Epos über Kriegsgefangene Man lebt und stirbt wie ein Hund

Reise in die Hölle: Booker-Preisträger Richard Flanagan setzt in "Der schmale Pfad durchs Hinterland" australischen Soldaten in japanischer Kriegsgefangenschaft ein Denkmal.

Kriegsgefangene in Asien: Krüppelaufgebot gedemütigter Sterbekandidaten
Corbis

Kriegsgefangene in Asien: Krüppelaufgebot gedemütigter Sterbekandidaten

Von Daniel C. Schmidt


Nicht wohlmeinende Tugenden, das lernt Dorrigo Evans in seiner Jugend in der rauen Abgeschiedenheit Tasmaniens von klein auf, nicht Pflichtbewusstsein, Weisheit oder Tapferkeit, sondern Gefühle sind der einzige Kompass im Leben. Nur Gefühle können Erinnerungen wecken und beim Verarbeiten der Ereignisse helfen. Das schwere Trauma, das Evans, den Protagonisten in Richard Flanagans nun auf Deutsch vorliegendem Roman "Der Schmale Pfad durchs Hinterland", umtreibt, ist die Zeit als Kriegsgefangener unter der japanischen Besatzung Südostasiens.

Was der Australier Flanagan mit diesem Schlüsselerlebnis aufgreift, ist historisch verbürgt: Im Zweiten Weltkrieg mussten Hunderttausende Sträflinge die berüchtigte Zugstrecke zwischen Thailand und Burma für die Versorgungslinien der japanischen Armee errichten.

Für die fiktionale Figur Evans wird "das Pharaonenprojekt" zur Umerziehung der Gefühle - die anfängliche Abenteuerlust ("Er konnte es gar nicht erwarten, in den Krieg zu ziehen") und die Erwartungshaltung, für die richtige Sache zu kämpfen, weicht der ewigen Last der Demütigung, die Evans bis an sein Lebensende verfolgt: "Aus gutem Grund bezeichnen die Kriegsgefangenen den nun folgenden langsamen Abstieg mit zwei einfachen Worten: die Strecke. Von nun an gab es nur noch zwei Sorten von Menschen: jene, die auf der Strecke gearbeitet hatten, und den ganzen Rest. Oder vielleicht auch nur eine: Männer, die die Strecke überlebt hatten."

Genau darum geht es: Es ist alles nur geliehen

Bevor Flanagan seinen Helden auf die "Reise in die Hölle" schickt, lernen wir den einstigen Soldaten der australischen Armee als alten Mann kennen. In der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen verehrt als Kriegsheld, erinnert sich der nunmehr 77-jährige Evans an die prekäre Jugend auf der kargen Insel Tasmanien und den unerwarteten Aufstieg als Mediziner an der Universität in Melbourne. Evans kommt aus einem Haushalt, in dem es heißt, man lebe und sterbe "wie ein Hund". Also schmückt er sich mit dem Status, den ihm der soziale Aufstieg verleiht. Aber genau darum geht es: Es ist alles nur geliehen.

Das Erklimmen der Karriereleiter hoch bis zum Rang des Sanitätsoffiziers verdankt er zwar den Tugenden, durch die er nach dem Krieg mit Tapferkeitsauszeichnungen überschüttet wird. Trotzdem bleibt er außerstande, die Ereignisse ein für allemal abzuschütteln. All der Mut und die Disziplin, mit der er die Gruppe der rund tausend Gefangenen anführt und die er gegen die systematische Brutalität der japanischen Aufseher verteidigt, helfen ihm nicht, die Bilder des Wahnsinns im Kopf zu verdrängen. Evans flüchtet sich nach dem Krieg in seine so sichere wie unaufgeregte Ehe mit seinem "Sweetheart" Ella, einer Tochter aus gutem Hause. Gleichzeitig droht ihm im Alter durch sinnlose Affären die endgültige Abstumpfung seiner Gefühle.

Der Protagonist torkelt durch einen Liebessommer

Das Gegenteil ist beim jungen Evans der Fall. Der Erzähler lässt ihn nach einer verheißungsvollen Zufallsbegegnung mit einer schönen Blonden durch einen Liebessommer und von dort direkt in den Dschungel Burmas torkeln: Der schneidige Einsneunzig-Soldat, dessen Augen vor der Verschiffung in den Bars und Cafés der Großstadt gerne wandern, versteht die Liebe als kurzes, intensives Glück. Die männlichste aller Fragen, welche Frau die richtige sein könnte, spricht er nie aus.

Lieber fängt er in stillen Momenten der Intimität an, Fluchtpunkte zu suchen: "Er spürte die gewaltige Schwerkraft ihres Verlangens, die ihn anzog, die ihn in eine Geschichte hineinzog, die nicht die seine war, und nun, da er alles bekommen sollte, wovon er in der letzten Zeit geträumt hatte, wollte er so schnell wie möglich entkommen." Wenn er sich körperlich abgearbeitet hat, lässt er seine Liebschaften fallen wie ein abgebranntes Streichholz.

Als später aus dem straff organisierten Gefangenenlager der Japaner längst ein Cholera-verseuchtes, Parasiten-befallenes Krüppelaufgebot unterernährter, geprügelter, gedemütigter Sterbekandidaten geworden ist, sind diese Erinnerungen das Letzte, was den Zwangsarbeiter Evans mit der Welt außerhalb des Dschungels noch verbindet.

Was ist der Lohn eines tugendhaften Lebens?

Ob er es aus dem Lager zurück zu seiner Liebschaft findet, ist nur vordergründig Flanagans Thema. Der Schriftsteller, dessen Vater als Kriegsgefangener auf diesem "schmalen Pfad" unter den Japanern arbeiten musste und den Leidensweg überlebte, hinterfragt vielmehr den Lohn eines tugendhaften Lebens.

Die komplexe Struktur des Romans, für den Flanagan 2014 den britischen Man Booker Prize gewann, erwacht durch das Wechselspiel zwischen Aufbruch der Chronologie und Perspektive. Einige der eindringlichsten Szenen sind nicht aus Evans' Sicht geschildert, sie werden mit den Augen anderer Gepeinigter und ihrer Peiniger gesehen. Die japanischen Lageraufseher, auf Droge gegen die Malaria und sowieso im Hörigkeitsrausch, bauen ihr Terrorregime auf den von Evans verachteten Eigenschaften auf. Gefangen zu sein, geben sie den Australiern zu verstehen, sei die denkbar größte Schande; für den japanischen Kaiser zu arbeiten, die einzige Möglichkeit, ihre Ehre wiederherzustellen.

Diese Logik verspricht Absolution durch weitere Demütigung. So schwülstig der Roman an einigen der amourösen Stellen ist, so tough und unerbittlich sind Flanagans Schilderungen des Lageralltags. Selbst als nur noch das nackte Überleben für jeden einzelnen zählt, längst getrickst, gefeilscht, geklaut wird, klammern die Häftlinge sich an die kleinste Geste der Zivilisation, um sich die Menschlichkeit zu wahren.

Die, die durchgekommen sind, stehen allerdings vor dem großen Warum. Habe ich das verdient? Was dieses Buch herausragend macht, ist das Ergründen dieser Frage. Welchen Wert hat Überleben, wenn man mit Schuldgefühlen weiterlebt?

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