zur Unterscheidung herangezogen werden. Ich behaupte, das Problem ist unaufloesbar, und die Ursache fuer die zeitgenoessischen Irrungen und Wirrungen.
Ein Spielverderber 08.04.2019
2.
Zitat von Newspeak"Denn genau dieses Modell, dieses berechnende und wehleidige Suhlen in der Opferhaltung," Ironischerweise sind aber viele der Kaempfer fuer gleiche Rechte aus dem Spektrum benachteiligter Minderheiten auch extrem darum bemueht, sich immer wieder als Opfer des Systems darzustellen, und daraus ihre Legitimation zu ziehen, wenn sie Sonderrechte fuer sich einfordern. Mir scheint, wir alle sollten mal etwas weniger wehleidig sein. Individualismus bedeutet quasi per Definition, das wir uns in unserer Persoenlichkeit unterscheidbar machen. Es ist dann irgendwie widersinnig, es dann schon als Diskriminierung zu empfinden, wenn gerade diese selbst hervorgehobenen Unterschiede auch von anderen Menschen zur Unterscheidung herangezogen werden. Ich behaupte, das Problem ist unaufloesbar, und die Ursache fuer die zeitgenoessischen Irrungen und Wirrungen.
Du unterschlägst aber die Frage, daß es individuelle Merkmale gibt, z.B. ob man ein Mann oder eine Frau ist, Hautfarbe, etc., oder ob man einer bestimmten Geisteshaltung anhängt und diese nach außen trägt, z.B. einen Bayern-München-Schal trägt oder in Chemnitz bei Demonstrationen den rechten Arm hebt. Während man ersteres sich nicht aussuchen kann und es in der Regel einfach sichtbar ist, was vielen der erwähnten Jammerlappen als einfaches Feindbild dient, zeugt nur zweiteres von einer Individualisierung.
Braveheart Jr. 08.04.2019
3. Brilliant ...
... vor allem die Beobachtung, daß Abdel und Höcke zwei Seiten derselben Medaille sind (selbstverständlich die billige, dünn vergoldete Version). Denn das beweist endgültig, daß der Islam zu Europa gehört. Jetzt muß Björn mir nur noch erklären, warum unsere Vorfahren nicht schon 732 in der Nähe von Tours auf diese Idee gekommen sind. Und ob das, was ich geschrieben habe, Satire ist oder nicht ...
Newspeak 08.04.2019
4. ...
Zitat von Ein SpielverderberDu unterschlägst aber die Frage, daß es individuelle Merkmale gibt, z.B. ob man ein Mann oder eine Frau ist, Hautfarbe, etc., oder ob man einer bestimmten Geisteshaltung anhängt und diese nach außen trägt, z.B. einen Bayern-München-Schal trägt oder in Chemnitz bei Demonstrationen den rechten Arm hebt. Während man ersteres sich nicht aussuchen kann und es in der Regel einfach sichtbar ist, was vielen der erwähnten Jammerlappen als einfaches Feindbild dient, zeugt nur zweiteres von einer Individualisierung.
Das ist ein guter Punkt. Ich denke aber, er macht nicht den grossen Unterschied. Denn einerseits halte ich persoenlichen Geschmack, auch wenn man ihn sich theoretisch aussuchen kann, praktisch fuer beinahe ebenso festgelegt, wie ein unveraenderliches, biologisches Merkmal (zumindest innerhalb bestimmter Lebensphasen, natuerlich entwickelt sich das ueblicherweise im Laufe des Lebens und abhaengig von der Lebensphase oder der Umgebung, in der man sich befindet). Andererseits gibt es ja auch unveraenderliche Merkmale, durch die sich das Individuum nicht definiert fuehlen muss. Nicht jeder Homosexuelle haelt seine sexuelle Orientierung fuer hervorhebenswert oder engagiert sich im Kampf um Gleichberechtigung. Es geht mir, wenn ich meine Ansicht verfeinern kann, also weniger, ob ein Merkmal unveraenderlich ist, oder selbst gewaehlt, sondern ob man es fuer seine Persoenlichkeit hervorhebt, und insbesondere, ob man es dazu benutzt, sich als Opfer zu inszenieren, obwohl man das persoenlich vielleicht gar nicht ist. Im Grunde waere die Frage zu beantworten, ob die Stoerung von Befindlichkeiten, die jemand fuer sich reklamiert, zu erleiden, nicht narzisstisch gepraegt, d.h. Ausdruck von gekraenkter Eitelkeit ist, weil man sich mit einem oder mehreren Persoenlichkeitszuegen hervorheben wollte, aber nicht die positive Aufmerksamkeit erfaehrt, die man sich erhofft hat? Ich weiss darauf nicht die allgemeine Antwort, aber in manchen Faellen scheint es mir so zu sein.
Skalla-Grímr 08.04.2019
5. Ich heule mit
Ja, wenn ich z. B. eine Rede von Claudia Roth sehe, denke ich oft: Gegen die sind Orbán oder Salvini doch richtige Heulsusen. Gibt es bei SpOn eigentlich Extrakohle für externe Autoren, wenn in den Text noch ein substanzloser Rundumschlag gegen rechts eingebaut wird?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.